Kapitel 6: Liliana – Der Jäger
„… alle sieben Jahre. Und dieses Jahr hatte er sich Aemons Frau ausgesucht.“
Leise Schritte knirschten im Kies draußen. Schritte ohne Eile, aber zielstrebig und federnd wie ein Raubtier auf Beutezug. Eine Schwere lag in ihnen, die ihre Beinahe-Lautlosigkeit ebenso Lügen strafte wie den schmalen Schatten dessen, der sie auslöste. Noch ehe sie die Tür erreichten, reagierten schon die ersten Leute im Gasthaus; richteten sich unbewusst auf und zur Tür aus, rutschten zur Seite, senkten die Stimmen. Unstete Blicke huschten umher, eine Gefahr suchend, die noch gar nicht eingetreten war. Der ein oder andere ließ plötzlich schuldbewusst von etwas ab – dem Bierkrug, der eigentlich einer zuviel war, der dem Alter nicht gemäßen Beschäftigung damit ein Kartenhaus zu bauen, … schob den Teller von sich, ließ die Würfel fallen… zuckte zusammen. Selbst die Kinder verharrten plötzlich in ihrem Spiel, ohne einen Grund dafür ausmachen zu können. Die fauchende Katze konnte es kaum sein. Anurs Hündchen versteckte sich mit eingezogenem Schwanz hinter seinem Herrchen und Feréll griff plötzlich nach meiner Hand, als hätte er Lust es dem Hündchen gleichzutun.
„Lili. Lili, was ist das?“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Wispern.
Die schwere Eichentür schwang auf so schnell sie konnte. Fast als sei sie nur ein dünner Lederlappen und genauso lautlos. Obwohl sie doch sonst immer knarrte. Wie um das wettzumachen, donnerte sie in schneller Folge mit einem dumpfen Krachen an den schweren Stützbalken, der sie davon abhielt, ihren Schwung auf den nächsten Tisch zu verteilen – und die Leute, die daran saßen. Nicht nur sie zuckten zusammen. Die Halbstarken, die gerade noch lautstark mit Anurs Mutter -der Wirtin- gestritten hatten, weil sie ihnen weiteres Bier verweigerte, wurden plötzlich mucksmäuschenstill. Ein Teil fuhr herum, ein Teil suchte hastig das Weite und einer duckte sich sogar, als könne er sich so verstecken.
Merkwürdig. Was hatten die nur alle?
Alles, was ich wahrnahm, war eine leichte Veränderung der Luft. Der übliche Geruch nach alten, rauchigen Balken und Essensgerüchen sowie dem Geruch des Sees und der Fische, der überall hereindrang, auch hier ins Gasthaus, wurde ein kleines bisschen bereichert durch ein paar Zusätze von Leder, Metall und Kräutern. Vielleicht ein bisschen auch feuchter Erde und Tannennadeln? Wald. Wald war doch nicht gefährlich.
Ferélls kleine Finger gruben sich in meine Seite.
„Lili, ich hab Angst.“
Ich legte ihm den sicheren Arm herum und drückte ihn kurz.
„Das brauchst du nicht Feréll. Ist nur der Jäger, hm?“ Ich strich ihm sanft übers Haar.
Ferélls Augen wurden noch größer – und ich sah wie auch die unseres zweiten Kleinen es taten. Oh, ich würde Bertram den Hals herumdrehen! Die Scheiße, die er vor ein paar Wochen erzählt hatte, musste inzwischen offenbar auch Eramond erreicht haben. So einen verfluchten Bocksmist über seine Mutter zu behaupten. Wie konnte er nur?! Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich den anderen Arm um Eramond geschlungen und ihn ebenfalls herangezogen - aber der saß zu weit weg, am anderen Tischende bei Tay.
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„… alle sieben Jahre. Und dieses Jahr hatte er sich Aemons Frau ausgesucht.“
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Die Worte hallten auch in meinen Ohren immer noch nach.
