Kapitel 7: Liliana - Schillern
Er war ein Rätsel. Und wenn ich schon die Antwort darauf nicht bekommen konnte, wollte ich wenigstens wissen, welches...
Das erste Mal als ich ihn gesehen hatte, hatte einen ziemlich verwirrenden, ja, regelrecht verstörenden Eindruck bei mir hinterlassen.
Ich war gerade dabei gewesen, selbstvergessen eine Eidechse zu beobachten.
Neben den üblichen warmen Erdtönen und einem etwas selteneren Goldbraun hatte sie auch ein paar Schuppen, die in den einzelnen helleren, direkten Strahlen, die das noch leicht diffuse, neblige Licht dieses Frühmorgens durchdrangen, in erstaunlichen Grüntönen schillerten und meinen Blick bannten. Fasziniert beobachtete ich den stetig wechselnden Farbverlauf auf dem gelenkigen kleinen Körper, der sich mal flink wuselnd, mal in langsamer Wachsamkeit über den rauen Stein bewegte und hin und wieder auch in scheinbarer Trägheit sich in einem Sonnenstrahl sonnend wie in Zeitlupe millimeterweise die feinen Krallenfüßchen voreinander setzte, die winzige gespaltene Zunge aus dem kleinen Maul hervorzüngelnd um die Luft zu prüfen, nur um dann in einer abrupten Explosion an Bewegung wieder einige Handbreit auf einmal davonzuschnellen.
Mitten in meiner Beobachtung lenkte irgendetwas plötzlich meinen Blick hoch; vielleicht weil ich irgendwie Bewegung wahrnahm, noch aber ohne Details zu bemerken; vielleicht weil in dem Moment ein Schatten über mein rechtes Auge fiel und die Farben veränderte. Jedenfalls blinzelte ich und sah nach oben.
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Das Erste, was ich sah, war dann dieser große, relativ schmale Schatten – sehnig würde man sagen, aber das Wort kannte ich noch gar nicht. Schatten... vielleicht weil er so dunkel gekleidet war, auch wenn es ebenso gut die dunkle Stimmung beschreiben könnte, die er ausstrahlte.
Und in diesem düsteren Umriss blitzte etwas Helles auf, etwas das mir im ersten Moment wie das faszinierende Grün der Eidechsenschuppen erschien, ein Farbton wie von Unterwasserpflanzen, über die weiche Sonnenstrahlen durch die bewegte Wasseroberfläche in steter, langsamer Bewegung hinwegstreiften.
Mit einem Blinzeln war dieser erste Eindruck plötzlich wieder verschwunden, als sei ein Schatten darüber geflossen, der Schatten eines silbrig-grauen Fisches, der vorbeistreifte, oder vielleicht eine Wolke im Himmel über der Oberfläche, die die Sonnenstrahlen verdeckte und damit die Farben verstummen ließ. Auch das Tiefdunkle verschwand wieder und das Wolkenbild gewann die Oberhand.
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Denn die Augen, in die ich geradewegs direkt hineinblickte, waren weder von diesem tiefen Dunkel -und auch nicht das samtige Schwarz, das ich gerade noch gesehen hatte- noch von dem dunklen, schillernden Grün mit den helleren Sprenkeln, das ich zuvor wahrgenommen zu haben meinte. Sie erinnerten tatsächlich viel mehr an Wolken oder an Stein. Vielleicht sogar einem der Metalle in Jannais Schmiede — wenn sie noch friedlich schlummerten statt in der Hitze des Feuers rot und orange aufzuglühen als wollten sie ein Teil der Flammen werden. Kühl und glatt und leise schimmernd.
Waren sie doch von einem hellen Grau, das in dem sonnengebräunten Gesicht und der Düsternis der umgebenden Gestalt, der schwarzen Haare, der dunklen Kleidung, besonders auffallend hervorstach und dem Blick schon dadurch eine besondere Intensität verlieh.
Das Dunkle, das ich zu sehen gemeint hatte, kam vielleicht daher, dass sich die Augenfarbe an den Rändern zu einem unregelmäßigen Ring dunkleren Graus verdichtete. Und vielleicht waren sie auch eigentlich graugrün, weil ich Grün zu sehen geglaubt hatte?
