Kapitel 9: Liliana - Das Eichhörnchen
Unerhört: Ein Kind lungert vor der Hütte des Jägers herum. Der allen Gerüchten nach Kinder doch überhaupt nicht ausstehen kann. --- Und wie es dazu kam.
Mein Brüderlein war leider schon immer kränklich gewesen.
An Tagen wie heute merkte man recht schnell, was das ausmachte, besonders im Vergleich zu unseren anderen zwei Nesthäkchen -Anur und Kuno- die von robuster Gesundheit; ganz anders als Feréll. Obwohl kaum älter, war ihre Körperbeherrschung doch bei Weitem fortgeschrittener als bei meinem kleinen Bruder. Sie konnten schneller rennen und hielten auch länger durch und hatten im Allgemeinen wenig Probleme etwa beim Fangspiel mit den etwas Größeren mitzuhalten.
Auf mein Brüderlein hingegen mussten immer alle stets besondere Rücksicht nehmen, damit er, wenn er schon einmal mitmachen konnte -was selten genug vorkam- nicht ständig der Verlierer sein musste; aber auch, damit er sich ja nicht verletzte, denn dafür war er ersichtlich anfällig. Genauso hielt jeder einen gewissen Abstand, der im Zweifel stand, etwa eine Grippe mit sich herumzuschleppen – weil es ein Ding der Sicherheit war, dass Feréll sich anstecken würde.
An diesem Morgen und auch in den Tagen direkt davor tollte er aber ausnahmsweise übermütig mit uns herum. Nun schon seit mehreren Tagen am Stück ohne krankheitsbedingte Rückfälle. Es schien endlich aufwärts zu gehen. Ließ mich hoffen, sein ständiges Kranksein wäre überstanden.
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Trotzdem musste er immer noch deutlich öfters pausieren als alle anderen.
Dankenswerterweise war er aber ein allgemein wenig quengeliges, eher stilles und braves Kind. Was es mir sicherlich auch leichter gemacht hat, ihn liebzugewinnen anstatt das ‘neue’ Kind abzulehnen, um das sich plötzlich alles drehte und auf das ich dann auch noch ständig aufpassen und deswegen desöfteren ebenso aussetzen musste bei den Spielen der anderen Kinder. Ich kann mich eigentlich an keine Situation erinnern, da er nicht auf mich gehört hätte. Ihr könnt Euch schon denken, worauf das hinauslief, oder?
In den letzten Tagen hatte ich ganz folgerichtig auch weniger Lust gehabt, auf ihn aufzupassen, wo ich doch endlich einmal wieder ganz frei atmen und mit meinen Freunden herumspringen zu können schien. Feréll schien in diesen Tagen ohnehin nicht zu bemerken, ob ich da war oder nicht… Jedenfalls beschwerte er sich nicht. Früher hatte er dann schon als mal gequengelt. Manchmal war es auch eher ein Glücksspiel gewesen, wie lange er sich mit irgendetwas alleine beschäftigen würde, ehe er nach mir rief, ganz egal, was ich ihm zeigte oder in die Hand drückte. Dinge, die mich viel länger beschäftigt hätten. Jetzt aber, da er endlich einmal erstaunlich gesund war, hatte sich herausgestellt, dass er bei seinen immer noch nötigen Ruhepausen nicht mehr zwingend ständig jemanden zu brauchen schien, der bei ihm war. Sondern sich ganz gut auch einmal selbst beschäftigen konnte ohne gleich irgendwelchen Mist anzustellen oder sich davonzumachen. Oder sich offensichtlich deswegen vernachlässigt oder einsam zu fühlen.
In gewisser Weise war er mir da also ähnlich. Es war also wirklich nur die verdammte Krankheit gewesen, die ihn manchmal so quengelig gemacht hatte. Oder zumindest redete ich mir das ein. Wenn ich Auszeiten gefunden hatte, hatte ich sie neben dem Herumtollen mit den anderen Kindern schließlich auch immer wieder gerne mal alleine irgendwo im Freien verbracht, wo ich einfach nur dem Wind lauschen konnte, der in den Zweigen rauschte. Hatte mir die Sonne aufs Gesicht scheinen lassen, Vögeln beim Fliegen zugeschaut und mir vorgestellt, wie es wäre mit ihnen ein Stückchen mitzufliegen; andere Tiere bei ihrem alltäglichen Herumkrabbeln und -krauchen beobachtet oder Traumwelten erkundet, wo ich ganz eigene tierische Begleiter gefunden hatte. Feréll schien ganz gerne Ähnliches zu tun, wenn er gerade körperlich zu erschöpft war, um weiterzurennen. Schon früher, wenn ich dabei war. Und jetzt eben auch ohne mich.
Er schien genauso wie ich den Wald faszinierend zu finden. Jedenfalls zog es ihn öfters in die Richtung. Vielleicht hatte er sich das bei mir abgeschaut. Es war nicht so, als ob ich meine Funde nicht mit ihm geteilt hätte — ob es nun ein Salamander war, den ich nicht erspäht hatte, oder nur eine Eidechse; ein glitzernder Flusskiesel oder ein Vogel hoch oben am Himmel. Sogar die Formen, die ich in den Wolken sah — ich zeigte ihm alles. Nur das mit den Kieseln ließ ich rasch wieder sein, nachdem er den prompt zu essen versuchte statt ihn sich anzuschauen…
Vielleicht war es auch eher dadurch bedingt, dass Dankruns Hütte, zu der er ja seiner Krankheit wegen immer wieder hatte gebracht werden müssen, außerhalb des Dorfes am Waldrand lag anstatt im Dorf selbst. Der Gedanke, dass es ihn womöglich dort hinziehen könnte, kam mir zu der Zeit allerdings noch gar nicht.
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Jedenfalls kam es mir hinterher prompt so vor, als wäre es meine Schuld gewesen, dass er zum Wald gegangen war.
Letztendlich war ich eben doch auch noch immer selbst nur ein Kind, das spielen wollte. Selbstverständlich war ich froh, ihn hin und wieder mal nebendran lassen und ich mich weiter dem Spiel widmen zu können. Ich war schlicht völlig versunken ins heitere Fangen, als er mal wieder eine kleine Pause machte und sich an den Rand setzte.