Bertram und seine verfluchte Erweiterung der alten Vampirgeschichte vom schwarzen Turm - dem Vampir, der angeblich dort hauste — und sich, Berts neuestem Zusatz nach, nun angeblich auch alle paar Jahre Leute holen kam, um sie zu fressen.
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Bis der Jäger, der erste Jäger, einer von den Urahnen des jetzigen – so hatte es Uhland erzählt und der musste es ja wohl besser wissen als unser dummer, fieser Bert – ihm den Kopf abgeschlagen hatte. Also war unser Jäger, wenn überhaupt, ein Ur-Ur-Ur…irgendwas-Enkel eines Helden. Nicht ein verdammter Vampir, der irgendwen ‚holen kam‘. Mitten im Sommer, bei strahlendem Sonnenschein? Vampir, mein Arsch. Und dann auch noch ausgerechnet Eramonds Mutter.
Die vor einer Weile wirklich verschwunden war. Wie konnte Bertram nur so unglaublich gemein sein, daraus eine blutige Gruselgeschichte zu machen, nur um den Kleinen Angst einzujagen? Während unser Nesthäkchen Eramond ebenso wie seine Brüder und sein Vater daheim darauf warteten, dass sie wieder zurückkam. Oder irgendwer sie fand. Wo sie womöglich irgendwo verletzt im Wald lag! Bei Pilzsuche in irgendeiner Schlucht abgestürzt oder dergleichen.
Auch wenn das immer unwahrscheinlicher wurde… Wie lange konnte jemand dort draußen eigentlich überleben? Angeblich hatte es Bestien, tiefer dort draußen im Wald… Wahrscheinlich war es sogar der Jäger, der sie suchte. Wer sollte denn bitte sonst die Wälder nach ihr absuchen? Man hatte sie Richtung Wald gehen sehen – und dann nie wieder. Obwohl ich einige der Alten hatte darüber munkeln hören, dass sie sich dort mit jemandem getroffen haben sollte. Mehrfach. Dass sie dem Vater ausgebüxt war, um mit irgendeinem Kerl in der Stadt zu wohnen.
Aber eine verdammte Schauergeschichte, in der sie von einem Vampir zerrissen wurde, war ja wohl kaum besser als diese Gerüchte. Dieser mitleidlose Dreckskerl. Bertram. Nicht der Jäger. Aber was wollte man auch von jemandem erwarten, der regelmäßig seinen eigenen kleinen Bruder verdrosch statt ihn zu schützen? Die Dreckslöffel sollte man ihm langziehen…
Als ob sie nicht genug gelitten hätten. Jetzt musste Bert ihnen auch noch Alpträume machen. Und meinem kleinen Bruder und all den anderen gleich mit… Zu schweigen davon, wie unfair es war, sowas dem Jäger anzuhängen, der dafür nun bestimmt nichts konnte. Der war ja kaum hier. Welchen Grund sollte der bitte haben, Eramonds Mutter ‚zu holen‘? Nur weil er angeblich auch der Henker war? Als ob hier jemals jemand hingerichtet worden wäre. Und was hatte Eramonds Mutter bitte verbrochen? Das war doch alles sowas von zum Himmel stinkender Bocksmist.
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Eramond aber drängte sich prompt ähnlich zwischen Tay und die Lehne der Sitzbank, wie es Feréll bei mir tat. Mit dem Unterschied, dass Tay ihm keinen Arm anbot, weil er selbst viel zu konzentriert auf unseren Jäger war; ihn mit einem Blick fixierte, als könne er ihn mit seinem Holzschwert durchbohren.
Dabei war er gerade mal Acht. Und das auch nur wenn man die Augen ein bisschen zusammenkniff, denn Sommerstanz war erst in knapp zwei Monaten.
