Ich weiß noch, wie niedrig das Bett war; als wäre es gestern gewesen.
Dass ich darunterpasse, macht ziemlich eindeutig, wie früh diese Erinnerung sein muss, meinst du nicht auch?
Ich meine, klar, ich habe natürlich noch andere, fetzenhaftere, die ich nicht genau einsortieren kann. Ein Sonnenstrahl, der zufällig hereinfällt, in dem die Staubflocken golden tanzen. Ein Lachen. Wärme von Feuer und einer kuscheligen Decke an einem großen, weichen Körper. Der liebevolle Gesang einer Frau.
Huh. Ich kann gar nicht sagen, ob es meine Mutter oder meine Ommá war, die gesungen hat.
Ich weiß nur, dass er mich jedes Mal traurig macht, dieser Gesang, wenn ich ihn wieder im Ohr habe.
Aber diese wiederkehrenden Fetzen... sie sind nicht wirklich wichtig, glaube ich. Nicht hierfür; nicht um das Chaos in meinem Kopf zu bereinigen.
Nein. Nein, ich denke, ich weiß jetzt zumindest, wo ich mit dieser Arbeit anfangen muss. Was wahrscheinlich die erste Erinnerung ist und was die späteren.
Aber dass es ausgerechnet diese sein muss….
Eh.
Ich bin ein Narr. Natürlich ist es die.
…Hab wohl doch noch nicht alles verarbeitet, wie?
Mh. Man sollte nicht meinen, wie lange Zeit ich darüber nachgegrübelt habe, warum manche Dinge sich so eingebrannt haben und andere völlig verblasst sind. Dabei ist es doch so offensichtlich….
Womöglich ist immer noch einiges durcheinander. Aber so einiges ist sicher nur, dass mir damals wirklich soviel Zeug durch den Kopf gewirbelt ist. Ein Versuch mich von dem Geschehen abzulenken, oder? Alles, nur nicht im Jetzt sein.
Machen Hirne sowas gezielt? Dieses Chaos in dir? Damit man Dinge nicht versteht, von denen sie denken, dass man sie besser nicht verstehen sollte?
Es ist wahrscheinlich die Dissoziation damals, die es so schwer macht durchzusteigen, oder? Warum alles so durcheinander ist.
Wahrscheinlich sollte ich das wirklich erstmal für mich selbst sortieren, ehe ich mich daran mache, jemandem die Teile der Geschichte aufbereiten zu wollen, die für sie relevant sind. Sonst mache ich wirklich noch deswegen Fehler.
Fehler, die wir uns nicht leisten können. Nicht bei dem, was wir vorhaben.
Du weißt, wer Ihnen die Geschichten erzählen muss. Und auch warum ich damit ein Problem habe. Das hier muss sitzen.
Du kannst das nicht machen. Ich weiß, du könntest das besser. Aber die alten Geschichten sind immer noch nicht genug verblasst, soviel ist bei meinem letzten Besuch überdeutlich geworden. Die Gefahr, dass sie dich erkennen, ist zu groß. Zuviele Details, die noch überlebt haben.
Also heißt es tiefer graben.
.
... hmm... Da. Siehst du das da? Das ist was ich meine.
Der letzte Rest unterschwelliger Wahrnehmung meiner Umgebung verblasst endgültig. Das versteckte Tal, in dem wir uns befinden mit all seinem saftigen Grün und gedämpften Violett, dem Schimmern von Gold- und Bronzetönen und Schillern von Silber, den sanften Vogelstimmen, dem leisen Wasserplätschern und dem Sirren der Insekten. Mit all seiner schwülen Wärme und selbst dem leichten Wind auf meiner Haut.