Ich kam nicht dazu, noch einmal genauer hinzusehen, denn nun war es definitiv eine aufgeregte Bewegung am Rande meiner Wahrnehmung, die meine Aufmerksamkeit wegriss.
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Lauries kastanienbraune Ringellocken, um die ich sie immer so beneidete, wippten wie Sprungfedern auf und ab, während sie heftig winkte und sich gleichzeitig halb hinter einem großen Stein und hohen Gräsern zu verstecken versuchte. Die beiden so entgegengesetzten Absichten führten dazu, dass ihr Verhalten unfreiwillig komisch wirkte und ich beinahe losgeprustet hätte. Nachdem ich aber erst einmal den Kopf nach rechts gedreht hatte, sah ich von dort auch den schon etwas größeren Bern – wie üblich musste er sich wieder eine Strähne seines stets zerstrubbelten, widerspenstigen dunkelbraunen Haars aus dem Auge pusten, die doch nur sofort wieder zurückfiel – mit einer ausgestreckten Hand auf mich zulaufen, mit der er mich prompt am Arm packte und wegzog.
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Vermutlich hatte ich Glück, dass ich mich nunmehr instinktiv schon halb erhoben hatte, sonst hätte er mich im Übereifer vielleicht einfach nur beim Versuch mich fortzuziehen umgeschmissen und auf dem Boden weitergeschleift... Mir war noch nicht ganz klar, was eigentlich los war, aber die offensichtliche Aufregung der Anderen war ansteckend genug, dass ich ohne irgendwelche Fragen hurtig hinter ihm zur nächsten Häuserecke eilte, sodass er mich kaum noch ziehen musste, sondern eigentlich nur noch lose meinen Arm hielt. Er mochte zwar längere Beine haben als ich, aber ich war schon immer recht flink gewesen, wenn ich es nur sein wollte. Beim Fangenspielen kam ich meistens davon – und wenn nicht konnte ich mich oft aus den Griffen herauswinden und düste hakenschlagend fort. Ich wischte den Gedanken rasch weg. Um ein Spiel ging es offensichtlich nicht. War irgendjemandem etwas passiert? War einer der Anderen irgendwo hochgeklettert und heruntergefallen oder hatte sich irgendwo eingeklemmt und brauchte Hilfe? ...aber warum versteckte sich dann eigentlich Laurie -wie ungeschickt auch immer sie das tat-? Und… warum hielt Bern eigentlich nun hinter der Häuserecke direkt wieder an?
Nachdem er mich mit einer Armbewegung ebenfalls abgebremst hatte, drehte er sich prompt in die andere Richtung und linste vorsichtig hinter der Ecke hervor auf den Platz zurück, von dem wir gerade gekommen waren. Meine hochsteigende Frage wurde mit einem scharfen ‘Pssscht’ sehr schnell abgewürgt, noch ehe ich das erste Wort vollendet hätte.
Neugierig quetschte ich mich an Berns Seite und machte mich daran schließlich einfach weiter neben ihn zu treten, wo ich ja genug Platz hatte, weil ich immer noch nicht ausmachen konnte, was denn nun die ganze Aufregung ausgelöst hatte. Mittlerweile war der Unbekannte gemächlich etwas weiter über das Feld herangekommen, aus dem er auf mich zugekommen war, und damit dem großen Dorfplatz nähergekommen, auf den er zuzusteuern schien. Ein Fremder, den ich bis dahin noch nie gesehen hatte, wie mir jetzt erst so recht auffiel, bewusst wurde; bisher hatte ich vor lauter Konzentration, vielleicht auch bunter Tagträumereien wegen noch gar nicht bemerkt, dass es nicht irgendeiner der bekannten Erwachsenen war. Es waren aber kaum ein paar Sekunden vergangen, seit Bert mich von meinem Platz weggerissen hatte, sodass er den Rand des Platzes noch nicht erreicht hatte, auch wenn er jetzt beinahe an der Häuserecke auf der anderen Seite war. Meine Augen suchten hastig den Platz ab und konnten immer noch nichts Besonderes entdecken, als Bern mich schon wieder zurückriss, scheinbar besorgt, ich könne einfach wieder auf den Platz hinaustreten, und mich eng an sich zog, den rechten Arm beschützerisch um mich gelegt.