In dem Moment selbst dachte ich mir nichts weiter dabei und stürzte mich zurück ins Getümmel, nachdem ich mich vergewissert hatte, dass ihm nichts fehlte und er einfach kurz verschnaufen wollte.
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Zumal Eramond nicht zu bemerken schien, dass ich gerade kurz ausgetreten war und mich prompt abklatschte.
„Du bist!“
Mit einem Lachen rannte er davon, einen unnötigen Haken schlagend, um einer zurückpatschenden Hand auszuweichen, die nie kam.
Ich war einen Moment lang viel zu verdattert und starrte ihm nur hinterher.
„Hey! Nicht fair! Ich war doch grad gar nicht dabei!“
„Jetzt stell dich nicht an, Lili!“ rief Ferrick von der Seite.
„Genau,“ pflichtete Anur ihm bei, wie immer wenn sie nicht gerade miteinander balgten. „Sei keine Memme. Ein Henker ist doch keine Memme!“
Ich wette er rennt auch nicht im Kreis um kleine Kinder abzuklatschen…
Ich stand noch einen Moment länger verdattert da. Moment; wieso Henker? Ich dachte wir spielen Vampir? Irgendwas hatte ich schon wieder verpasst.
Aber egal. Spätestens als ein Dreckbollen aus Ferricks Schleuder an mir vorbeizischte, war ich längst wieder voll involviert. Na wartet…
„Lass gefälligst die Schleuder raus, Ferrick; die rettet dich auch nicht!“ Ich rannte los, um sie ihm aus den Händen zu reißen. „Du triffst noch Feréll!“
„Bah, niemals!“ Er streckte mir die Zunge raus, rannte dann aber doch davon als ginge es um sein Leben. „Ich schieß viel besser als das!“
„Jepp, er schießt viel besser als das,“ bekräftigte Anur unnötigerweise. Leider vergaß er darüber noch lange nicht das Rennen.
„Du hast danebengeschossen“, presste ich hervor, während ich mein Bestes tat, seine längeren Beine wettzumachen oder wenigstens Anur zu erwischen.
„Ich wollte ja schließlich nicht Feréll treffen“, warf er über seine Schulter zurück. „Nur dich schlafende Schnecke dazu bringen, deinen Job zu machen.“
Schnecke?! Dem würd‘ ich zeigen, wer hier eine Schnecke war!
Ich hätte locker Jannai abklatschen können, die Ferrick und Anur in ihrer wilden Flucht vor mir halb über den Haufen rannten. Angerempelt von Ferrick und dann von Anur als Abstoßstelle benutzt, damit er nicht selbst in sie hineinkrachte, war sie noch dabei, sich wieder zu orientieren, als ich an ihr vorbeischoss. Aber natürlich war ich in dem Moment viel zu fixiert auf die beiden Hofnarren unserer Truppe.
„Zeig‘s den Beiden!“ feuerte sie mich von hinten an und gab ein lautes JuluLU von sich.
Gitta und Mari stoben trotzdem lachend und kopflos wie wilde Hühner auseinander als wir an ihnen vorbeikamen, nicht dass ich sie doch noch streifte. Bei diesem Spiel war egal, ob ich sie absichtlich abklatschte oder nur aus Versehen erwischte — die Berührung des Henkers war der Tod. Und du damit der Neue, der Beute jagen musste.
Ich schoss an ihnen vorbei und rempelte fast die alte Miriel an, im Versuch Ferrick den Weg abzuschneiden.
Sie hätte nicht gezählt. Zu alt zum Fangen. War quasi Inventar.
„Oh, sorry, Miriel!“ Ich war schneller weg als sie hastig ihr Strickzeug zurückziehen konnte — oder mit ihren schlechten Augen herausfinden, wer da gewesen war.
„Verdammte Rabauken!“ schimpfte sie hinter mir los. Aber sie klang dabei irgendwie so als müsste sie gleich loslachen, während sie ihr Strickzeug in einer Hand festklammerte und die andere in die Luft reckte. In einer Geste, die genauso gut Gruß wie drohend geschwenkte Faust sein konnte.
Anstatt Ferrick zu erwischen, erwischte ich Anur als er einen entscheidenden Fehler machte: Überheblich geworden, versuchte er über ein im Weg stehendes Fass zu grätschen so wie er und Ferrick manchmal abwechselnd buckelten und über des anderen Rücken hüpften. Das Fass war höher als ein buckelnder Ferrick und ging polternd mit ihm zu Boden.
Ich wich hastig aus, erwischte ihn dabei aber ohne es überhaupt zu bemerken, immer noch konzentriert auf Ferrick, der wieder Richtung Wiese rannte.
Ein paar Momente lang hatten wir plötzlich zwei ‚Henker‘ — weil ich immer noch den Schreinersjungen erwischen wollte, auch Bern dabei links liegen lassend, der lachend vor Ferrick und mir abbog. Und Anur sich bereits selbst für den neuen Fanger hielt, wovon die spitzen Schreie und das lachende Kreischen der Mädels hinter mir zeugten, während ich weiter Ferrick hinterherjagte.
„Warte, warte!“ keuchte der plötzlich unter Lachen vor mir. „Du bist doch gar nicht mehr!“
„Als ob du damit davonkommst; du willst doch nur nicht abgekla—“ Ich prallte auf ihn, weil er plötzlich stehengeblieben war. Hielt irritiert inne, schon zu einem ‚Du bist‘ ansetzend, ehe die Realität einsickerte. Dass ich Anur gestreift hatte.
„Bin ich wirklich nicht?“
„Bist du niiiicht!“ kreischte Ferrick erneut unter Lachen auf, Anur ausweichend und dabei ein Bein stellend, als der um die Ecke schoss und zog mich hastig beiseite. Öh. Danke?
„Renn, Lili, renn!“ Er schubste mich in die andere Richtung, während Anur sich wieder aufrappelte und wir stoben erneut davon.
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Das ganze Geschehen hat insgesamt nicht lange gedauert – ganz sicher nicht für das Empfinden eines gerade mal auf die Sieben zuschreitenden Kindes. Und auch das nur mit einigem guten Willen, denn eigentlich war ich immer noch näher an der Sechs dran.
