TEIL 2 von "Herkunft" (Buch 1 der Jäger-Reihe)
Von unwilligen Lehrmeistern und anderen Sturköpfen
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TEIL 2
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Im Nebel fischen zu gehen ist selten eine gute Idee.
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(32ter Denkspruch der Aphorismen des Fischers)
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Kapitel 10: Sìntram - Das Kind vor der Tür
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Es war ein Tag wie jeder andere.
Noch lange bevor es hell wurde, hatte er nicht mehr schlafen können. Er hatte erledigt, was in einer kleinen Hütte so an Beschäftigung anfiel; die Felle und Decken aufschütteln und auslüften, die Feuerstelle säubern, das eine Brett für Kleinigkeiten an der Wand und die Truhe in der Ecke mal wieder abstauben, ausfegen, ein wenig Holz hacken – nicht dass der kleine Schuppen außen mit der Befüllung hinterher gewesen wäre – den kleinen Kräuter- und Gemüsegarten in Augenschein nehmen und hier und da ein wenig Unkraut herausrupfen, ein neues kleines Feuer zum Kochen entzünden, Wasser für einen Tee aufsetzen; war sich waschen gegangen, hatte gleich noch die getragenen Kleider ausgewaschen und in die neuen gewechselt, war wieder heimgekommen; hatte Kräuter in das mittlerweile heiße Wasser hinzugegeben, hatte die Waffen überprüft, eines der Messer frisch geputzt und geschliffen, das es vertragen zu können schien, den Tee von der steinernen Kochstelle genommen, hatte sich mit ein paar Pfeilen hingesetzt um sie auszubessern, während er den Tee noch etwas ziehen ließ, sein Morgenbrot gerichtet, gefrühstückt. Wenn man das um diese Tageszeit schon frühstücken nennen konnte. Immerhin hatte sich mittlerweile das Licht draußen zu einem dunklen Grau gelichtet, also war es wohl legitim. Die meisten Fischer würden jetzt wohl auch schon aufgestanden sein.
Nach dem Morgenbrot begann das Warten, wie üblich, wenn er nicht zu einer Jagd im Morgengrauen unterwegs war. Er genoss noch einen zweiten langsamen Becher Tee, drehte das tönerne Gefäß in den Händen, ließ seine Augen auf der feinen Gravur ruhen, ohne wirklich hinzusehen. Schließlich gab er sich einen Ruck, holte sich ein paar passende Zweige aus dem Bündel an der Wand und begann neue Pfeile zu schnitzen. Die gewohnte Arbeit ging leicht von der Hand, sein Jagdmesser - scharf wie eh und je – glitt fast wie durch Butter über die Zweige, schnitt feine Schichten ab, verteilte Holzraspel auf dem Boden. Später würde er nochmal ausfegen dürfen. Aber es war ja nicht so, dass er zu wenig Zeit hätte. Ein feines, sarkastisches Lächeln huschte sekundenlang über sein Gesicht, hier, wo es keiner sehen konnte. Immerhin beschäftigte ihn die Arbeit; das raue Holz und der Knochengriff des Messers in seinen Händen gaben ihm eine Oberfläche, auf die er sein Denken konzentrieren konnte.
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Ein feines Geräusch draußen ließ ihn aufhorchen, während seine Hände weiter der gewohnten Arbeit nachgingen, ohne auch nur eine Sekunde innezuhalten und preiszugeben, dass er etwas vernommen hätte. Macht der Gewohnheit. Ruhig und gelassen, beiläufig, schweifte sein Blick durch den Raum, nahm mit ungezeigter Konzentration jedes noch so feine Detail seiner Umgebung auf, während der Geist blitzschnell die Situation analysierte, ohne dass es sich in seinem Gesicht widergespiegelt hätte; selbst hier nicht, wo es keiner sehen konnte. Macht der Gewohnheit...
Seine Nase vermeldete einen feinen Duft, von draußen, der hier nicht hergehörte. Seine Ohren folgten dem leisen Rascheln auf den noch taufeuchten, von Frühnebel durchzogenen Gräsern, das sich auf die Hütte zubewegte. Relativ schnell. Zu schnell für einen sich normal nähernden Bewohner des Dorfes jedenfalls. Außerdem kam kaum einer von denen je hierher. Ein leises Knarren des Holzes in der Hütte, völlig normal. In der Hütte selbst war alles wie immer, unberührt. Außerdem wäre es ihm schon vorher aufgefallen, wenn jemand hereingekommen wäre, als er draußen gewesen war.
Dort hatte sich die Dunkelheit inzwischen gelichtet, wovon die Helligkeit zeugte, die mittlerweile in der Hütte herrschte, durch die feinere Lederhaut innen vor dem kleinen Fenster hereinfallend, die er noch davor gelassen hatte, das dickere Leder bereits zurückgeschlagen, ebenso wie die Fensterläden außen. Aber wer sollte in dem Tempo zu ihm kommen? Ein Notfall im Dorf, zu dem man ihn holen würde? Unwahrscheinlich. Die Schritte wurden langsamer, als sie in eine gewisse Nähe der Hütte gekommen waren. Zu nahe. Und zu wenig verlangsamt für jemanden, der sich anschleichen hätte wollen. Noch dazu aus der falschen Richtung; der offenere Weg aus dem Dorf – auch wenn es kein richtiger Weg, nicht einmal ein gescheiter Pfad war. Die Furcht eines Dorfbewohners, der ihm eigentlich nicht nahekommen wollte? Eine Verlangsamung um besser zielen zu können, wenn jemand einen offenen Angriff versuchen würde?
Instinktiv prüfte er noch einmal bewusster die Luft. Holz, Hütte, sein eigenes kleines Kochfeuer, Wald, die Wiese draußen, Kräuter... und dieser feine Duft von draußen. Keine bemerkenswerten Essenzen, Brandgeruch oder sonstiger Odor, der ihm einen weiteren Hinweis gegeben hätte. Während seine Sinne die Lage analysierten; nach dem ersten Okay, dass hier drin nichts war, das ihn davon abhielte sein Wissen preiszugeben, indem er handelte, war er bereits lautlos aufgestanden und hatte sich Bogen und Köcher von der Wand geschnappt – man wusste nie, ob etwas in einer Verfolgung enden würde und dann war es immer gut seinen Bogen dabei zu haben, der dem eventuell frühzeitig ein Ende setzen konnte; wozu die Sache in die Länge ziehen. Als die Schritte, leicht, aber längst nicht leise genug, um ihn zu überraschen, schließlich vor seiner Tür ankamen, war er längst daneben postiert, den Langdolch - den er stets in Griffweite hatte beziehungsweise am Körper trug - gezückt und in geeigneter Ausgangsposition um einen Eindringling schnell zu überwältigen. Wer immer davor stand, hielt inne und – tat nichts; zu lange um sich nur einen Eindruck vom Schloss zu verschaffen, das man eventuell hätte knacken müssen.