Ich sah wieder Bern an, der sich mittlerweile auch mir zugewandt hatte.
„Weestn dun_nich, wer das is?“ meinte er mit leisem, drängendem Tonfall.
Ich schüttelte nur aufrichtig unwissend den Kopf. Machte man doch so, oder?
„Nee, wieso?“
Weshalb denn die ganze Aufregung? war das überwiegende Gefühl, das mir nun durch Kopf und Glieder ging, nachdem der Körper nach der abrupten Anstrengung wieder zur Ruhe kam und sich nichts Besonderes an der Situation finden ließ. Ich erspare Euch weitere größere Dialektauswüchse, sonst versteht Ihr womöglich kein Wort. Sagen wir einfach, wir hatten einen recht breiten, dort in Nebelfurth.
Mein Gesichtsausdruck jedenfalls musste wohl dasselbe ausgedrückt haben wie meine verstreuten Gedanken.
„Was denn, ernsthaft nicht?!“ Bern klang nun seinerseits ernsthaft ungläubig. „Das ist der Jäger!“
Ich sah ihn einfach nur an und erwartete eine Erklärung.
„Der Jäger; verstehst du denn nicht!?“
Ich sah ihn wohl immer noch ziemlich unverständig an.
Ich meine, ich wusste, was ‘Jagen’ ist, insofern ich wusste, was es hieß, wenn wir uns auf die Jagd nach Wühlmäusen oder einem Dachs oder dergleichen machten oder jemand einem Schmetterling hinterherjagte... und auch, dass der Fleischeintopf, den es gelegentlich im Gasthaus gab, wohl nicht aus Fischen war, sondern aus irgendwelchen größeren Tieren, die es im Wald geben sollte, aber....
„Oh Mann. Wie kann man das denn nicht wissen? Haben dir deine Ältern denn gar nichts beigebracht? Oder ältere Geschwis–“ In dem Moment fiel ihm wohl grade ein, dass ich im Gegensatz zu ihm keine älteren Brüder hatte. Und auch keine Schwestern. „Uhm.. Naja, ich meine... hat dir nie einer damit gedroht, dass dich der Jäger holt, wenn du mit dem oder jenem jetzt nicht sofort aufhörst?“
Ich schüttelte wiederum nur stumm den Kopf. Dass irgendwer irgendwen holen kommen würde, davon war in meiner Familie nie geredet worden. Wenn überhaupt hatte man weitere düstere Themen tunlichst vermieden; schließlich gab es mit Ferélls Krankheit schon genug Sorgen.
Ein offensichtlich frustrierter Laut zeugte davon, dass Bern nicht so genau wusste, was er mir sagen sollte. Schließlich verlegte er sich auf: „Na, dann... sieh doch einfach hin. Schau doch mal, wie ihm alle aus dem Weg gehen. Und ist dir nicht aufgefallen, wie böse der guckt?!“
Ich wand mich ein wenig hin und her, um weit genug unter Berns Arm hervorzukommen, dass ich mich so weit nach vorne lehnen konnte, dass ich wieder um die Ecke sah, wo der dunkel gekleidete Fremde langsam und selbstsicher über den Dorfplatz marschierte. Die starren Augen eines toten Rehs über seiner Schulter stierten mich an und ließen mich zurückfahren. Der Tod, der ihm anhing, war die erste Angst, die ich tatsächlich mit ihm verband.
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Bern nahm meine Reaktion offenbar mit Zufriedenheit zur Kenntnis.
„Man sagt auch, dass er die Leute hängt, die zum Tode verurteilt worden sind...“ flüsterte er mit betont düsterer, unheilschwangerer Stimme.