Ich wurde im dritten der fünfzehn orilschen Monate geboren; also in dem Mondlauf, in dem der Winter gerade ausklang – oft genug aber auch noch ein Weilchen länger anhielt, ehe endlich die Frühjahrsblüte mit Macht hervorschoss, und nun war gerade erst der siebte angebrochen; den Schaltmonat Pruris davor – nach irgendsoeinem Stern benannt, den man vor einigen Jahrhunderten wohl entdeckt hatte – den wir in diesem Jahr hatten, weil die Wissensweisen das so sagten, mal hin oder her. Ja, die orilsche Zeitrechnung damals war etwas... kompliziert. Das hatte durchaus seine guten Gründe, aber das...
…ist ein anderes Thema.
Jedenfalls war die Zeitspanne, die mein Brüderlein sich von dannen gemacht hatte, für das Empfinden eines Kindes von sechs Jahren und ein paar zerquetschten nicht sonderlich lang; für eines, das noch dazu darauf konzentriert ist, sich nicht fangen zu lassen, natürlich erst recht nicht.
Ich hatte noch nicht ansatzweise begonnen, mir darüber Sorgen zu machen, dass ich ihn beim letzten Hinsehen nicht direkt entdeckt hatte, wo er zuvor gewesen war – da kam er auch schon wieder von Richtung des Waldrandes aus auf uns zu gerannt, mitten in die Menge einander umkreisender Konder hinein — und hindurch und wieder weg.
„AAAAAAaaaaaaaaaaaah! AAAAaaAAAAAaaaaah!! …“
Und zwar schreiend wie am Spieß, als lebende Heulboje, die zwischen uns durch und an uns vorbeischoss. Als käme eines der Monster aus Uhlands Geschichten hinter ihm her oder die sprichwörtlichen Räuber im Wald, die ihn sich holen wollten, um ihn schön knusprig zu braten und dann zu verputzen. In einem Affenzahn, den man an ihm noch nie gesehen hatte.
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Es dauerte tatsächlich bis zum Dorfplatz, bis wir ihn wieder eingeholt hatten beziehungsweise wiederfanden; wo Tay ihn bereits festhielt.
Und dieser Umstand lag sicher nicht nur an der kurzen Schrecksekunde, die wir -verdutzt im Spiel innehaltend, als er so aus dem Wald hervorbrach- nur entgeistert dastanden und zuschauten, wie er durch unsere Mitte und schwupps an uns vorbei rannte.
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Was wir dann aus ihm herausbrachten, als er sich nach und nach endlich etwas beruhigte, war anfangs ziemlich durcheinander; kam aber über kurz oder lang auf die Quintessenz heraus, dass ihn im Wald ein Eichhörnchen angeglotzt hätte.
Mit rotglühenden Augen.
Und dann hätte es auch noch „Hallo“ gesagt — was für ihn der Punkt war, an dem er schreiend losrannte.
Man kann sich vorstellen, was für heiße Diskussionen und großartige Überlegungen, was man deswegen tun sollte, das lostrat.
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Ich zog es relativ früh vor, mein Brüderlein zu schnappen und mich hurtig mit ihm nach Hause zu verdrücken. Ob es nun an den Nachwirkungen von Uhlands Geschichten lag, an meinen eigenen Träumereien oder daran dass Feréll, nachdem er sich erst mal beruhigt hatte, mit großem Ernst von diesem Eichhörnchen mit rotglühenden Augen gesprochen hatte, absolut überzeugt davon, dass er die Wahrheit sagte — aus irgendeinem Grund kam mir keine Sekunde lang der Gedanke, der eigentlich vernünftigerweise der allererste und grundlogischste hätte sein sollen. Das heißt, jeglichem Wissen und aller Logik nach, die uns die Erwachsenen mittlerweile schon seit einer ganzen Weile einzutrichtern versuchten; eventuell gerade wegen Uhlands haarsträubenden und zu ihrem Leidwesen viel zu überzeugend-beeindruckenden Geschichten schon früher als man es anderswo getan hätte:
Dass das eben alles doch nur Geschichten seien und nichts Wahres.
Dass, was er da erzählte, hirnverbrannter Quatsch war — und mein Bruder wohl wieder Fieber oder vielleicht auch einen Sonnenstich hatte.
Immerhin war es mitten im Hochsommer und tatsächlich schon morgens entsprechend heiß; und wir waren die ganze Zeit in der herunterknallenden Sonne herumgerannt. Woraus man leicht hätte schließen können, dass er dementsprechend halluzinierte.
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Die Reaktion, die direkt am selben Spätnachmittag noch von Dankrun erfolgte, passte dazu allerdings ebenso wenig.
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Sie kam direkt in unsere Hütte gestapft – nachdem sie scheinbar schon vorher mit unseren Eltern geredet hatte, während die noch draußen zugange gewesen waren. Zumindest soweit ich es erinnern kann, denn in dem Bild, das sich mir ins Hirn gebrannt hat, reden sie kein einziges Wort miteinander. Reichte ihnen einen Beutel, in den ein kurzer Blick geworfen wurde; wobei auch ich mitbekam, dass darin ein paar bunte, funkelnde Steine in der Sonne kurz aufglitzerten – und schnappte sich daraufhin meinen Bruder um mit ihm abzurauschen.
Während meine Eltern keinen einzigen Ton sagten, keiner irgendwas von sich gab, was los war.
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Allerdings brauchten sie auch nichts zu sagen, denn in dem bedrückenden Schweigen und dem ganzen mysteriösen Geschehen lag glasklar die unumstößliche Tatsache, dass Dankrun ihn diesmal nicht mehr zurückzubringen gedachte.
Dankrun kam nicht selbst, um Kranke abzuholen. Man brachte Kranke zu ihr. Das wusste jedes Kind.
Auch ich. Wenn Dankrun irgendetwas holen kam, dann nur, wenn es um Dinge für sie selbst ging. Wenn sie etwas von den Händlern kaufte oder dergleichen. Das hier? Das hier fühlte sich nicht anders an. Sondern genau gleich. Wie eine Dankrun, die etwas von Händlern kaufte. Nur dass die ‚Händler‘ in diesem Fall unsere Ältern waren. Und die ‚Ware‘ war Feréll.
Mein Brüderlein.
Mein kleiner Bruder. Wie konnten sie nur!?