Dann klopfte es plötzlich. Doch ein Dorfbewohner? Er wartete ab. Entweder würde derjenige gleich sagen, was los war – bei einem Notfall hätte der typische Dorfbewohner das sicher schon getan, von Weitem, also vorher, daher fiel der Punkt ohnehin schon flach; aber wenn man ihn schon belästigte... – oder aber er würde die Dummheit seines Einfalls erkennen und kehrtmachen, wenn er noch ein wenig länger Zeit zum Nachdenken hatte. Wenn es doch etwas Anderes war – unwahrscheinlich, aber möglich — sollte derjenige ruhig selbst die Türe öffnen und sich damit womöglich in eine nachteilige Position manövrieren.
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Stattdessen – klopfte es erneut.
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Und dann noch einmal.
Der feine Duft von draußen kitzelte ihn in der Nase und er steckte langsam den Dolch wieder weg; wurde sich endlich bewusst, dass er ihn definitiv schon einmal im Dorf wahrgenommen hatte. Überzeugt davon, dass die Situation definitiv unbedrohlich war, und genervt davon, dass die Person nicht einfach kehrt machte, machte er kurzentschlossen die Tür einen Spalt breit auf und linste hinaus; musste seinen Blick mit einem Ruck nach unten schweifen lassen, als er feststellte, dass auf seiner Augenhöhe niemand war. Von einem der... – natürlich; das erklärte die leichten Schritte. Reine Gewichtssache, nicht etwa... -
...Kinder!?
Zum Donner. Abrupt schlug er die Tür wieder zu.
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Für einen kurzen Moment entglitt ihm sein Gesicht, ehe er sich wieder in den Griff bekam, und er ärgerte sich über sich selbst. Gut, dass keiner hier war und das mitbekam. Er wusste nur zu gut, welche Reaktionen er dafür wieder zu ertragen hätte. Was zum Henker wollte dieses kleine Ding bei ihm? Das Bild eines mageren, zerzausten kleinen Mädchens von vielleicht fünf Jahren schob sich unaufgefordert wieder vor sein inneres Auge; wie es dort draußen stand, die kleinen, schlanken Hände, deren Textur schon jetzt von Arbeit zeugte, unbewusst zu Fäusten geballt, so fest, dass die Knöchel weißlich hervortraten; die großen Augen, von der Farbe eines Waldsees, mit klarem, festem Blick auf ihn gerichtet, als würde sie irgendeine ganz bestimmte Reaktion fest von ihm erwarten; kein Zögern in Miene oder Haltung, kein Zittern in den Knien, keine bibbernden Lippen, nicht einmal ein halbes Beiseitestehen, das in irgendeiner Weise von der üblichen Scheu gezeigt hätte, mit der die Kinder des Dorfes ihm begegneten.
Ebenso unaufgefordert sah er plötzlich die Augen eines anderen kleinen Mädchens vor sich, ebenso klar und aufmerksam direkt auf ihn gerichtet, aber von mutig verborgener Furcht geweitet – und doch auch von einer gewissen Neugierde und unterdrückter Hoffnung erfüllt. Zurückgehaltene Tränen die darin standen. Der Brief in ihrer Hand… Dieselben Augen in einem erwachsenen Gesicht, aber nun hart und unerbittlich, die zarten Lippen von einer frischen Wunde geziert, die ihr eine Hasenscharte verpassen würde – und alles, was damit einherging.
Von einer nicht zu unterdrückenden Handgeste begleitet wischte er sich die Bilder vor seinem inneren Auge weg, verbannte diese Gedanken aus seinem Kopf, während er sich auf den Fellen seiner Wandpritsche wiederfand und erst jetzt wirklich bewusst seine eigentliche Umgebung wieder wahrnahm, den Blick auf den kleinen Schemel gerichtet, den am Boden ein Schauer von Holzraspeln säumte. Er schüttelte leicht den Kopf, als wolle er damit seinen Geist klären.
Wenigstens hatte das Klopfen vor der Tür aufgehört.
Aber seine feine Nase teilte ihm mit, dass der Grund dieser Störung sich trotzdem noch nicht von dannen gemacht hatte, sondern nach wie vor seine Tür belagerte. Grandios. Er unterdrückte ein Seufzen, weigerte sich, diesen Gedanken weiter nachzugehen, und sah sich im Raum um, was er noch hier tun könnte. Was, erwartungsgemäß, nicht viel Sinnvolles war. Schließlich entschied er sich dafür, einfach zu bleiben wo er war, zog ein Fell über sich und versuchte wieder einzuschlafen; was ihm natürlich nicht gelingen wollte, also bemühte er sich wenigstens in einer Wachtrance Ruhe zu finden. Er hatte heute nichts Bestimmtes zu tun und keine Lust auf die Welt da draußen; noch weniger darauf, sich dem wartenden Kind zu stellen, was immer es auch wollte. Was konnte es schon wollen?
Wahrscheinlich... urgh. aufhören! ... Er weigerte sich, diesen Gedanken weiter zu verfolgen; aber seine Gedanken wollten trotzdem noch keine Ruhe geben. Ein Kind, das zu ihm kam... welcher perversen Laune der Natur war das nun wieder entsprungen? Abrupt drehte er sich zur Wand um, zog sich das Fell nun komplett bis über die Ohren und vergrub die Finger einer Hand in einen der rauen Holzstämme, aus denen das Haus aufgebaut war; konzentrierte sich auf den Tastsinn, ließ die Wahrnehmung der Berührung den Rest der Welt übertönen, seine Sinne auf ein Minimum an unterschwelliger Wachsamkeit herabschrauben, die er immer bei sich trug und die ihn abrupt wieder bewusst wachrufen würde, wenn irgendetwas der Aufmerksamkeit Wertes geschehen sollte. Die Welt konnte ihn mal.
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Am nächsten Morgen war sie immer noch da.
Die Welt ebenso wie das Mädchen.