Ich wäre beinahe nochmal zusammengezuckt – einfach weil ich das jetzt so gar nicht erwartet hatte, wäre er dabei nicht plötzlich ins Krächzen gekommen und hätte husten müssen. So sah ich nur ein Auge kritisch zusammenkneifend mit schiefgelegtem Kopf zu ihm hoch.
„So ein Quatsch. Was heißt denn bitte ‘zum Tode verurteilt’? Bei uns ist doch noch nie jemand zu irgendwas mehr als irgendwelchen Strafarbeiten verdonnert worden, die man nicht gerne macht!“ Mit diesem Protest wand ich mich noch ein wenig mehr hin und her und warf Berns Arm schließlich ganz ab.
„Du bist doof.“
Ich trat ein paar Schritte weg.
Berns gekränkte Miene schien ziemlich getroffen von diesem eher dahingesagten Kommentar, ehe ich schnell – vielleicht gerade wegen seiner Reaktion so schnell, weil ich nicht so recht wusste, wie ich darauf reagieren sollte; ich hatte doch gar nicht gemeint... – wieder hinter dem Hauseck dem Fremden hinterher sah, ehe er irgendwohin verschwand.
„So schlimm war er doch gar nicht...“
Aber selbst für mich klang meine Stimme dabei ein wenig unsicher. Das blöde Reh, das auf seinem Rücken sachte wippte, glotzte mich immer noch an und ließ irgendwo in mir einen sachten Schauder durch meine Venen rieseln.
Ich sah wieder zurück zu Bern und legte ihm schließlich kurz sachte eine Hand auf den Arm.
„Hey... jetzt guck doch nich so. So hab ich das doch gar nich gemeint...“ murmelte ich zerknirscht, weil er immer noch bedröppelt dreinguckte.
„Ernsthaft nich?“ meinte er hoffnungsvoll, aber ein klein bisschen misstrauisch. „Weil der blöde Tram“ - damit meinte er seinen älteren Bruder Bertram, von ihm manchmal auch „Trampel“ genannt, im Ausgleich für andere Schimpfwörter an ihn durch den Älteren; der Rest der Welt nannte ihn eher „Bert“ - „der sagt auch immer ich wär doof...“ Er sah zu Boden und beäugte scheinbar seine Zehen, die er gegeneinander stoßen ließ. „Und Paps hab ich auch schonmal sowas sagen hören, dass ich wohl nich ganz der Hellste wär..“
„Ach, Bern.“ Ich boxte ihm in die Seite. „Das is doch Quark. Du warst’s doch der letzt die Idee hatte, wie wir den Dachs kriegn könntn.“
Bern sah wieder hoch und suchte offenbar nach verstecktem Spott in meinem Gesicht.
„Meenst du?“ Dabei wusste er ebenso gut wie ich, dass die Idee echt gut gewesen war; auch wenn sie nur zum Teil funktioniert hatte, weil das, was wir zum Bau der Klappfalle benutzt hatten, leider nicht sonderlich haltbar gewesen war, jedenfalls nicht für die Kräfte eines Dachses – aber das war ja nicht Berns Schuld. Bei der Wühlmaus hatte es grandios funktioniert.
„Aber klar! Jetzt komm’ schon. Ich will wissen, wo der hingeht...“
„Was!? Neee… neee, hör mal, Lili, wir können doch nich...“
„Och komm schon, seit wann nennt man dich auch ‘n Angsthasn?“
„Ich bin kein - “
„Na eben. Jetzt komm schon...“
„Oh, okay...“ Er verdrehte die Augen und ließ sich davonziehen. Immerhin hatte der Jäger mittlerweile schon einen guten Abstand gewonnen. Die Tatsache, dass ich brav an der nächsten Häuserecke wieder einschwenkte und wir so von Haus zu Haus nur mit einem gehörigen Abstand hinterherhuschten, um aus ausreichender Entfernung hinterherzugucken, was da vor sich ging, mochte auch geholfen haben.
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Tja, das war also der erste ‘Fremde’ den ich im Dorf sah.