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Aber vielleicht erinnere ich das auch nur falsch, vielleicht haben die Drei sehr wohl geredet, während mir nur das Bild des verstörenden Geschehens eingebrannt blieb? Vielleicht weil ich das, was ich hörte, nicht glauben konnte.
Sie gaben meinen Bruder weg. Für ein paar verdammte Steine!?
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Ich weiß nicht mehr, wie lange ich gewartet habe, ehe ich in meinem Aufruhr aus unserer Kate gestürmt bin. Ich weiß nur, dass unsere Eltern kein einziges Wort deswegen mit mir gewechselt haben, um mir irgendetwas zu erklären. Vielleicht weil sie es nicht erklären konnten. Oder es nicht zu erklären brauchten. Ehrlich gesagt, es war mir ziemlich egal. Was sie getan hatten, war unverzeihlich und sie damit für mich gestorben.
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Und wenn nicht dadurch schon, dann spätestens in der Woche danach oder all den Jahren hinterher.
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Denn als ich aus der Kate stürmte, kam mir nichts und niemand hinterher.
Nicht mal ein einziges Wort, dass ich bleiben sollte.
Am Anfang dachte ich noch, es wäre vielleicht, weil sie hofften, dass ich mich schon wieder beruhigen würde. Nicht weil es ihnen egal wäre.
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Erst einmal war für mich vordringlicher, dass ich nicht den leisesten Schimmer hatte, was ich jetzt eigentlich machen sollte.
Zu Dankrun zu gehen, um meinen Bruder einfach selber wieder zurückzuholen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Sie war viel zu stark für mich; das sagte mir jedenfalls irgendetwas in meinem Inneren, ohne dass ich darüber nachzudenken brauchte. Obwohl sie all die Jahre, wann immer man sie sehen konnte, nie als etwas Anderes als eine zwar mürrische, aber nicht sonderlich starke, ganz normale Frau gewirkt hatte, die langsam über ihre besten Jahre hinaus war. Aber wie ich schon sagte – sie war mir noch nie so geheuer gewesen.
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Vielleicht war das auch einfach völlig normal für ein kleines Kind, schließlich war ich auch nicht die Einzige, der sie nicht ganz geheuer war. Und noch dazu für eines, das sich sowohl mit der Krankheit seines Bruders konfrontiert sieht, gegen die es nichts tun kann, als auch mit dem Umstand, dass man es zwar zu allen möglichen Arbeiten heranzieht, aber ihm nicht verraten will, was hinter der verschlossenen Türe geschieht, wenn die sonderbare Tante vom Dorfrand sich mit dem Bruder dahinter einschließt. Der Bruder wird nicht besser, irgendwann passiert etwas Seltsames – und prompt taucht wieder die sonderbare Frau auf, um ihn diesmal ganz wegzuholen.
Da muss doch etwas an ihr wirklich komisch sein...
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Nach der Aufregung über unsere Eltern, die Feréll, meinen lieben kleinen Bruder –ihren eigenen Sohn, zum Nebel– offenbar einfach weggaben für ein Säckchen voll Glitzer, war es aber eigentlich nicht einmal Dankrun, um die meine Gedanken kreisten.
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass sie in meinen bewussten Gedanken nicht einmal auftauchte. All diese Gedanken? Daran meinen Bruder zurückzuholen und wie sinnlos der Versuch schien? All das kam mir erst mehrere Tage später überhaupt in den Sinn.
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Nein – es war das verdammte Eichhörnchen, mit dem das alles begonnen hatte und das, so war ich mir sicher, irgendwie an all dem schuld war.
Ich will dieses Eichhörnchen jagen können, raste mir durch den Kopf. Sodass es nicht mehr wiederkommen kann, wisperte das Gefühl unter diesem Gedanken.
Tatsächlich hat ein dunkler Fleck in meinem Hinterkopf sicherlich miteingeschlossen, es zur Strecke bringen können zu wollen... – ausgesprochen habe ich das aber in dem Moment nicht mal in meinen Gedanken.
Oder es zumindest verjagen können, setzten meine Gedanken nach. Falls es... wenn es wiederkommt (...um meinen Bruder zu holen...?), grummelte ein dunkles Gefühl in meinem Magen.
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Irgendwo tief in den dunkelsten Tiefen meines Unterbewusstseins versprach... Etwas ... diesem Vieh die grausamsten Dinge, die ich mir vorstellen konnte -und noch mehr- wenn es noch einmal wagen sollte zu versuchen sich an meinem Bruder zu vergreifen.
Zu versuchen - denn es schaffen, so beteuerte das schwelende Etwas in mir, das würde es nicht. Nicht nochmal.
Nächstes Mal? Bis dahin würde ich vorbereitet sein. So schnell würde es nicht wiederkommen. Sich nicht trauen wiederzukommen. Wenn es wiederkäme, wenn es meinem Bruder etwas würde tun wollen, dann würde ich es zerreißen.
Irgendwo in den Schatten tief unter der bewussten Oberfläche zog ein tief dunkler Zorn seine machtvollen Kreise, malte verschlungene, wie Kohlen glühende Muster nach, deren schwaches Phosphoreszieren urplötzlich aufgeflammt war, kurz hochgezüngelt hatte bei dem ängstlichen Ausbruch meines Brüderleins zuvor, und nunmehr vor sich hin köchelte, sich aufbauend wie Sandkörnchen sich zu einer Düne sammeln. Schob in langsamen, noch trägen, aber unumstößlichen, unbeeindruckten Windungen und schlingenden Bewegungen die schweren, massigen Glieder seines Leibes umeinander, ineinander und ballte sie zu einer festen Entschlossenheit zusammen. Ein paar spitze Nagerzähne oder auch bösartig rotglühende Augen waren nichts, was ihn aufhalten konnte.
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Mein Verstand steuerte von dem Gedanken an den Unglücksbringer und daran diesen zu verjagen prompt auf die logische Schlussfolgerung:
Wenn irgendwer wusste, wie man so etwas jagte – dann ja wohl der Jäger.
Dafür war er schließlich Jäger und also für sowas zuständig, oder?
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Ehe ich mich recht versah, stand ich vor der Tür seiner kleinen abgelegenen Hütte und hatte schon geklopft. An der Tür des Jägers. Des Kinderschrecks. Ausgerechnet!