Eine Weile tigerte er rastlos in der Hütte umher, bis es ihm schließlich zu bunt wurde. Sich von einem kleinen Mädchen einsperren zu lassen, hah... Ärgerlich warf er sich seinen Bogen und Köcher über, stieß die Tür auf, trat mit einem großen Schritt über den kleinen Körper, der sich davor zusammengerollt hatte, und knallte die Tür hinter sich zu. Glücklicherweise kam das Mädel offenbar überhaupt nicht auf die Idee, ihm womöglich noch zu folgen, sonst hätte er womöglich Probleme damit gehabt, seinen Schritt bewusst fest und ruhig zu halten – vor einem kleinen Mädchen davonzurennen, das wäre... keine Ahnung was es gewesen wäre; es war nicht geschehen, Punkt. Den Tag über blieb er im Wald, streifte hierhin und dorthin, folgte eine Weile diesem oder jenem Tier, ohne eines zu schießen. Warum wusste er selbst nicht so genau. Besser gesagt verlor er sich völlig in diesem eigentlich völlig sinnfreien Tun, in der Bewegung, dem Beobachten, den Gerüchen und Geräuschen, dem Licht- und Schattenspiel des Waldes. Abends hatten ihn seine Schritte wieder zu seiner Hütte zurückgelotst; das kleine Mädchen, das am Morgen noch davor gewartet hatte, war in Vergessenheit versunken wie ein nächtlicher Traum, den man am Morgen danach vergessen hat.
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Bis er in die Nähe seiner Hütte kam. Und sich dieser ‘Traum’ erneut als Realität aufdrängte.
Denn da saß sie nunmehr an der Hausecke und zwirbelte irgendein Stöckchen oder einen Halm zwischen den Fingern herum – so genau sah er nicht hin, als er an ihr vorbei auf die Tür zusteuerte und sie wieder hinter sich zuknallte. Trotzdem war sie unbestreitbar immer noch da. Mürrisch machte er sich ein Abendessen und fragte sich, ob sie zum Abendessen zu ihrer Familie oder seinetwegen zu sonst wem verschwinden würde. Was sie nicht tat. Diesmal konnte er ein leises Seufzen nicht mehr unterdrücken. Falls das so weiterging, würde er wohl bald etwas unternehmen müssen, und sei es nur, damit sie endlich verschwand und ihn in Ruhe ließ.
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Tatsächlich... war sie auch am Morgen danach immer noch da.
Allem Wunschdenken zum Trotz.
Er konnte sie draußen rumoren hören, als er aufwachte. Schien wohl Alpträume zu haben; jedenfalls murmelte sie etwas vor sich hin, warf sich offensichtlich im Schlaf herum.. Ärgerlich riss er sich von weiteren Betrachtungen los, schob jeden weiteren Gedanken an die unerwünschte Störung weit von sich und machte sich erst einmal einen Tee und etwas zu essen. Aber zumindest herausfinden, was los war, musste er nun wohl trotzdem. Bald. ...Später...
Ein Klopfen störte ihn mitten im Eingießen des Tees. Kleiner Frühaufsteher, wie? ... Er wollte doch einfach nur seine Ruhe. War das dermaßen schwer zu verstehen? Hartnäckiges kleines Ding. Er schüttelte den Gedanken ab und frühstückte zu Ende, ehe er wieder seine Jagdwerkzeuge packte und in den Wald verschwand, weit weg von diesem unerbetenen Besuch, der nichts, aber auch gar nichts, bei ihm verloren oder zu suchen hatte; dieses Mal so, dass sie es nicht mitbekam.
Allerdings nagte an diesem Tag die ganze Zeit das Bild des kleinen, in sich zusammengerollten Wesens, das sich in Alpträumen wälzte, tief in seinem Hinterkopf; machte ihn fahrig und ungeduldig, sodass er schon Meilen voraus weithin das Wild aufscheuchte und daher nicht einmal mehr dem nachgehen, sondern nur noch so durch den Wald streifen konnte. Vermaledeite Göre. Konnte sie ihn nicht einfach in Ruhe lassen?!
Missmutig hielt er inne, als er abends feststellte, dass ihn seine Schritte schon wieder zur Hütte zurückgelenkt hatten und das Mädel als noch davor herumlungerte. Zwang sich schließlich mit stoischer Miene die letzten Schritte zur Hütte zu stapfen, die Tür zu öffnen und wieder hinter sich zuzumachen.
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Erst eine ganze Weile später ließ ihn etwas stutzen. Für einen Moment musste er grübeln, was es überhaupt war, das ihn aufmerken ließ. Dann wurde ihm beim üblichen Durchgang seiner Sinneswahrnehmungen und der Analyse der Situation bewusst, dass er ihre Anwesenheit gar nicht mehr so recht wahrgenommen, sondern erst bei genauerem Hinsehen bemerkt hatte. Und dass er sie auch jetzt nicht bewusst wahrnahm, außer er konzentrierte sich darauf. Fast so als sei sie schon etwas, das sich unaufdringlich in das Bild einfügte... als ob sie...
Hierhergehörte...?! Konnte es denn sein...? Er hielt einen Moment inne. Leerte seinen Geist. Ließ sein Bewusstsein schweifen. Was wusste er über sie? Er rief sich ihr Bild vor Augen und hielt es in einer Ecke seines Bewusstseins fest, als einen Anker, an dem sich Verknüpfungen sammeln konnten. Wo hatte er sie zuerst gesehen?
Langsam entstand das Bild des Dorfplatzes vor seinem inneren Auge, auf den er zuschritt. Leute, die geschäftig ihren Arbeiten nachgingen oder zum Nachbarn gehen wollten, gerade etwas besprachen; einige kleine Kinder, die am Rande des Platzes spielten... wie üblich hielten sie alle abrupt inne, als sie sein Näherkommen wahrnahmen. Gespräche wurden leiser oder verstummten ganz, die meisten verdrückten sich mehr oder weniger hastig an den Rand des Geschehens, machten instinktiv ein paar Schritte rückwärts, ohne es überhaupt zu bemerken, die Kinder verdrückten sich furchtsam in Ecken oder hinter Steine, die als Versteck dienen konnten, insofern sie nicht weit genug weg waren, dass sie sich in Sicherheit wiegen konnten – einige selbst trotzdem. Bis auf eines.
Die Kleine war die einzige Person in der ganzen Umgebung, die überhaupt nicht auf sein Näherkommen reagierte, sondern die Eidechse viel interessanter fand, die sie gefunden hatte. Ein Anzeichen?
Aber so früh schon?
Erst die deutliche Bewegung eines ihrer Kameraden, der ihr verstohlen zu gestikulieren versuchte, brachte sie dazu, hochzusehen und sich nach der Quelle der Störung umzuschauen. Was ihren Blick logischerweise zu ihm führte. Und ihn dort hängenließ, anstatt dass sie hastig wieder weggesehen hätte und zur Seite gesprungen wäre, weil er schon so nahe war und sie halb in seinem Weg saß. Stattdessen schien sie ihn fasziniert zu mustern, hatte den Kopf leicht schief geneigt und beäugte ihn neugierig. Sah ihm direkt in die Augen, als wollte sie auf deren Grund blicken, als könne man in ihn wie in einen See hineinblicken.