Noch dazu… Tays Vater hätte den Jäger doch längst festgesetzt, wenn er wirklich ein Verbrechen begangen hätte. Geschweige denn ihn weiter seinem Tagewerk nachgehen zu lassen. Unser Schulze war vielleicht nicht immer nett zu Tay -was ich ihm definitiv übel nahm- aber selbst ich musste anerkennen, dass er, alles in allem, schließlich ein anständiger Mann war. Einer, der ein Schwert hatte, sogar eine Rüstung, und damit umzugehen wusste, wie wir bei Tays Lehrstunden beobachten konnten, wenn wir wollten – und angeblich eine Ausbildung zum Krieger hinter sich, wie jeder Adelige. Etwas worauf er, Tays eigenen Worten nach, nun begonnen hatte, auch ihn vorzubereiten. Deswegen hatte Tay ja überhaupt ein Holzschwert. Schon seit er den fünften Winter überschritten hatte.
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Die letzten Reste der Halbstarken stoben hastig auseinander und verließen fluchtartig das Wirtshaus als sich die sanften, leichten Schritte des Mannes mit der ortsbekannten düsteren Miene ihnen näherten – oder besser gesagt, der Theke, an der sie gerade noch herumgegrölt hatten, wie der Spuk einer Schauergeschichte, der sich im Sommerlicht hastig verflüchtigt als wäre er nie gewesen. Einige der Erwachsenen sahen aus, als wünschten sie sich, sie könnten es ihnen gleichtun. Dabei hatten sie doch gar keinen Grund dazu. Um genau zu sein, hatte der Jäger heute nicht einmal eine düstere Miene aufgelegt. Mir war unerklärlich, was die Leute plötzlich alle hatten. Das war nur ein totes Viech.
Ein sehr borstig aussehendes Viech mit mächtigen Hauern, das sich nicht ganz entscheiden zu können schien ob es rundlich oder kantig sein wollte – wie ich jetzt endlich sehen konnte, da er die Theke fast erreicht hatte. Die anderen Tische, die Stützbalken und nicht zuletzt die Tür, die nur langsam wieder zuschwang -fast als schäme sie sich für ihre furchtsame Hast von vorher- hatten es bisher erfolgreich verdeckt, so wie wir saßen; an unserem Stammtisch in der hintersten Ecke nahe der Theke – Anurs Mutter wollte ihn immer in ihrer Nähe haben. Sonst hätten wir diesen Preistisch sicher nie vor den Erwachsenen verteidigen können, die -anders als die Halbstarken- gerne die direkte Aufmerksamkeit der Wirtsleute, das heißt, Anurs Mutter und seiner -deutlich- älteren Schwestern, hatten. Uns Kindern wäre es eigentlich auch lieber gewesen, eine andere Ecke zu bekommen, aber… man nimmt, was man bekommt. Immerhin durften wir überhaupt hier sein.
Das Vieh musste ordentlich schwer sein, denn obwohl die Bewegung des Jägers eine beinahe sanfte war, mit der er es auf die Theke sinken ließ, polterte es ordentlich, sobald er die Beine losließ. Vielleicht war es auch nur, weil die Beine in Hufen endeten. Aber so groß wie es war… Es war jedes Mal erstaunlich, was der Mann schleppen konnte und das mit nur einer Hand. Paps hätte so ein Viech sicher nicht so locker über eine Schulter geschlungen tragen können. Und das obwohl er mehrere Nebeltränen gleichzeitig tragen konnte. Während der Jäger sogar noch größere Brocken herbrachte. Ich erinnerte mich, dass er schon einmal einen Hirsch gebracht hatte, dessen Hufe beinahe den Boden gestreift hatten. Vielleicht war er auch einfach nur länger? Der Jäger war definitiv nicht der größte Mann im Dorf – und auch nicht der breiteste oder muskelbepackteste. Dafür wieviel Angst alle vor ihm hatten, war er sogar ziemlich klein. Und schlank. Nicht dass er nicht auch offensichtlich durchtrainiert gewesen wäre – aber er war von der Statur eines Athleten, der Sorte eines Läufers, eines Schnellboten, nicht jener der Holzfäller. Oder selbst Ferricks Vater, des Schreiners, der vielleicht keine ganzen Stämme schleppte, aber doch oft ordentliche Holzbrocken stemmte. Aber so klein des Jägers reiner Umfang auch war – er hatte eine Ausstrahlung, die von viel mehr Gefährlichkeit sprach als noch so viele Muskeln. Er wirkte trotz des anders ausfallenden Direktvergleichs mit den Größten hier hochgewachsen. Und sehnig. Und irgendwie... hart.