Uhland hatte ja seine dunklen Stunden – aber der Jäger?
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Nicht, dass er überhaupt aufgemacht hätte.
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Ich habe keine Ahnung, was ich damals eigentlich erwartet habe; was mich denken ließ, dass er überhaupt die Tür aufmachen, geschweige denn, mich aufnehmen würde — aber ich zweifelte keine Sekunde daran. Meine Entschlossenheit und Überzeugung, dass er gar nicht anders könnte, waren unverrückbar; etwas fernab jeden bewussten Denkens ließ mich darauf beharren, dass ich hier nicht eher weggehen würde, bis er aufgemacht und mich eingelassen, zumindest angehört hatte. Nein, nicht nur bis er mich angehört hatte. Bis er mir gezeigt hatte, was ich wissen musste. Uhland hatte uns von diesen Viechern mit den rotglühenden Augen erzählt, mein Bruder hatte unverwechselbar dasselbe beschrieben und in aller angstvoller Deutlichkeit klar gemacht was passiert war — und der Jäger wusste, wie man so etwas jagte. Und er würde mir verdammtnochmal beibringen wie; und wenn ich Tage hier stehen und klopfen musste, bis ich ihn endlich zu fassen bekam.
Kurzum: ich war ein ziemlich stures Kind.
Und außerdem hatte ich offensichtlich meinen Verstand verloren; nur dass keiner da war, mich darauf hinzuweisen.
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Hätte es jemand getan, wäre mir womöglich wieder eingefallen, dass ich eigentlich nie-nicht in die Nähe des Jägers hätte kommen wollen, dass ich tunlichst meinen respektvollen Abstand eingehalten hatte und dies auch weiter tun sollte. Hätte mich irgendwer in der Situation auch nur angesprochen, wäre ich womöglich wie aus einem Traum gerissen hochgeschreckt und hätte mich schleunigst von dannen gemacht, um zu verschwinden, ehe der Jäger womöglich noch aus dem Wald zurückkam. Normalerweise hätte ich mich nie auch nur zu seiner Hütte aufgemacht, geschweige denn mich vor die Tür gestellt und gar auch noch geklopft, egal was man mir dafür angeboten hätte oder mit welchen Hasenfußnamen mich die anderen Kinder womöglich belegt hätten bei einer gescheiterten Mutprobe — abgesehen davon, dass keiner auf die Idee gekommen wäre, das als Mutprobe zu fordern. Normalerweise.
So wie die Dinge sich dann jedoch plötzlich entwickelt hatten, war das Prädikat ‘normal’ in meiner Welt und meinem Gefühlshaushalt nicht mal mehr im Entferntesten anwendbar. Von klarem Denken ganz zu schweigen.
Also stand ich wider jede Wahrscheinlichkeit und jedes bessere Wissen nun vor dieser Tür und wunderte mich in meiner Verwirrung auch noch, dass sie nicht prompt aufging.
Wobei ich wohl ziemlich erschrocken wäre, wenn das passiert wäre und gar nicht gewusst hätte, was ich daraufhin dann tun sollte. Womöglich wäre ich vor Schreck hochgesprungen, hätte wie ein Hase eine Kehrtwende geschlagen und wäre davongerannt. Wohin allerdings...
...ja nun, das war ja genau das Problem.
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Die Türe jedenfalls – blieb zu. Und dahinter blieb es still.
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Des Jägers Hütte stand weiter weg vom Dorf als jede andere — offensichtlich mit Absicht und willentlich, seinem Gebaren nach zu urteilen, dass er bisher stets an den Tag gelegt hatte, wann immer es unumgänglich wurde, dass er sich doch einmal im Dorf blicken ließ.
Trotzdem klopfte ich noch einmal.
Und wieder.
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Wenn ich auch nur für einen Moment nachgedacht hätte, was ich da eigentlich tat, hätte ich es womöglich gelassen.
Aber so neblig oder … irgendwie leer oder in Watte gepackt -wie immer man das auch nennen mag- wie man Hirn gerade war, bewegte sich meine Hand wie von selbst. Stattdessen klopfte ich erneut.
So lange bis er schließlich die Tür tatsächlich einen Spalt weit aufmachte, um nachzusehen, wer da verdammt nochmal das Klopfen nicht sein ließ, obwohl er offensichtlich nicht reagierte und jeder andere wohl schon gedacht hätte, er sei gar nicht anwesend.
Was womöglich sogar logischer gewesen wäre, denn üblicherweise würde man doch annehmen, dass sich ein Jäger die meiste Zeit im Wald herumtreibt.
Was ich offensichtlich nicht getan hatte, denn wieso hatte ich sonst geklopft? Aber wie gesagt, ich war... nicht gerade in logischer Stimmung, aus bekannten Gründen.
Jedenfalls war er offensichtlich sehr wohl anwesend und hatte nur absolut keine Lust, sich mit irgendjemandem zu befassen.
Geschweige denn mit mir.
Genauso schnell wie er mit einem knappen, abschätzigen Blick von oben herab registriert hatte, wer vor der Türe stand, war die Tür auch schon wieder zugeschlagen.
Nach dieser irgendwie ernüchternden – oder vielleicht auch einfach nicht abschreckend, aufrüttelnd genug wirkenden Reaktion, dass sie mich aus meiner geistigen Umnachtung gerissen hätte? – klopfte ich noch ein paar Mal, aber von ihm aus unterblieb einfach jede weitere Reaktion.
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Entweder hatte das nun meinen inhärenten Trotz geweckt oder mich noch verwirrter hinterlassen, weil er nicht einmal gefragt hatte, was ich wollte. Oder es war, wie gesagt… einfach nach den vorher geschürten Erwartungen nicht abschreckend genug, um mich in der Stimmung zu verjagen.
Jedenfalls blieb ich schließlich einfach vor der Türe sitzen; irgendwann musste er ja wohl herauskommen.
***
Was er dann am nächsten Tag tatsächlich tat — allerdings ohne in irgendeiner Weise kundzutun, dass er meine Anwesenheit auch nur bemerkte. Diesmal verschwand er wirklich im Wald.
Kam abends zurück, knallte mir wieder die Türe vor der Nase zu.