Sonderbarerweise ‘fremdelte’ ich bei dieser ersten Begegnung gar nicht, sondern es überwog in meiner ersten Reaktion spontan einfach nur der Eindruck von etwas potentiell Interessantem. Vielleicht war das einfach eine solche Phase in meiner Entwicklung. Vielleicht kam der Umstand, dass ich ihn in dem Moment nicht wirklich als bedrohlich wahrnahm, auch daher, dass mein erster Gedanke gewesen war: „Ochje, der sieht aber traurig aus“. Jemand, den man als traurig eingeordnet hat, hat es erstmal schwer, noch bedrohlich auf einen zu wirken...
Was man als kindliche Fehlinterpretation einer Stimmung deuten mag, wurde dann aber auch abrupt abgedämpft, während ich die Reaktionen der anderen weiter beobachtete. Der spontane Eindruck zuvor hätte mich beinahe dazu gebracht, auf ihn zuzugehen und ihn einfach in den Arm zu nehmen, wäre nicht just in jenem Moment Bert bei mir erschienen und hätte mich weggezogen – jedenfalls es zu versuchen; wenn man darüber mutmaßen will, wie der Jäger auf so etwas wohl reagiert hätte. Abgesehen davon reagierte mein Körper nicht, beziehungsweise nicht schnell genug auf diesen Impuls; was vielleicht auch besser so war, wie mir die Reaktionen danach vermittelten.
Nachdem ich das erst einmal mitbekommen hatte, hatte der erste Impuls damals zu späteren Begegnungen nicht mehr die geringste Chance. So wie der Rest des Dorfes reagierte, hätten mich keine zehn Pferde mehr in eine Nähe zu ihm gebracht, in der er halbwegs noch in Reichweite für ... irgendwas… schien.
Die reine Vorstellung, wie ich versucht hätte ihn zu umarmen, erschien mir danach bei genauerem Besehen sehr schnell als ein ziemlich absurdes Bild.
Trotzdem konnte ich es wohl irgendwie nicht so schnell gänzlich aus meinem Kopf -besser gesagt Unterbewusstsein- verbannen. Jedenfalls trippelte ich nach diesem ersten Besehen immer mal wieder einige neugierige Schritte hinterher -in gutem Abstand natürlich- und beäugte ihn großen Auges hinter Hausecken hervor, wenn er später wieder einmal ins Dorf kam.
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Vielleicht war das so ein ähnlicher Effekt wie mit Uhlands Gruselgeschichten, die uns den Schlaf raubten und uns doch nie von der Neugierde auf mehr Sonderbares kurierten. Oder dem schwarzen Turm und der Vampirgeschichte, die uns schließlich dort auch nicht weghalten konnte – allem Gruseln zum Trotz.
Wenn ich versuchte seinen Gesichtsausdruck zu benennen landete ich allerdings bei nichts Schlimmerem als ‘grummelig’. Vielleicht lag es daran, dass ich erst darüber nachdachte, als er schon wieder weg war. In dem Moment, in dem er wirklich an einem vorbeistapfte, war man viel zu sehr mit Anderem beschäftigt als mit vernünftig klarem Geist darüber nachdenken zu können, wie der Eindruck nun genau war, den er verbreitete. Allein schon das Wort... insgeheim habe ich ihn in meinem Inneren tatsächlich und wahrhaftig grummelig genannt. Das muss man sich mal vorstellen... Ausgerechnet jemanden wie Sintram, der eine solch deutliche Reaktion rund um sich nach sich zog -Blicke auf sich zog, die ihm je älter ich wurde und je mehr ich es deuten konnte, offenbar sonstwas unterstellten; sich die schlimmsten Horrorgeschichten ausmalten, die nicht mal Uhlands Suffgeschichten toppen konnten- grummelig zu nennen.
Die Meisten schienen ihm lieber Kinderfresser hinterherrufen zu wollen, wenn sie sich nur getraut hätten. Und ich hatte... Mitleid ? ... mit dieser ‘traurigen Gestalt’? Und das auf den angewandt, in dem jeder andere wohl vor Allem den Henker des Dorfes sah – ein Amt, das er neben seiner Jagdtätigkeit tatsächlich ausübte, ganz wie Bern behauptet hatte. Jemanden als grummelig zu bezeichnen, der es durchaus fertigbrachte, einem halben Kind den Dolch unters Kinn zu heben, wenn es zu sehr zu nerven schien, war wohl schon ein starkes Stück.