Stattdessen entsteht vor mir das lebhafte Bild einer viel weiteren, offeneren Umgebung. Der riesige Wald. Die noch größere Gebirgskette, die sich in einem Bogen um alles schlingt, was beide verbergen. Die taubedeckten Wiesen um den See, der eigentlich ein Binnenmeer ist. Der Nebel rundherum. Als undurchdringliche Wand auf dem See selbst, welche das andere Ufer verbirgt und natürlich auch, was sich grob in der Mitte des Sees befindet, von dem damals nur gewispert wird. Als Bodennebel auf den Wiesen und oft auch in dem kleinen Dorf, das ab einer gewissen Zeit gar keines mehr war. Aber gerade ist es noch eines. Fischerkaten bestimmen das Bild, spröde, windschiefe Holzbauten, zusammengestückelt und hier und da chaotisch erweitert wie’s gerade ging; die im Sommer die Hitze nicht genug draußen halten und sie im Winter zu schnell verlieren, nur gerettet durch die Nähe zur Wärme des Sees, die alles überdeckt und durchdringt.
Die Feuchtigkeit ist selbst jetzt und hier auf meiner Haut, im hintersten, untersten Winkel der Hütte, in der ich kauere. Versteckt unter einem Bett, das manch andere so gar nicht nennen würden.
Eine Lagerstatt für die ganze Familie; eine miserable Affäre aus glattem Rundholz und getrockneten Schilf- und Baumblattfasern. Eine Matratze, die kaum den Namen verdient; mehr ein riesiger grober Sack, mit getrocknetem Gras ausgestopft, das immer etwas modrig riecht, weil diese Feuchtigkeit einfach nie wegzubekommen ist.
Dieselbe Feuchtigkeit, die auch dazu führt, dass die Hütten regelmäßig in Teilen erneuert werden müssen, von innen bis außen, von Dach bis Wand, vom Regal bis zu den Klamotten. Es fehlt das Holz, um die Kate heiß genug aufzuheizen, besonders im Winter, wenn es auch noch kalt wird und sich der stete Kampf gegen den unwiderruflich eintretenden Schimmel dazugesellt. Und im Sommer der Wille dazu, weil es ohnehin zu heiß ist. Wahrscheinlich würde die Feuchtigkeit dann sowieso nur von den Wänden tropfen – und wem wäre damit geholfen?
Aber das ist ein zu neuer Gedanke, von meinem Ich, das aus dem Jetzt und einer Art Vogelperspektive auf das alles herabsieht. Es ist nicht, warum diese Szene so relevant ist.
Dieser spezifische Abend, dieser spezifische Streit, vor dem sich das kleine Kind da versteckt, sich die Ohren zuhaltend, sich klein machend im Versuch gar nicht da zu sein und den Kopf voller Chaos und wirren Erinnerungen – alles, alles, nur nicht im Hier und Jetzt sein.
Es spürt die Feuchtigkeit auf der Haut gar nicht mehr, die ich wahrnehme; die Nebel lassen mich die alte Wahrheit umfassender wahrnehmen als einzelne Personen es konnten, solange ich noch nicht zu tief hineingehe.
Das Kind hört selbst die Geräusche nur noch gedämpft – was wahrscheinlich Sinn und Zweck der Übung ist. Es bekommt seine Umgebung kaum noch mit. Versinkt in Gedankenchaos und einem Nebel, der nichts mit dem Nebel vom See zu tun hat; der doch gar kein See ist, und immer diese Feuchtigkeit überallhin trägt – ebenso wie seine Wärme.
Dieses Kind fühlt keine Wärme. Nicht mal im Sommer. Es fühlt die meiste Zeit gar nichts und spürt doch viel zuviel. Ist selbst ein wandelndes Paradoxon. Ein Kind, das zu viel weiß und doch viel zu wenig versteht. Etwas, das nicht existieren sollte und es doch tut. Etwas, das lebt – und doch auch irgendwie nicht. Noch nicht.
Manche der Dinge in diesem Bild, im Kopf dieses Kindes, die Gefühlsbilder, die nur ich in Worte fassen kann, nicht das Kind, fühlen sich -im Nachgang- an, als hätte ich sie erst später gedacht.