Am nächsten Tag klopfte ich wieder, noch ehe er sich wieder davonstahl, abermals ergebnislos. Diesmal sah ich ihn nicht einmal fortgehen. Aber ich sah ihn am Abend zurückkommen; also war er wohl schon fort gewesen, als ich geklopft hatte.
Wieder blieb ich einfach da und klopfte am Tag darauf wieder in der Frühe.
Immerhin war er nicht der Einzige, der es gewohnt war, früh aufzustehen. Diesmal erwischte ihn mein Klopfen offensichtlich bevor er weg war. Wobei er eigentlich auch einfach hätte nachts verschwinden können, irgendwann musste ich schließlich auch schlafen und irgendwann bin ich wohl auch einfach eingepennt... Aber vor einem Kind wegzurennen und sich die Nachtruhe vermiesen zu lassen, dass es so weit käme, war für ihn wohl auch ein Unding. Weswegen auch; was sollte ich schon tun. Und immerhin klopfte ich nicht ständig oder die ganze Nacht durch; ich versuchte nicht, ihn zu halten, wenn er ging – und so lange er mich nicht von selber ansprach war mir offenbar der Mund wie zugewachsen.
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An diesem Morgen wurde mein Klopfen allerdings zumindest mit einer unwirschen Frage quittiert.
„Was willst du?“
Vermutlich wäre spätestens jetzt, bei dem Tonfall, jedes andere Kind davongerannt. Wie mein Mundwerk in der Situation funktioniert hat, weiß ich auch nicht so recht, aber irgendwie kamen die Worte ganz wie von selbst, ohne dass ich sie überhaupt auch nur recht gedacht hätte.
„Zeig mir, wie man jagt.“
Das war der erstaunlich kohärente — aber auch der einzige Satz, der da aus mir heraussprudelte; ohne, dass ich recht wusste, woher er eigentlich kam.
Wobei ich ganz klar nicht an normale Tiere dachte, sondern dabei urplötzlich wieder dieses Eichhörnchen vor Augen hatte. Während ich die letzte Zeit eigentlich gar nichts gedacht und auch meine Umgebung nur irgendwie... neben mir stehend wie verschwommen wahrgenommen hatte; zumindest spricht so das deutlich unscharfe Bild meiner Erinnerung.
Das Eichhörnchen. Das Eichhörnchen. Wie ein sinngebendes Bild in all dem Chaos, an dem ich mich festzuhalten versuchte — was immer er davon halten mochte, was ich da von mir gab.
Womöglich war es sogar der einzige Satz, der tatsächlich irgendwie Sinn machte. Schließlich war er der Jäger und wurde ja wohl auch älter, also warum sollte er nicht endlich mal einen Lehrling nehmen? Wahrscheinlich wusste er nicht mal, was eigentlich vorgefallen war, und hielt mich nur für einen äußerst unwahrscheinlichen und zudem völlig unerwarteten Kandidaten für diesen Posten, für den Interesse anzumelden sich bisher womöglich einfach nur nie jemand getraut hatte. Rein praktisch und logisch besehen machte es jedenfalls durchaus Sinn, dass er in solcher Annahme meinen Geduldsfaden und die Ernsthaftigkeit meiner Anfrage zu testen versuchte. Er konnte ja nicht wissen, was wirklich dahintersteckte, so selten wie er im Dorf war; das letzte Mal war mindestens schon wieder zwei, drei Wochen her und mehr als einmal im Monat oder seltener kam er eigentlich gar nicht dorthin.
Oberflächlich betrachtet hätte dieser Satz eines potentiellen Auszubildenden, der bei einem Jäger um Aufmerksamkeit heischte, ja durchaus noch sinnvoll erscheinen können — wäre ich nicht gerade mal sechs Jahre alt und darüber hinaus auch noch ein Mädchen gewesen; noch dazu nicht gerade sonderlich robust, sondern eher zierlich gebaut und zu guter Letzt -durch die nicht gerade rosige finanzielle Lage meiner Familie bis dahin bedingt- sogar regelrecht hager; ein kleines, struppiges Ding, das noch dazu mehr oder minder verstört gewirkt haben muss.
Darüber hinaus traf dieser Satz in Wahrheit vermutlich nicht mal ansatzweise wirklich das, was mich eigentlich dorthin getrieben hatte – oder gar was ich wollte. Es war nur das einzig noch irgendwie wenigstens oberflächlich einen Sinn Ergebende, das mir in dem Moment überhaupt einfiel. Ich wusste ja eigentlich selbst nicht, was ich wollte – außer vielleicht irgendein Gefühl von Sicherheit als Ersatz für das, was mir so abrupt und vollständig abhandengekommen war. Auch das wäre noch einigermaßen logisch gewesen, wenn man es nur oberflächlich betrachtete. Ich meine, er wirkte sicher ... Respekt einflößend. Oder in der Denkweise der Dorfgemeinschaft ausgedrückt: Selbst gefährlich genug, dass er gegenüber allem Möglichen Sicherheit geben konnte. Aber eigentlich schon wieder so sehr, dass ‘Sicherheit’ sicher nicht gerade der Begriff gewesen wäre, mit dem man ihn üblicherweise hätte belegen wollen.
Also was, verdammt nochmal, tat ich da eigentlich?
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Vielleicht war es einfach nur der Ort — gerade abgelegen genug, um nicht mehr wirklich zum Dorf zu gehören, aber nahe genug dran, dass man noch leicht gefunden werden konnte. Allerdings... wären dafür vielleicht diverse vergammelte Anlegestellen sinnvoller gewesen. Die Hütte des Jägers war nicht gerade der Ort, an dem irgendwer zuerst nach einem vermissten Kind suchen würde. Abgesehen davon, dass man ihm vielleicht zutrauen würde... aber nein.
Wollte ich es meinen Eltern schwer machen, mich wiederzufinden, sie dadurch bestrafen, dass sie länger suchen und mehr nachgrübeln sollten als nur ein bisschen?
Ich bin nur in Einem ziemlich sicher, und zwar, dass mindestens ein kleiner Teil von mir wohl wirklich immer noch darauf wartete, dass endlich meine Eltern kämen, um mich zurückzuholen. Oder mich aus diesem absurden Alptraum aufzuwecken. Mir zu sagen, dass alles nur ein Missverständnis gewesen wäre, dass ich mir den Beutel eingebildet hatte, dass Dankrun meinen Bruder nur geholt hatte, weil er so krank war, um ihn danach zurückzubringen.