Wobei er das bis dahin ja noch gar nie getan hatte... Und zu dem Zeitpunkt zu dem er es tat und die Gründe wes— aber das eilt nun definitiv endgültig zu weit voraus.
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Sagen wir einfach, mit meiner Menschenkenntnis schien es damals nicht weit her zu sein, zumindest insofern es wohl jeder andere Dorfbewohner bezeugt hätte, so er davon gewusst hätte.
Die Hybris auch nur daran zu denken, auf so jemanden zuzugehen und ihn auch noch in den Arm nehmen zu wollen... selten dämliches Kind. Bestenfalls stand zu erwarten, dass er einen irritiert beäugen würde, wie eine zu frech gewordene Laus, und einem einen Tritt gäbe, um das Problem aus dem Weg zu schaffen. Schlechtestenfalls würde er sich kurzerhand entschließen, das Problem einfach ganz aus der Welt zu schaffen... oder bei besonders mieser Laune das womöglich genüsslich zu zelebrieren.
Und bei so einem ‘blendenden Gesamteindruck’... das Gefühl ... umarmen...?
Urgh.
Und das zum selben Zeitpunkt, zu dem mir ein anderer Impuls völlig gegenläufig sehr wohl mitteilte, dass ich ... mich von ihm fernhalten, ja nicht näherkommen sollte.
Der Impuls, den jeder Andere um mich herum offenbar auch empfing. Nur dass ich so ziemlich die Einzige war, die sich deswegen in so etwas wie einer Schockstarre wiederfand oder einem fast schon faszinierten, auf jeden Fall irritierten Beäugen aus der Ferne.
So stark meine schon seit jeher ausgeprägte Neugierde oder jenes sonderbare andere Gefühl auch sein mochte und egal wie wenig ich so recht glauben konnte, dass er wirklich so schlimm war, wie die Anderen dachten – und sei es aus kindlicher Naivität heraus, dass so schlimm doch niemand sein könne; dass ja wohl niemand tun würde, was ihm da alles so zu unterstellt werden schien, in dem was unausgesprochen in der Luft hing; und vielleicht auch der falschen Verknüpfung folgend, dass wenn all das Böse in Uhlands Geschichten nicht wahr sein sollte, sowas dann ja wohl auch nicht wahr sein konnte und die Erwachsenen selbst auf dieselbe dumme Angst reingefallen waren, die sie uns immer unterstellten – ich hätte mich niemals getraut diesem offenbar abnormen ersten Impuls von damals zu folgen.
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Wobei ich später gelegentlich gerätselt habe, was dafür die eigentlichen Gründe waren, hinter den vordergründigen Dingen. Aber bleiben wir bei der korrekten Chronologie, Zeitsprünge können schnell zu einer verdammt verwirrenden Angelegenheit werden und die Dinge waren so schon verworren genug...
Ich fand ihn vielleicht nicht dermaßen beängstigend, oder nicht auf dieselbe Weise... Unwohlsein verbreitend wie er auf andere offensichtlich wirkte; nicht genug um deswegen gleich davonzurennen wie andere Kinder in meinem Alter – aber immer noch... beeindruckend; einschüchternd genug, dass ich mit gehörigem Respekt meinen Abstand wahrte.
Und eine wirklich einladende Geste näherzukommen, sich seine Geschichte anzuhören oder ähnliches -eine Geschichte, die mich so brennend interessiert hätte, herauszufinden; was es war, dass diesen düsteren Ausdruck in seine Züge malte- nun, das war nichts, was man von jemandem wie ihm erwarten konnte.
Und selbstverständlich blieb sie aus, aller Neugierde zum Trotz.