Ein Funken Irritation. Als das nicht funktionieren wollte? Ihr Blick war hell und offen. Die Augen waren noch nicht so dunkel gewesen...
Hm. Merkwürdig. Andererseits; nein, eigentlich nicht.
Er hatte schon oft gesehen, wie sich die Augenfarbe von Kindern, genauso wie die Haarfarbe, im Laufe des Wachstums noch veränderte. Die meisten Leute achteten nur nicht darauf oder nahmen den Unterschied nicht wahr, weil sie das Kind täglich sahen und der Unterschied für sie so dermaßen schleichend vor sich ging, dass es ihnen schien, als gäbe es gar keinen.
Aber etwas an diesen Augen...
Merkwürdig war jedenfalls, dass sie nicht vor ihm zurückwich. Wenn er das Bild so vor sich hielt... - etwas kribbelte in seiner Nasenspitze, sodass er selbstvergessen mit dem Finger darüber strich. Er hatte beinahe das Gefühl, als hatte sie irgendetwas sagen oder tun wollen... etwa ihn ansprechen, etwas fragen?
Er konnte sehen, wie ihre Augen zuerst auf ihn fixiert waren und sich erst nach und nach auf Erweiterung des Blickfeldes einstellten, langsam die Umgebung deutlicher wahrnahmen. Der Junge neben ihr war in dem Moment hastig zur Seite gewichen, weil er inzwischen näher herangekommen war. War es diese Reaktion, die sie dazu veranlasste, es ihm gleich zu tun, nicht ein nur verspätet einsetzender Reflex bei ihr selbst? Hatte sie vorher vielleicht gar nicht deswegen nicht reagiert, weil sie ihn nicht bemerkt hatte, sondern womöglich sogar, weil sie ihn... als artgleich erkannte; schon gerochen hatte, dass er zwar seine Ruhe wollte, aber nicht wirklich aggressiv und als Bedrohung daherkam?
Es könnte passen…
Aber wenn er sich das Bild wieder vor Augen führte, hatte er irgendwie eher den Eindruck, so merkwürdig das schien, dass sie ihn nur als einen Teil der Umgebung ansah, der völlig normal und unbedrohlich erschien, etwas das dort hingehörte. So wenig Sinn das auch machte. Sonderbar...
Er erinnerte sich daran, dass noch bei anderen Besuchen im Dorf gelegentlich ein Kinderschemen am Rande gewesen war, der neugierig das Geschehen beäugt hatte; ihm gefolgt war, sich näher herantrauend als die anderen, die zwar dasselbe taten, aber sich dabei weitab hielten. War sie das gewesen? Sollte sie vielleicht wirklich... Er schüttelte den Kopf, wie um seine Gedanken zu klären und starrte auf seinen Tee hinab. Aber gerade dann macht es doch eigentlich gar keinen Sinn, wenn... Sie hätte ihm so oder so nicht auch noch folgen dürfen. Er schlenkerte den Becher einmal langsam in der Hand, schaute sinnierend der Wellenbewegung darin zu. Er hatte noch nie einen Menschen mit einem solch seltsamen Verhalten getroffen. Und auch kein anderes Wesen. Abrupt riss er den Becher hoch und stürzte den mittlerweile schon wieder lauwarm gewordenen Tee hinab. Es drängte ihn hinauszugehen und etwas nachzugehen... er wusste selbst noch nicht so recht, wohin er eigentlich wollte, aber…
Er hielt abrupt in der Bewegung inne, seine Hand schon nach der Klinge ausgestreckt, den Bogen über der Schulter, als es an der Tür klopfte. Was zum... Oh. Natürlich; eigentlich konnte es nur Eines sein. Aber, dass sie ausgerechnet jetzt...
Kurzentschlossen riss er die Tür auf.
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Tatsächlich stand erwartungsgemäß wieder die Kleine davor und sah zu ihm hoch, als warte sie auf etwas. Nun, vielleicht in dem Moment ein wenig überrascht, dass ihr die Tür vor der klopfenden Hand weggerissen worden war, die sie noch in halber Bewegung innehaltend hochgereckt hatte, um erneut zu klopfen. Dennoch war ihr Blick nicht auf die Tür oder ihre gerade halb hochgereckte Hand gerichtet, sondern grob auf die Höhe, auf der sich sein Gesicht befand – hinter der Tür befunden hatte. Es bedurfte kaum einer Korrektur, um ihm direkt in die Augen zu sehen, jetzt da er die Sichtbarriere entfernt hatte, wie sie es kurz darauf tat. „Was willst du?“ brach es aus ihm heraus. Ein wenig barsch vielleicht, weil er sich über sich selbst ärgerte; darüber welche Richtung seine Gedanken genommen hatten, darüber was das hier bedeuten konnte, darüber… einfach über alles. Schon halb resigniert, weil er ahnte, worauf das hinauslief, ohne dass er es recht vor sich zugeben wollte. Genauso wenig wie er sich damals hatte eingestehen wollen, dass er die abweichende Reaktion der Kleinen bemerkt hatte oder ihre Versuche ihm unauffällig zu fol...
Zeig mir, wie man jagt?!
Ihre Antwort riss ihn abrupt aus den Gedanken, die ihm sekundenschnell durch den Kopf schossen. ... Ausgerechnet. Oh nein. Nein. Nicht doch... … Nicht das.
Nach den vorherigen Überlegungen zu ihrem früheren, irritierenden, aber in der Hinsicht scheinbar einen eindeutig negativen Bescheid bringenden Verhalten hatte er schon überhaupt nicht mehr erwartet, dass so etwas folgen würde, wie er es zuvor – es vor sich selbst verbergend, nicht wahrhaben wollend – schon befürchtet hatte. Über all diese Dinge gleichermaßen wurde er sich erst jetzt, in diesem Moment erst, so richtig bewusst. Seine Gedanken überschlugen sich, während er noch ein knappes Nicken zustande brachte, dass er ihre Antwort registriert hatte, und dann scheinbar zielstrebig, aber innerlich verstört, dem Wald zustrebte.
Er wusste nicht einmal, ob er die Tür noch hinter sich zugezogen hatte. Doch, er musste... er hatte, halb in Gedanken. Ein Zuknallen jedenfalls hatte er nicht mehr zustande gebracht. Andererseits meinte er sich zu erinnern, dass das Mädel nach diesem Satz auch nur irgendwie verstört an der Wand zusammengesunken war, noch ehe er recht an ihr vorbei war, fast als bemerke sie ihn gar nicht mehr.