Denn was ich eigentlich wollte, war sicherlich, dass es meine heile ... naja, das Wort ist komisch, mit einem dauerkranken Bruder... also, dass meine vollständige Familie wieder gäbe, als solche. Dass das alles einfach nicht geschehen wäre.
Nur dass das natürlich utopisch war und was geschehen ist nicht wieder rückgängig gemacht werden kann. Also wartete ich darauf, dass sie kämen, um wenigstens zu versuchen, es mir irgendwie zu erklären, was da passiert war. Wenigstens zu sehen, wie es mir ginge. Zu sehen, wo ich abgeblieben war.
Ich war ja schließlich nicht aus der Welt, ich war doch kaum vom Dorf weg, immer noch in Reichweite, in einem Umkreis, in dem man ein Kind finden konnte, das weggerannt war?
... wenn man es wiederfinden wollte ...
Wenigstens um zu fragen, weswegen ich fortgerannt war. Egal, wie eindeutig man sich das eigentlich wohl denken konnte. Irgendwas.
Doch zumindest Mamma? Mamma, die so schön für Feréll gesungen hatte und wohl auch vorher schon nur für mich. Mamma, die so viel Wärme, Zuneigung, Liebe ausgestrahlt hatte. Das war doch wohl nicht nur Ommá gewesen, die in einem der letzten Winter gestorben war!?
Mittlerweile hätten sie doch eigentlich angefangen haben sollen, sich Sorgen zu machen... Und selbst wenn sie das kranke Kind loswerden wollten, ließ man denn deswegen auch noch das gesunde, das bei der nötigen Arbeit mithalf, einfach so ziehen? Ohne auch nur einmal nachzusehen?
Nicht, dass ich die Vorstellung sonderlich toll gefunden hätte, dass sie meinen Bruder verstoßen würden, weil er krank war, und mich als gesunde Arbeitskraft behalten wollten... und dass nicht ein Teil von mir entschlossen war, so was nicht mitzumachen. Entweder mich und Feréll oder keinen von uns. Aber... Es wäre wenigstens... etwas gewesen. Auch wenn ich es letztendlich abgelehnt hätte. Es wäre zumindest etwas gewesen, das ich ablehnen konnte. Etwas, das ich hätte tun können; eine Entscheidung, die ich hätte treffen können, aus eigenem Entschluss.
Nicht dieses eisige Gefühl, das einen überhaupt keiner wollte; womöglich nie gewollt hatte, dass all die schönen Erinnerungen... nichts als Lügen waren. Einbildungen...
Ich bin mir nicht völlig sicher, aber ich glaube, diese Gedanken kamen mir tatsächlich erst hinterher. Als bewusste Gedanken, meine ich. Dass es als Gefühl unbewusst da war... ich denke schon.
Das Gefühl, kein Zuhause, keine Eltern mehr zu haben, nicht mehr zu wissen, wohin man sollte, das im ersten Moment so stark da gewesen war, wurde nach der ersten, im bewussten Sinne ‘gefühllosen Phase’ der ersten Tage zunehmend wieder stärker.
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Ich blieb noch eine ganze Weile vor der Tür sitzen.
Eine Weile, in der ich nicht mehr klopfte und Sintram nicht mehr vorbeikam; jedenfalls nicht so, dass ich bemerkt hätte, wann er die Hütte verließ oder wann er heimkam.
Vielleicht schlief ich gerade. Ich habe keine bewusste oder gar klare Erinnerung mehr, wann ich an diesen Tagen geschlafen habe oder nicht. Ob ich irgendwann auch nur kurz weggegangen war, um etwas zu trinken. Man sollte jedenfalls meinen, dass ich das getan hätte. Aber daran erinnern kann ich mich nicht.
Umso klarer erinnere ich mich stattdessen daran, dass ich, ebensowenig wie ich in Frage gestellt hatte, dass mein Bruder die Wahrheit gesagt hatte –und nicht nur seine Wahrheit; sondern dass wirklich passiert war, wovon er erzählt hatte– nun genausowenig auch nur eine Sekunde lang in Frage gestellt hätte, dass der Jäger, dieser sonderbare Jemand, mich aufnehmen würde.
Aus irgendeinem Grund erschien er mir offenbar in dem Moment, als in meinem Kopf nur noch Leere herrschte, aus einem unerklärlichen Instinkt heraus, der in jener Situation schalten und walten konnte wie er wollte, als ein Zufluchtsort, zu dem ich gehen konnte, wenn ich nirgendwo anders hingehen konnte; dachte ich, dass er mich nicht abweisen würde, nicht ernsthaft.
Dass es nur eine Frage der Zeit wäre... bis er erkennen würde, dass es ernst war; dass ich wirklich Hilfe brauchte? Dass es mir ernst war; dass ich wirklich nirgends anders hinzugehen wusste? Bis er nachgeben würde?
Ich hätte das Gefühl nicht wirklich erklären können. Ich konnte es ja nicht einmal wirklich greifen.
Zumindest aber hatte ich in keiner Sekunde das Gefühl, dass er auch nur einmal wirklich ernsthaft versucht hätte, mich zu verscheuchen. Alles, was er tat, war mich nicht zu beachten. Oder so zu tun, als würde er mich nicht beachten; obwohl er sehr wohl wissen musste, dass ich da war.
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Also wartete ich.
War es das, was er wollte? Das, was er fürchtete?
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Ob er sich wohl überhaupt bewusst war, dass er mich durch reines Nichtbeachten nicht abschreckte? Dass er womöglich sogar das Einzige tat, was mich davon abhielt, doch noch vor lauter Angst und Kopflosigkeit erneut davonzurennen, wo er mich doch durch eine auch nur halbwegs überzeugende Darbietung von Ablehnung hätte verscheuchen können?
Wollte er mich am Ende gar nicht verscheuchen? Oder brachte er es einfach nicht über sich mich davonzujagen? Hatte er im Dorf schon erfahren, was passiert war? Ich hatte ja keine Ahnung, wo er an den Tagen hingegangen war, wenn er tagsüber fort war und erst abends wiederkam.