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Nicht zum ersten Mal betrachtete ich fasziniert das dichte, glatte Haar, das sich über seinen Rücken ergoss, während die Leute um mich herum verstummen und in den Hintergrund sinken zu wollen schienen, als hätten sie Angst, dass er jedes noch so leise geflüsterte Wort aufschnappen würde.
Und dann was eigentlich?
Es war von der tiefen Schwärze glänzender Rabenfedern, im Nacken von einem Lederband zusammengehalten. Kein Wunder, dass es mich faszinierte. Mich faszinierte damals alles, was irgendwie … schillerte. Eidechsen, Feuersalamander, Schmetterlinge, Flusskiesel, das Glitzern in den großen Felsen unter den Fluten des Nebelsees… Alles, das auch nur ansatzweise ein Schimmern oder Glitzern oder schöne Farben besaß. Und sein Haar… schillerte. Wie kein anderes, das ich kannte. Sicher, viele hier im Dorf hatten nicht nur dunkle Haut, sondern auch dunkle Haare. Manche sogar ebenso tiefschwarze wie er. Aber niemand anderes Haare flirrten und schillerten in der Luft wie seine. Und niemandes Haut hatte diesen bestimmten Schimmer im Sonnenbraun, ein Farbton irgendwo zwischen Gold und Bronze. Nur seine. Er hatte ein Geheimnis und ich wollte wissen, was es war. Er war mir ein Rätsel — und ich wollte wenigstens wissen welches, wenn ich es schon nicht lüften konnte.
Den Rest nahm ich -anders als wohl die anderen, was mit einiges zu unserer unterschiedlichen Reaktion erklären dürfte- kaum wahr.
Dunkle Lederkleidung und oft eine noch viel düsterere Miene, stets zwei lange und sicherlich rasiermesserscharfe Dolche sowie ein Jagdmesser bei sich -und wohl noch mindestens ein weiteres Messer in einem der Lederstiefel, zumindest hätte man ihm das jederzeit zugetraut- diverse Beutel am Ledergürtel und Taschen an seiner Weste, die werweißwas enthalten mochten, meist noch einen beeindruckenden Bogen und gut gefüllten Köcher über der Schulter. Und, da er meist nur zum Abliefern von Wild herkam, so gut wie immer mit dem obligatorischen Reh, Hirsch oder Wildschwein über die andere geworfen, das er locker mit einer Hand an den herabbaumelnden Hinterbeinen festhielt, ehe er es auf den Tresen knallte. Wobei das Knallen manchmal nur metaphorisch war. Das war der Jäger.
Oder auch: Der Henker, wie Bernd vor einigen Jahren so schön behauptet hatte.
Es war weniger der körperliche Eindruck, dass er dich mit Leichtigkeit umbringen könnte –obschon auch der vorhanden war– als vielmehr der Eindruck, dass er das ohne jeden weiteren Gedanken getan hätte. Wenn unser Müller so wirkte, als überlege er, ob er dich wie ein Insekt mit seinem Stock aufspießen sollte – dann wirkte der Jäger so, als würde er sicherlich nicht erst lange nachdenken, ehe er dich unter seinem Stiefelabsatz zerquetschte, solltest du ihm im Weg stehen. Zumindest verhielten sich immer alle anderen so, als wirke er so auf sie.
Ich konnte es bisher nicht ganz nachvollziehen, abseits der schreckhaften Reaktionen allüberall.