Er unterdrückte ein Seufzen. Also doch. Konnte sie sich nicht jemand anderen suchen? Warum ausgerechnet ihn? Warum nicht... seine Miene verdüsterte sich abrupt und er bemerkte, dass er ebenso plötzlich stehengeblieben war. Nein. Nein, sie.... solchem zu überlassen war auf jeden Fall keine Option. Und wer wusste, ob es da draußen nicht noch mehr von der Sorte gab? Auf jeden Fall gab es genug Andere, die auch ihre helle Freude hätten, wenn sie ihnen in die Hände... wenn sie feststellen würden, was da bei ihnen gelandet war... Nein. Nein, das konnte er nicht zulassen. Aber musste denn ausgerechnet er... verdammt. Er wusste nur zu gut, dass es hier keinen anderen in der Gegend gab, der sich ihrer annehmen könnte. Er konnte sie ja wohl auch schlecht zu einem der...
Irritiert blieb er wieder stehen und nahm nun erst wieder die Umgebung um sich wirklich war. Ein Pfad, der vor ihm vorbeiführte. Nebel. Nahe am Seeufer... und er war ziemlich sicher, dass sich am einen Ende dieses Pfades ein kleiner, verfallener Steg in den See erheben würde, halb verborgen im Schilf. Während am anderen... ...was tat er eigentlich hier? Warum war er ausgerechnet...
Wieder hatte er die Augen vor sich stehen. Ihre Augen.
Die des kleinen Mädchens; nicht die von ihr. Wie Waldseen... lichte Waldseen, grünlich schimmernd unterm Blätterdach… Gleich einer...
Ein Bild das sich unaufdringlich, friedlich, träumerisch aus dieser Assoziation erhob: eine kleine, halb verborgene, stille Quelle, gelegentlich von spiegelnden Reflexen durchzogen; kleinen munteren Goldfünkchen, die leise vor sich hin tanzten, wo das sachte rauschende Blätterdach von sanftem Wind bewegt die funkelnden Strahlen warmen Sonnenlichts auf die klare Oberfläche treffen ließ... …Waldseen...
…Waldseen…?! Oh, verdammt. Sie war doch nicht etwa...? Konnte das sein?
Schnell überschlug er die Zeitspanne. Wie alt waren ihre Eltern, wie alt die Großeltern? War sie etwa...
War er deswegen auf diesem Weg gelandet? Er konnte sich kaum vorstellen, weswegen er sonst auf diesem Pfad landen sollte, ohne dass er bewusst hatte dorthin finden wollen. Welchen Grund er selbst haben könnte...
Beinahe seufzte er doch noch. Beinahe. Nun... nein, er wusste nur zu gut, dass er ständig einen Grund hatte, dorthin zu wollen.
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Aber nein. Das war nicht vordringlich genug.
Dieses reflexartige Verlangen, geboren aus dem einen Wunsch… hatte er längst unter Kontrolle bekommen. Er hatte zu lange gewartet, als dass ihn noch der emotionale Drang so beherrschen könnte wie zu Beginn, wenn man den Wunsch noch jeden Moment überdeutlich verspürt und kaum zu bändigen weiß. Er hatte längst gelernt es zu unterdrücken, es kaum noch zu beachten. Er wusste nur zu gut, dass es noch nicht so weit war, dass es noch weitere Jahre dauern würde, ehe... ehe es so weit war. Es war zu früh, und es gab keine Hoffnung, dass irgendetwas plötzlich beschleunigt vonstattenginge. Diese Hoffnung hatte sich längst als unsinnig herausgestellt; sie konnte ihn nicht mehr beherrschen. Er wusste, dass es nichts brachte, ständig nachzuhaken – außer alles zu verschlimmern, indem man es in den Vordergrund ließ; hatte sich längst von solchen Zwängen befreit und darauf eingerichtet, dass der Alte ihn rufen würde, wenn…
… wenn er es...
… hatte er etwa?? Eine plötzlich unerwünscht aufwallende, überwältigende Hoffnung verdrängte jeden anderen Gedanken. Stand er deswegen hier? War das etwa der lang ersehnte Ruf, jetzt schon, so viel früher schon, ehe es doch frühestens soweit hätte sein sollen?
Sein Verstand und die zur Gewohnheit gewordene innere Kontrolle schalten ihn einen Narren; wenn der Alte gerufen hätte, dann wäre der Ruf viel deutlicher gewesen. Deutlich genug, dass nicht der geringste Zweifel bestehen konnte. Dann wäre da eine echte Kontaktaufnahme gewesen und nicht... das.
Und dennoch schweifte sein Blick plötzlich ob des unerwarteten Geschehens, das der brennenden Hoffnung, die ihn doch schon längst genug gequält hatte, durch die reine, völlig unverhoffte Neuartigkeit frischen Auftrieb gab, den Pfad entlang und er erwartete beinahe seinen alten Freund den Pfad herabkommen zu sehen, langsam und fröhlich pfeifend, so als sei der normalste Tag der Welt… Oh ja, das würde zu ihm passen...
Die Sekunden zogen sich in die Länge, in denen die plötzlich aufwallende, unerhörte, bösartige Hoffnung schmerzhaft in ihm pochte.
Es war nicht nur der Umstand an sich, der ihn so unversehens aus dem Gleichgewicht brachte; die Tatsache, dass sich das Unerwartete ausgerechnet hierdurch zeigte, darin dass sich plötzlich ausgerechnet dieser Weg vor ihm öffnete, seine Schritte ihn ausgerechnet hierher gelenkt hatten; hierher, wo er nicht hätte enden sollen, außer in wenigen klar umgrenzten Umständen, die alle nicht gegeben waren.
Es lag auch daran, dass es generell nicht mehr viel gab, was er nicht schon von der Welt zu erwarten gelernt hätte. Und doch kam dieses Geschehen jetzt völlig unvorhergesehen, traf ihn absolut unvorbereitet; wo er gedacht hatte, er sei auf so gut wie alles vorbereitet, ihn könne nichts mehr groß überraschen.
Wenn das möglich war, wenn er sich darin schon getäuscht hatte – warum sollte nicht auch Anderes möglich sein, sie sich nicht auch in anderem getäuscht haben...?
Die Hoffnung jubilierte, wisperte, lockte... spielte mit seinem Herzen Haschmich, wie sie es schon lange, sehr lange nicht mehr getan hatte.
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...aber da kam niemand.
Der Pfad sah unaufdringlich und verlassen aus. Die für einen Moment so massive Welle an Hoffnung tief in ihm begann bereits wieder in sich zusammenzufallen, trudelnden Schneeflocken gleich in einen tiefen, womöglich bodenlosen Abgrund zusammenzubrechen, der sich wie eh und je immer noch dort befand, nur einen kurzen Augenblick lang von ihr verdeckt worden war. Für einen winzigen Moment fragte er sich, ob er selbst den Pfad hinaufwandern sollte, um nachzufragen, aber... Lächerlich.