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So blieb mir wenig Anderes übrig als mit Uhlands Geschichten vorlieb zu nehmen und dort meine Neugierde auf alles Mögliche und Unmögliche zu befriedigen – nicht, dass sie je wirklich gesättigt gewesen wäre. Sie erschien vielleicht gelegentlich so, wenn Uhland uns mal wieder mit den Horrorgeschichten erschreckt hatte, die er nach zuviel Hochprozentigem hervorkramte; aber letztendlich blieb sie dort nie für sonderlich lange Zeit.
Zumindest nicht für länger als die Tage, die es dauerte, bis die nächtlichen Alpträume wieder aufhörten, die das regelmäßig nach sich zog. Normalerweise mochte ich ja die Nacht, wenn alles still und friedlich da lag und die Sterne leise am Himmelszelt funkelten – aber in jenen Nächten plagten mich die Gedanken an grausame Wesen und sonstiges Unaussprechliches, was um die nächste Ecke lauern mochte. Abgesehen davon, dass ich gelegentlich zittrig und Hirngespinste verfolgend im Bett lag und furchtsam in alle Ecken linste, die ich von meinem Bett aus sehen konnte -und damit letztendlich niemanden großartig störte- war es in meinem Fall wohl vor allem meine unter den unruhigen Schlafbedingungen leidende Mithilfe im Hausbetrieb, die das größere Übel darstellte – jedenfalls für meine Familie.
Die war aufgrund fehlender älterer Geschwister -insbesondere älterer Brüder- bei Vorhandensein eines die meiste Zeit recht kränklichen Geschwisterchens nämlich durchaus schon von Nöten. Mein Bruder war schließlich noch jünger als ich und mit uns beiden gab es zwei Mäuler mehr zu füttern; noch dazu brauchte er immer wieder die Hilfe der Dorfheilerin, die es auch nicht umsonst gab. Mit über sechs Jahren – fast schon sieben! Wie ich stolz selbst behauptet hätte; was natürlich weit ab der Wahrheit lag… – hatte ich schon eine Weile genug Geschick in den Fingerchen, dass ich etwa beim Flechten und Ausbessern der Netze helfen konnte, was teilweise gerade mit meinen kleinen Fingern ohnehin besser ging als es mein Vater mit seinen großen Pranken hinbekommen hätte. Fische entschuppen und ausnehmen ging auch schon wunderbar.
Folgerichtig sind trotz meiner steten Suche nach interessanteren Dingen die meisten meiner frühen Erinnerungen von entsprechenden Tätigkeiten geprägt oder aber davon, wie ich Mutter und Großmutter bei der Hausarbeit geholfen oder meinen kleinen Bruder herumgetragen habe.
Nicht, dass ich ihn deswegen weniger gemocht hätte oder es nicht auch schöne Erinnerungen gab.
Ich muss offensichtlich doch immer mal wieder Zeit für mich gefunden haben; denn ich erinnere mich, dass ich gelegentlich an einem alten, verfallenen Steg, der etwas weiter weg gewesen sein muss, geangelt oder mit meiner selbst geschnitzten Flöte gespielt habe – die erste muss mir unser Vater irgendwann geschenkt haben, glaube ich. Und irgendwoher musste die Zeit, die ich mich im Dorf herumtrieb, ja auch kommen.
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Davon abgesehen war meine neue Hauptaufgabe ohnehin auf meinen kleinen Bruder aufzupassen; was bedeutete, dass ich durchaus mit den anderen Kindern umherziehen konnte, auch wenn ich vielleicht nicht ganz so frei war alles mitzumachen, weil ich ja nebenher ein Auge auf meinen Bruder haben musste, nicht dass dem noch irgendwas zustieße. Und das Muss daran kam durchaus nicht nur aufgedrückt daher, als etwas das mir unsere Eltern verpasst hatten -wenngleich das natürlich manchmal mit hineinspielte, wenn ich dann eben doch mal gerne freier mit den anderen losgezogen wäre- sondern ich sorgte mich ja selber um den kleinen Hänfling.