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„Ah, das Wildschwein. Dank dir, Sintram.“ Irgendetwas in einem kleinen Beutel wechselte den Besitzer.
Da. Anurs Mutter schien doch auch keine so große Angst vor ihm zu haben wie die anderen. Der einzige Unterschied bestand darin, dass sie nicht einmal versuchte mit ihm zu flirten, wie sie es sonst mit fast allen tat. Dabei war er im besten Alter -ging wohl auf die vierzig Winter zu- durchaus nicht hässlich, war nicht unfreundlich und offenbar mehr als fähig eine Familie zu versorgen, selbst eine größere.
Vielleicht ein bisschen still; seine Antwort bestand nur aus einem leisen Nicken.
War er vielleicht stumm? Ich hatte ihn tatsächlich noch nie sprechen hören. Ich wette die ein oder anderen hier würden das sogar als Vorteil ansehen… Und Adelheid war Witwe. Eine junge noch dazu. Eine mit drei Kindern. Wobei sie mit dem Gasthaus ganz gut alleine zurechtkam, mit tatkräftiger Unterstützung ihrer zwei Töchter – und angesichts dessen, was Anur alles erlaubt wurde, was wir jedes Mal an Essen geschenkt bekamen -oder zahlte das etwa Tays Vater? Für uns alle?- konnte es ihnen nicht schlecht gehen. Trotzdem flirtete sie fleißig mit allen anderen die infrage kamen. Sogar mit denen, die es nicht taten… Und selbst wenn sie mit Sintram nicht flirtete, so konnte doch nichts die freizügige Auslage verbergen, die ihr Kleid darbot, als sie ihm den Beutel hinüberreichte.
Er sah nicht einmal hin; genausowenig wie ich ihn je irgendeiner anderen Person im Dorf einen längeren Blick hatte zuwerfen sehen. Dabei hatten wir durchaus einige hübsche Leute hier, von jeder erdenklichen Sorte. Und es war allgemein bekannt, dass er keine Familie hatte. Doch er bedachte sämtliche Leute des Dorfes allenfalls mit Blicken, die sie scheinbar nur uninteressiert zu sondieren und dann in eine von drei Kategorien einzusortieren schienen: Als potentielle Feinde, als nicht weiter beachtenswerte Irritation am Rande — oder aber als lästige Störung. Er schien schlicht und ergreifend keinerlei Interesse an Familienplanung -oder auch nur gelegentlichen körperlichen Vergnügungen- zu besitzen, sondern wirkte, mit einem Wort, völlig asexuell. Damit einher ging ein quasi wörtlich ‚zu Dorfe getragenes‘ Desinteresse am Dorfleben samt allem und jedem darin. Es war offensichtlich, dass er nur Bestellungen für das Gasthaus ins Dorf brachte.
Wo sollte das Fleisch für den Eintopf und die leckeren Haxen und Braten und wassonstnochalles unsere Adelheid so daraus zauberte auch sonst herkommen? Wir hatten nur diesen einen Jäger und keinen einzigen mehr. Wir schienen auch keinen anderen zu brauchen; er machte ein ganzes Rudel wett.
Aber zu keinem anderen Zeitpunkt meines -zugegeben noch kurzen- Lebens bisher war er je zu einem anderen Anlass hergekommen. Nicht einmal zum Lichterfest. Geschweige denn zu Erntedank oder gar Frühjahrsfest oder Sommerstanz. Wenn er zu Feierlichkeiten Fleisch ablieferte, dann immer in den frühen Morgenstunden schon oder am Tag zuvor. Okay, vielleicht musste er das — Adelheid und ihre Töchter mussten das Fleisch ja auch irgendwie rechtzeitig zubereiten, aber… er blieb auch nie. Ich hatte ihn noch nie auf einem Fest gesehen, in meinen ganzen sechs Jahren noch nicht. Er verschwand genauso schnell wieder, wie er unerwartet auftrat, nachdem er das entsprechende Vieh abgeliefert hatte. Naja, unerwartet für uns zumindest. Für Anurs Mutter wohl strikt nach Plan. Aber da Anur auch nie eingeweiht war – zumal er sich für die Küche nur insofern interessierte, wann es Essen gab…
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„Lairina.“
Ich sage immer ‚Adelheid‘, aber das ist nur die Bedeutung ihres Namens. Ich fand sie einfach lustiger als ihren Namen; hatte sie doch nicht das Geringste ‚Adelige‘ an sich oder in ihrem Blut. Außerdem spricht man Ältere nicht mit ihrem Namen an, wenn man noch ein kleines Kind ist.