Öfters nachzufragen ließ einen Prozess auch nicht schneller voranschreiten. Die kurze Stichflamme kindischen Verhaltens war schnell durch eine düstere Wolke von Verärgerung über sich selbst erstickt. Dennoch verharrte er einige Momente unfähig sich einfach abzuwenden.
Triff eine Entscheidung und dann setze deinen Entschluss in die Tat um. Unschlüssigkeit und Zögern sind der sicherste Tod. Einen kurzen Moment änderte sich etwas in seiner Mimik, eine winzige Regung, die nur einem sehr aufmerksamen und mit ihm vertrauten Beobachter aufgefallen wäre; von einem Ausdruck des Nachgrübelns hin zu einem sekundenlang sehr ähnlichen Ausdruck, der aber ein wenig mehr so wirkte, als gehe er im Geiste einem Gespräch nach, strecke sich nach etwas aus.
Dann verschloss sich seine Miene abrupt. Die Augenlider senkten sich kurz herab, das Kinn neigte sich leicht, kaum wahrnehmbar dem Boden zu, nur einen Moment lang; die Augen geschlossen, völlige Regungslosigkeit – ein Bild der Stille, eine Sekunde, zwei... die Augen öffneten sich langsam wieder, er ansonsten immer noch unbewegt verharrend. Dann straffte er sich abrupt und trottete langsam dem Pfad nach, in Richtung der Hütte, von der er wusste, dass sie dort auf ihn warten würde. Zumindest konnte er seinem alten Freund einen kleinen Besuch abstatten, wenn er nun ohnehin schon hier war. Vielleicht konnte er noch irgendetwas beitragen... es war nurmehr eine kleine Hoffnung, aber immerhin war es eine. Wenigstens konnte er sich eine Weile die Zeit vertreiben, vergessen, bei einem guten Becher Tee mit Honig…
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Er hielt es nicht lange dort aus. Zu sehr erinnerte ihn alles an das, worauf er wartete, die bange Frage dahinter; daran, was dabei auf dem Spiel stand. Woran er nicht erinnert werden wollte. Woran er nicht denken wollte. Nicht solange alles weiterhin derart in der Schwebe hing, für unbekannte Zeit. Nachdenken über so etwas führte nirgendwohin, außer in einen Abgrund; konnte nirgendwo enden, außer in Verzweiflung oder Resignation. Er würde sich weder das Eine noch das Andere erlauben. Nicht solange es Hoffnung gab. Es gab immer einen Weg.
Außerdem würde nichts davon irgendetwas besser machen. Nein, er war noch nicht so weit, einfach aufzugeben. Er weigerte sich. Widersetzte sich. Spottete dem, wer oder was ihn brechen wollte. Vielleicht war das alles, was er tun konnte. So würde er wenigstens dies tun. Vielleicht konnte er nicht gewinnen. Aber er würde sich auch nicht so einfach bezwingen lassen. Eine Niederlage in einer Schlacht muss noch lange nicht das Ende des Krieges bedeuten. Er würde einen Teufel tun, irgendwem diese Genugtuung zu geben. Im Krieg gibt es keine Sieger. Wenn er nicht gewinnen konnte, so würde er zumindest nicht verlieren. Vielleicht konnte er eine erneute Enttäuschung nicht aufhalten, aber er verweigerte sich der völligen Aufgabe. Verneinte die Vorhersage. Er würde nicht kapitulieren.
Dennoch ertrug er die Erinnerung an all das nicht ohne Schmerzen. Einfach dort zu sitzen bei einem Tässchen Tee und die friedliche Ruhe zu genießen, das funktionierte vielleicht für eine Weile. Aber dass ihn die Erinnerung dabei stets begleitete, dass sie stets hinter der nächsten Ecke lauerte, hinter dem nächsten Wort, der nächsten Geste, dem nächsten Anblick, das ging nicht spurlos an ihm vorüber; es prallte nicht ewig einfach nur an seiner Mauer ab, ohne ihn je zu treffen. Früher oder später würde sie sich wieder in sein Inneres schleichen und es aufwühlen, das wusste er.
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Also hatte er sich wieder verabschiedet, ehe er die innere Unruhe zu groß werden spürte. Das sein alter Freund wusste, was ihn bedrückte, machte die Situation nicht immer einfacher. Dass er sich bemühte, ihm Ruhe und Frieden zu bieten, unaufdringlich zu sein und nicht herumzustochern, war schön und nett; aber das Bewusstsein, dass beide das Thema nur mieden – und es bewusst mieden – dräute beständig im Hintergrund und vergiftete die schöne Atmosphäre. Wäre er zu lange geblieben, wäre das Vermeiden zu prominent geworden – und früher oder später hätte einer von ihnen das unselige Thema doch angeschnitten. Am Ende wäre der Alte noch rührselig geworden und... nein, er ertrug solche Mitleidsbezeugungen nicht, ganz egal ob in Worten, Taten oder einfach nur der generellen Haltung. Wem half das schon weiter, was brachte es denn?
Allenfalls Schwäche. Es war schwer hart und unbewegt zu bleiben – wie man es besser blieb, wenn man so etwas durchhalten wollte, das noch unbekannte Zeit dauern konnte – wenn neben einem jemand weichherzig und milde wurde.
Es sei denn man begegnet dem mit Verachtung... Aber das hatte der Alte nicht verdient. Er bemühte sich redlich. Dafür sollte er nicht auch noch Anfeindungen aushalten müssen, solange es währte.
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Als er den Waldrand bei seiner Hütte wieder erreichte, war er also in einer etwas sonderbaren und nicht gerade der besten Stimmung.
Die Kleine zusammengerollt vor der Hütte zu sehen, war in diesem Zustand ziemlich merkwürdig. Beinahe fühlte er sich schuldig, dass er sie einfach vergessen hatte die letzte Zeit über, dass er sich weigerte, ihr Problem anzuerkennen und sich damit zu beschäftigen. Vielleicht trug auch dazu bei, dass sich ein gewisser Teil von ihm lieber mit diesem kleineren Problem herumschlagen wollte, als mit dem, das sich als viel größerer Schatten in seinem Hintergrund erhob und seine Seele beschwerte – jedenfalls deponierte er aus einer spontanen Regung heraus eine Wasserflasche und etwas zu essen bei ihr, ehe er sich wieder ganz in seine Einsamkeit verzog.
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Über die nächsten Tage beobachtete er sie noch bei ihrem Warten, ohne sich ihr zu zeigen.
Aber im Grunde war die Sache ohnehin schon entschieden. Seine Aufmerksamkeit musste ihr bewusst geworden sein, auch wenn er sich nicht in Person zeigte – dass er ihr plötzlich einen Beitrag zur Versorgung angeboten hatte, anstatt das zu unterlassen und sie damit zu zwingen, sich anderweitig umzusehen und womöglich dadurch dazu animieren zu lassen, sich ganz anderweitig zu orientieren, war ein überdeutliches Signal. Er würde sie jetzt nicht mehr abschrecken.