Jemand wie er war nach meiner Überzeugung –auch noch nach meiner heutigen– jedenfalls rein schon nicht... unachtsam genug, um die Augen wirklich davor verschließen zu können, dass jemand an seinem Heim herumlungerte. Oder wirklich... genug so wie er oft genug wirkte, dass er sich wirklich demgegenüber hätte verschließen können, dass ich da saß.
Ich... ein Kind? Eine verwandte Seele?
Je mehr ich hinterher darüber nachgegrübelt habe, desto mehr habe ich logischerweise auch darüber gegrübelt, ob ich nicht nur Dinge im Nachgang hineininterpretierte.
Vielleicht hielt er es einfach nicht für notwendig, mich zu verscheuchen. Und vielleicht konnte er es aus anderen Gründen wirklich nicht und hoffte nur, ich würde einfach von selbst wieder verschwinden.
Nur dass ich das nicht tat.
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Ich bin mir nicht mal sicher, wie viele Tage wirklich vergangen sind.
Jedenfalls landete eines schönen Nachmittags plötzlich ein Rehkadaver vor meinen Füßen.
Nebst einem Jagdmesser.
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Ich weiß gar nicht, ob er überhaupt noch irgendwas dazu gesagt hat, als ich kurz halb noch schläfrig, halb überrascht und doch irgendwo tief drin nicht wirklich erstaunt – oder einfach nicht mehr in der Lage noch erstaunt zu sein in jenen Tagen – kurz hochgeschaut habe, woher das kam. Als ob das nicht klar gewesen wäre. Woher sollte es auch sonst kommen? Oder ich ihn einfach nur kurz angeschaut habe, ohne eine Antwort zu bekommen, ohne überhaupt eine zu erwarten. Was das heißen sollte, war sowieso klar. Was macht man mit einem Rehkadaver? Na, dasselbe wie mit einem toten Fisch. Okay, das Entschuppen fällt natürlich weg. Anzufangen, das Fell direkt abzuschaben, so doof war ich dann auch wieder nicht. Aber der Rest ist nicht groß anders – auch wenn die Augen, die dich dabei anglotzen, vielleicht noch ein bisschen größer sind und mal niedlicher anzuschauen waren... — Aufschneiden, ausnehmen… In dem Moment habe ich außer an den Vergleich zum Ausnehmen von Fischen an nicht wirklich viel Anderes gedacht.
Vielleicht hätte ich es sonst doch nicht fertigbekommen. Ganz zu schweigen davon, dass ich sonst womöglich einmal um die Ecke kübeln gegangen wäre. Oder schlimmstenfalls sogar direkt und unaufhaltsam an Ort und Stelle. Ein Reh ist eben doch nochmal etwas Anderes als ein Fisch. Irgendwie ... näher an einem offensichtlich fühlenden Wesen.
Auch ohne solche bewussten Bedenken und daher allenfalls zögerliche Schnitte, die so etwas dann nur noch schlimmer machen -wenn man es nicht richtig macht, sollte man es lieber ganz lassen; aber glücklicherweise war das Tier ohnehin schon tot- war es vermutlich immer noch eine ziemliche Sauerei, die ich da fabriziert habe; nicht gerade sauber, geschweige denn fachmännisch. Aber immer noch besser, als hätte ich nie gelernt mit einem Messer umzugehen; auch wenn ein Jagdmesser ein wenig anders ist und funktioniert als ein Messer zum Filetieren von Fischen. Und man eindeutig dreckiger davon wird, wenn das Vieh so groß ist, dass man beim Ausnehmen beinahe mit den kompletten Armen darin versaufen kann – um nicht zu sagen noch so klein ist, dass man beinahe den kompletten Oberkörper darin versenken könnte, wenn man es darauf anlegen würde – als wenn man nur eine Hand reinstecken muss, um die Innereien herauszuholen.
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Einige Stunden, etwas zerschnippelte Innereien, eine ziemliche Blutlache und versaute Klamotten später hatte ich das Ding dann so weit, dass ich in meiner Naivität dachte, als blutiger Anfänger in der Disziplin hätte ich es wenigstens halbwegs fachmännisch zerlegt, für meine Verhältnisse zumindest.
Was damit endete, dass ich erst einmal doch ein wenig baff ob des schneidenden Vortrags war, was ich so alles falsch gemacht hatte und wohin ich verschwinden könnte, wenn ich dies, dies und jenes – und das erst recht – beim nächsten Versuch immer noch falsch machen würde.
Wobei ein Teil der initialen Überrumpelung vermutlich daher kam, dass er plötzlich sprechen konnte. Dass er doch tatsächlich und wahrhaftig zu mir sprach.
Und gleich so viel auf einmal.
Glücklicherweise bekam ich statt eines neuerlichen Direktversuches dann doch am nächsten toten Reh erst einmal gezeigt, wie man es richtig machte, ehe ich mich dann am zweiten beweisen sollte. Natürlich machte ich immer noch dies und jenes falsch und erhielt erst einmal ein paar deftige Worte und Vergleiche -von denen ich glücklicherweise wohl nur die Hälfte schon verstand- für die Fehler. Aber fortgeschickt hat er mich nicht. Nun gut, ich habe zumindest auch nicht die Fehler gemacht, die er beim ersten Mal so besonders angemahnt hatte, also kann man wohl sagen, dass er nichts versprochen oder angedroht hatte, was er dann nicht hielt — vermutlich hatte ich also auch in gewisser Weise schon mal irgendwas richtig gemacht. Dafür hatte ich stattdessen eben ein paar neue Fehler gefunden im Versuch die alten auszumerzen. Nunja. Ein etwas ‘dickeres Fell’ fehlte mir trotz der gelegentlichen Backpfeifen und vor allem verbalen Prügel nebst... bekannteren Beschimpfungen seitens meines leiblichen Vaters bis dahin ja ohnehin immer noch.
Schlimmer war es jedenfalls auch nicht.
Anfangs zumindest.
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Explore the English Sneakpeeks
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Die deutsche Version ist schon weiter als die Übersetzung;
da es sich bei ihr um das Original handelt ;)
Wer mag, kann aber natürlich auch mal die (freie) englische Übersetzung testen
(die wiederum, da sie neuer ist, hier und da Updates erhalten hat, die wiederum in der deutschen noch eingefügt werden müssen - das klassische Work in Progress-Problem):
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