Kann ich wirklich als kleines Kind schon so klar gesehen haben, selbst wenn ich keine Worte dafür hatte? Oder ist das nur, dass ich es aus dem Heute sehe, wenn ich daran zurückdenke, versuche mich zu erinnern, wie es war? Schlüpft etwas von mir mit hinein, in die alten Bilder? So wie ich jetzt bin? Meinem Denken?
Aber jedes Mal, wenn ich daran denke, fühlt es sich an wie… Jetzt. Direkt, und unmittelbar.
Ich brauche nur meine Augen zu schließen. Manchmal sogar ohne das. Als würde es jetzt gerade wieder passieren. Und ich fühle mich einen Moment lang völlig überzeugt davon, dass es so, ganz genau so gewesen ist und nicht anders. Niemals anders.
Nur die Worte dafür? Die sind natürlich meine von heute; zum Großteil zumindest.
Ein paar aber sind eindeutig von damals – wenn sich Worte eingebrannt haben anstatt nur das Gefühl, oder wie alles aussieht.
Und doch…
Meine Erinnerungen sind eine merkwürdige, wankelmütige Sache. Vor allem die frühen. Es sind alles Unterwasserbilder – Dinge, die ich wie durch eine dicke Schicht Nebel wahrnehme. Oder eben, als wäre ich unter Wasser und alles andere darüber. Verschwommen. Gedämpft. Verzerrt.
Ich weiß schon, wo das herkommt; du hast es mir oft genug gesagt. Dissoziation. Trauma. Derealisation. Depersonalisation. Heute verstehe ich das.
Aber damals?
Götter, wie oft wir aneinander vorbeigeredet haben... es ist schon ein wenig traurig, oder?
Erneut das Gefühl eines sachten Händedrucks. Heute bin ich nicht mehr allein, dem gegenüber.
Damals habe ich so wahnsinnig wenig davon verstanden. Ich erinnere mich immer noch, als ob es gestern erst gewesen wäre; ob mich nun die Erinnerung mal wieder spontan aus dem Nichts überfällt oder ich sie gezielt suche, wie jetzt.
Merkwürdig wie gerade die frühesten manchmal so hartnäckig bleiben. Ist es das, was mit Uhland damals passiert ist? Hm.
Denkst du er hatte eine schöne Kindheit? Falls ja, war es vielleicht vielmehr eine Gnade. Regelrecht wundervoll. Er schien so glücklich am Ende.
Ganz anders als bei mir…
Es ist wirklich als wäre ich wieder mittendrin. Ohne dass ich überhaupt danach greifen muss, um mich hineinzubegeben, wie mit den anderen Erinnerungen.
Huh. Okay. Ja, ich denke, das ist, wo wir starten sollten, wenn ich das hier aufdröseln soll.
Wird auch wirklich mal Zeit. All die Jahre hatten wir nie so wirklich Zeit dafür... Wir sollten das hier wohl so oder so längst mal tun. Auch wenn es heute nicht mehr so wichtig scheint, so akut wie früher.
Wir sollten es trotzdem endlich loswerden, auch ohne all das andere. Es wird uns guttun, das loszulassen.
Hier. Genau hier.
Oh. Das war ein Lichterfest? Welt, ich hätte es nie dafür gehalten. Ich habe sie bisher immer nur als Festtage erinnert.
Aber das hier...
***
Es war einer dieser Tage, an denen sie besonders heftig stritten.
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Explore the English Sneakpeeks
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Die deutsche Version ist schon weiter als die Übersetzung;
da es sich bei ihr um das Original handelt ;)
Wer mag, kann aber natürlich auch mal die (freie) englische Übersetzung testen
(die wiederum, da sie neuer ist, hier und da Updates erhalten hat, die wiederum in der deutschen noch eingefügt werden müssen - das klassische Work in Progress-Problem):
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[aus „Herkunft“, Jäger-Reihe, Band 1;
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