Dennoch musste sie sich selbst bewusst machen, ob sie wirklich wollte, was sie da verlangt hatte. Also gab er ihr Zeit darüber nachzudenken. Auch noch und gerade, nachdem sie endlich artikuliert hatte – schließlich womöglich auch für sich selbst zum ersten Mal - weswegen sie zu ihm gekommen war. Sicher zu gehen war bei so etwas immer besser. Und eine kleine Prüfung ihres Wesens konnte in dem Fall sowieso nie schaden. Er musste wissen, ob sie die nötige Geduld, die innere Kontrolle aufbringen konnte...
Aber sie enttäuschte nicht; was er ohnehin schon geahnt hatte. Das bisschen zusätzliche Wartezeit schien ihr nicht das Geringste auszumachen. Und sie bewegte sich auch nicht mehr wirklich vom Fleck weg. Offensichtlich hatte sie sich entschlossen.
Nun denn…
Es wurde Zeit für eine erste Aufgabe, eine Prüfung ganz anderer Art, rein praktischen Könnens. Also ging er zuletzt noch einmal ein kurzes Weilchen in den Wald; ließ sich die Zeit sich einen Überblick über die potentielle Auswahl zu verschaffen, wählte ein geeignetes Tier aus, dass sie nach reiner äußerlicher Beurteilung, nach Vorgaben der Materie herausfordern, aber nicht gleich überfordern sollte. Langsam anzufangen war sehr wichtig. Er wusste selbst nur zu gut, wozu es führen konnte, wenn man zu schnell zu viel herausforderte...
Also ein Reh; nicht zu groß, aber auch nicht zu klein, kein Kitz mehr, aber noch nicht völlig ausgewachsen.
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Er ließ es ihr vor die Füße fallen, sodass es hart auf dem Boden aufschlug, als er sie in ihrem üblichen Wartezustand vorfand, der den Eindruck machte, sie döse vor sich hin. Womöglich tat sie das ja, wer wusste das schon. Er schien sie nicht weiter zu beachten, agierte als habe er nur das Gewicht loswerden wollen und schere sich nun kein bisschen mehr darum, was damit passieren würde, ehe er wieder Lust hätte, sich weiter darum zu kümmern: verschwand für ihre Augen in der Hütte und kam lange nicht mehr hervor. Tatsächlich beobachtete er sie die ganze Zeit über sehr genau.
Ihre schnelle Reaktion strafte entweder den Eindruck des Halbschlafs zuvor Lügen oder aber sie war leicht aufzuwecken und brauchte keine lange Aufwachzeit. Beide Möglichkeiten waren vielversprechend. Wie sie einen Moment zuerst überlegte – folgernd aus dem was danach folgte offenbar weniger aus Ratlosigkeit, als vielmehr der Abwägung von Optionen, wie sie die Aufgabe am besten angehen sollte, ehe sie dann ohne Zögern mit fester Hand den ersten Schnitt setzte; wie sie sich mit dem Reh abmühte, das um einiges größer war als sie selbst, daran tüftelte, wie sie am besten das eine Bein oben halten konnte, um gescheit schneiden zu können, sich einen Moment mit etwas grimmiger und dann nur noch entschlossener Miene ohne falsche Scheu selbst halb in dem Kadaver versenkte, um ihn ausnehmen zu können; dass sie sich weigerte, mitten in der Arbeit aufzuhören, auch wenn sie eindeutige Anzeichen zeigte, dass ihr die Last auf der Schulter deutlich unbequem und schwer wurde und ihr Probleme dabei bereitete, die Hand weiter effektiv zu gebrauchen, verriet einiges über ihre eigene Einstellung. Obwohl sie sich offenbar alleine und unbeobachtet fühlte, setzte sie nicht ab, jammerte oder nörgelte auch nicht währenddessen, sondern blieb auf ihr Tun konzentriert; zeigte auch sonst keine Anzeichen von äußerer oder auch nur innerer Beschwerde über die zugeteilte Arbeit.
Die Art, wie sie das Messer hielt und führte, sagte ihm, dass sie durchaus schon einmal eines in der Hand gehabt hatte, wenngleich sie mit der Anatomie eines Rehs offensichtlich nicht vertraut war.
Die schweren Knochen des Brustkorbs hatten sie etwas zum Stocken gebracht und offenbarten damit noch einmal, wenn es dieser Bestätigung noch bedurft hätte, ihre Herkunft als Fischerskind; ebenso die Verwirrung, die sie ob der Innereien zeigte. Für ihre Unbedarftheit im Umgang damit, war sie allerdings noch recht geschickt darin, diese herauszubekommen und ohne allzu große Schäden aufzuteilen – abgesehen von dem ersten groben Schnitzer, der ihr schon während des ersten, zu tief gehenden Aufschneidens passiert war und an dieser Stelle dann aufgrund der Beschädigungen in einer größeren Sauerei resultierte. Nicht weiter überraschend und gut korrigierbar. Alles in allem ging sie weder allzu zurückhaltend noch allzu grob bei der Arbeit vor. Vorsichtig genug, aber auch nicht allzu langsam.
Schließlich hielt sie inne, besah sich ihr Werk noch einmal. Keine Anzeichen, dass sie abrupt weitermachen würde, ohne dass sie wusste, was sie ab dieser Stelle nun mit den Einzelteilen tun sollte oder nicht. Gut. Aber das musste sie ja nicht gleich wissen. Zeit für seinen Auftritt. Mal sehen, wie sie mit Kritik umgehen konnte und wie gut sie dann beim nächsten Mal auf Anweisungen reagierte.
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Schlussfolgernd daraus, wie sie zuvor schon bei ihrer Arbeit vorgegangen war, machte er sich keine große Mühe, ihr ihre Fehler schonend beizubringen, während er die Teile des Rehs für sie betont untersuchte und weiter versorgte – nicht dass er das andernfalls wirklich getan hätte; ein verzärteltes oder verzogenes Kind konnte ihm gerne gestohlen bleiben – aufgrund seiner Beobachtung guter Hoffnung, dass sie sich dadurch nur umso besser einprägen würde, was er zu sagen hatte, anstatt gleich in Tränen auszubrechen. War nur noch abzuklären, ob sie stattdessen mit Widerworten reagieren würde…
Erfreulicherweise bestand ihre ganze Reaktion aber in einem grimmigen Zusammenpressen der Lippen, hier und da einem kurzen Herumnagen darauf – vermutlich, weil er ihr nicht gleich sagte, wie sie stattdessen vorzugehen hatte. Ebenso erfreulicherweise schien sie an diesen Stellen schon einmal kurz ins Grübeln zu geraten, wie sie denn stattdessen vorgehen könnte anstelle wie sie es bisher getan hatte, um diesen oder jenen Fehler auszumerzen.