Um nicht zu sagen, ich liebte ihn abgöttisch und sorgte mitunter regelrecht eifersüchtig dafür, dass ihm ja keiner was zuleide tat und ihm nichts zustieße, dass er sich ja nicht überanstrengte, dass ihn ja keiner überanspruchte... er war irgendwie immer auch mein ‘Kleiner’ – auch wenn der Altersabstand so sonderlich groß nicht war, sondern das eher von seiner Zerbrechlichkeit herrühren mochte.
Natürlich war ich trotzdem manchmal sauer, wenn ich Netze zu knüpfen hatte, während er es sich in Mutters Armen, betüdelt von Mamma -und früher auch Ommá- ‚gut gehen lassen‘ konnte. Andererseits kann man kaum lange sauer sein beziehungsweise zumindest nicht die Schuld an dem, was einen wirklich ärgert, so einem kleinen bisschen Leben geben, wenn man dann sieht, wie er fiebert und röchelt…
Eigentlich war ich vielmehr auf die Netze sauer, die einfach nicht halten wollten, oder auf meinen Vater, wenn er schlechte Laune hatte und sie an mir ausließ, weil ich irgendwas wieder nicht richtig machen konnte.
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Besonders sauer auf die Netze und meinen fluchenden Vater im Speziellen, die Welt im Allgemeinen war ich, als damals das große Netz riss und ich tatsächlich mehrere Tage lang beinahe ohne Unterlass Netze knüpfte, bis ich nicht mehr nur das Gefühl hatte, meine Finger würden gleich platzen müssen — sondern wirklich mit blutenden Fingern dasaß und noch weiter knüpfen musste, während natürlich ausgerechnet zu der Zeit auch noch mein Bruder hohes Fieber bekam, sodass Mutter nach dem ersten Tag nicht mehr mithelfen konnte.
Vermaledeite Krankheit. Wie oft habe ich verflucht, was immer da an ihm gefressen haben mag, was in seinem Inneren zu brodeln und zu rumoren schien... Abgesehen davon, dass ich die Alte nie wirklich leiden konnte, zu der er dann immer musste. Irgendetwas hatte sie an sich, das mich von früh auf misstrauisch gegenüber ihr werden ließ und mir ab und zu sogar Gedanken durch den Kopf jagte, ob sie seine Krankheit wirklich besser machte oder ihm nicht vielmehr irgendwas gab, was ihn kurzfristig gesund erscheinen ließ, aber auf Dauer krank hielt, damit er öfters zu ihr müsste und sie mehr Einnahmen hätte...
Später habe ich mich dafür gescholten – und andererseits ihr immer noch eine innerliche Rüge verpasst; denn es ist ja wohl kein großes Wunder, wenn einem Kind dumme Gedanken kommen, das stets draußen bleiben und damit raten muss, was da drinnen gerade mit seinem geliebten Brüderchen angestellt wird.
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Andererseits gab es auch bessere Tage. Einige meiner schönsten Erinnerungen sind einfach nur erfüllt von Wärme und Geborgenheit vor dem heimischen Herdfeuer oder an Mamma und Ommá gekuschelt unter der dicken Felldecke im Winter. Mammas Gesang, während sie mein selig lächelndes Brüderlein im Arm wiegt, ihr eigenes schönes Lächeln auf ihren Lippen dabei...
Und das endgültig zerrissene Netz blieb glücklicherweise das einzige dieser Art.
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Allerdings könnte man das auch dem Umstand zuschreiben, der in diesem Sommer eintrat und im Endeffekt dafür sorgte, dass ich so oder so nicht mehr mitbekommen hätte, wenn noch ein Netz gerissen wäre – und andererseits unsere Eltern es nicht mehr nötig hatten, noch Netze zu flicken. Oder überhaupt welche auszuwerfen.
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Explore the English Sneakpeeks
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Die deutsche Version ist schon weiter als die Übersetzung;
da es sich bei ihr um das Original handelt ;)
Wer mag, kann aber natürlich auch mal die (freie) englische Übersetzung testen
(die wiederum, da sie neuer ist, hier und da Updates erhalten hat, die wiederum in der deutschen noch eingefügt werden müssen - das klassische Work in Progress-Problem):
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