Nur um sie noch ein wenig weiter zu testen, formulierte er am Schluss einen Kritikpunkt noch besonders harsch. Die Reaktion war eine interessante Mischung aus Trauer oder Enttäuschung und Scham; daneben einer gewissen Furcht – vermutlich davor, dass der Fehler so schlimm sein könnte, dass er sie deswegen fortjagte. Es war nicht immer ganz so einfach im Gesicht eines unbekannten Kindes zu lesen und wirklich korrekt zu schlussfolgern, woher genau der leise feuchte Schimmer in den Augen und das Zucken entsprechender Gesichtsmuskeln rührte... jedenfalls heulte sie nicht los, sondern es folgte nach einem kurzen Moment, in dem ein Kippen der Emotion hätte stattfinden können, ein trotzig-entschlossener Gesichtsausdruck samt eines gewissen Ingrimms und einem Funken Ärger.
Offensichtlich war ihm ein kleiner Sturkopf zugelaufen, der nicht bereit war, so schnell aufzugeben. Womöglich auch nicht, sich unbegründete Vorhaltungen machen zu lassen, wenn er ihr zugestand, dass sie bemerkt hatte, dass die letzte Kritik ziemlich unverhältnismäßig gewesen war; weniger positiv vielleicht aber auch, dass sie generell nicht zu viel Kritik auf einmal annehmen würde, ganz egal ob gerechtfertigt oder nicht, wenn er ihr dies nicht zugestand. Nun, das würde er wohl weiter überprüfen müssen. Vorwiegend schien ihre wichtigste Sorge momentan jedoch darin zu bestehen, dafür zu sorgen, dass er sie nicht abwies.
Hm. Mal sehen, wie und wozu sich das entwickelte und was es für Veränderungen mit sich brachte, wenn sie an dem Punkt ankam, dass ihr seine persönliche Ablehnung weniger wichtig wurde. Potentiell gefährlich und beobachtungswürdig.
Er ließ sie noch einige Momente zappeln; nur um sicher zu gehen, dass sie nicht doch hochkochte…
Ein Hochkochen in einem ganz speziellen Sinne wäre zwar ganz bestimmt nicht das, was er wollte; auch wenn es bewiesen hätte, dass er sich in anderem Sinne darum kümmern musste. Nicht dass ihn das gefreut hätte... aber es war zu diesem Zeitpunkt auch äußerst unwahrscheinlich, ganz egal wie viel persönlichen Drucks und instabiler Emotion sie noch aus persönlichen Gründen mit in diese Situation gebracht haben mochte (irgendeinen Grund musste es ja geben, dass sie bei ihm aufgetaucht war und das war sicher kein schöner – man kam nicht aus Lust und Tollerei zu ihm).
Jedoch – es kam kein Ausbruch.
Gut. Er trieb das Ganze auf der anderen Seite noch weiter, indem er sich nach einigen Momenten Stille, in der er nichts von seinen Überlegungen – von denen sie ausgehen würde, dass er sie anstellte – in seinem Gesicht oder anderweitig zeigte, abrupt umdrehte; ohne ihr irgendein Zeichen zu geben, dass sie folgen sollte.
Aber auch jetzt kam kein Zusammenbruch. Sie blieb nur stocksteif dort wo sie war und er konnte ihren Blick brennend auf seinem Rücken spüren, noch ehe er sich an der Tür seiner Hütte, die er schon einen Spalt geöffnet hatte, mitten in der Bewegung wieder umdrehte, um ihr durch einen leicht fragenden Blick einen kurzen Wink zu sich her zu geben. Mal sehen, ob er deutlicher werden musste...
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Für einen winzigen Moment verrieten ihre Augen und eine leichte Seitenneigung des Kopfes, dass sie damit nicht mehr gerechnet hatte, dann setzte sie sich in Bewegung. Schlaues Kind.
Er musste nicht einmal etwas sagen, damit sie ihm in die Hütte folgte; genauso wenig, damit sie sich dort brav aus dem Weg stellte und auf weitere Anweisungen wartete, den Raum nur verstohlen und nicht allzu auffällig neugierig musternd.
Auch wenn es etwas irritierend und potentiell bedenklich war, dass ihr dabei auch die Motivation nach potentieller Gefahr Ausschau zu halten und die Umgebung daraufhin zu analysieren völlig abzugehen schien. Aber daran konnte man arbeiten.
Schlimmer war vielleicht dieser Ausdruck von Dankbarkeit und abrupter... Zuneigung? als er ihr ein Lager herrichtete, das sie beziehen konnte.
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Nun, so wie es schien, würden sie noch genug Zeit haben, dass er ihr auch das austreiben konnte. Er verbat sich das Seufzen, das sich innerlich bei dem Gedanken bei ihm selbst aufbauen wollte.
Einen Moment lang überlegte er stattdessen, ob er damit gleich anfangen sollte; entschied sich dann aber dagegen. Es war einfach nur irritierend, dass sie so gar keine Furcht vor ihm selbst zeigte, obwohl sie das hätte tun sollen; das jetzt an ihr auszulassen würde aber nicht unbedingt hilfreich sein, ein angenehmes Arbeitsklima herzustellen. Immerhin begegnete sie ihm nicht respektlos oder irgendwie aufdringlich, es war einfach nur... diese irritierende Abwesenheit der Emotion, die für fast jede andere seiner Interaktionen deskriptiv erschien; die in jeder Begegnung mit anderen Dörflern hier stets mehr oder weniger gut verborgen, vor ihm, vor anderen, vor sich selbst... unter der Oberfläche lauerte. Wenn sie hierblieb, würde sie schon früh genug feststellen, weswegen man ihm mit Respekt begegnete; warum es nicht nur etwas mit freundlicher Achtung gegenüber Mitmenschen zu tun hatte.
Ihre Unbedarftheit bei so direkter Konfrontation mit ihm selbst festigte seinen Entschluss endgültig, dass sie jemanden brauchte, der ihr die Gefahren dieser Welt bewusst machte und sie darauf vorbereitete.
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Explore the English Sneakpeeks
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Die deutsche Version ist schon weiter als die Übersetzung;
da es sich bei ihr um das Original handelt ;)
Wer mag, kann aber natürlich auch mal die (freie) englische Übersetzung testen
(die wiederum, da sie neuer ist, hier und da Updates erhalten hat, die wiederum in der deutschen noch eingefügt werden müssen - das klassische Work in Progress-Problem):
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