Die sanfte, dunkle Stimme stoppte die Wirtin, die sich gerade schon wieder wegdrehen und der nächsten Aufgabe hatte zuwenden wollen. Und schließlich auch mein Blitzlichtgewitter an vorbeizischenden Gedanken und Erinnerungen. So viel dazu, dass er stumm wäre…
„Könnte ich dich wohl um eine Nebelträne ersuchen? Eine der mittelgroßen, bitte.“
Da. Er war sogar höflich. Selbst ich hatte nicht erwartet, dass er… sich den Fisch eher erbitten würde als geradheraus danach zu fragen. Oder überhaupt zu fragen statt zu fordern. Er aber sagte brav ‚Bitte‘ und ‚Danke‘; wie man es uns immer heranzutragen versuchte. Höflicher als wir, die wir das nur allzu oft vergaßen… oder schlicht keine Lust dazu hatten. Auch wenn er ein bisschen merkwürdig sprach. Die Stimme aber…
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Schon komisch.
Ich weiß noch, dass ich genau diese zwei Worte damals im Kopf hatte, als mir auffiel, dass ich seine Stimme eigentlich gar nicht unangenehm fand – so wie ich erwartet hätte, dass sie klingen müsste, nach allem, was mir die Anderen mittlerweile über ihn erzählt hatten. Und all den düsteren Geschichten, die sich ältere Kinder wie Bertram ausmalten und als Schauergeschichten an uns herantrugen.
Dunkel und voll war sie, diese Stimme. Aber eher... ‘schön resonant’ würde man wohl sagen – als durchdringend, harsch in einem ‘grausamen Sinne’ oder... was man eben sonst so mit Bösartigkeit assoziiert hätte. Fast schon melodisch.
Und bei weitem nicht gar so tief, wie man vielleicht erwartet hätte. Vielleicht ein bisschen rau -ähnlich wie Uhland, unser örtlicher Geschichtenerzähler und Gelegenheitsbarde, wenn er zu viel getrunken hatte, sodass ein rauchiges Kratzen in seine sonst so honigsamtene Stimme kam- und vielleicht auch mit einem gewissen harten Unterton; dem was Leute so an sich haben, die einem den Eindruck vermitteln, dass sie nicht den ganzen Tag Zeit hätten.
Oder dem gewohnheitsmäßigen Tonfall, den ein kriegsgewohnter Soldat gegenüber jungen Rekruten anschlagen mag, die sich nicht so haben, nicht so pienzig sein sollen – weil er weiß, dass sie’s noch nötig haben werden, die Härte, die er verlangt... Das einzige Unpassende zu seinen so höflich -und etwas sonderbar hochgestochen- formulierten Worten.
Aber er klang gewiss nicht an sich schon unangenehm und sicher nicht bösartig, wie sie es all den Schauergeschichten nach angeblich hätte sein sollen. Er klang noch nicht mal ‘bärbeißig’, wie es so schön heißt. Hm. Selbst hart ist eigentlich das falsche Wort, für das was da unterschwellig mitschwang. Vielleicht ein bisschen... nein, gehetzt wäre erst recht falsch. Er machte nicht gerade den Eindruck, als gäbe es etwas, das groß genug wäre, jemanden wie ihn zu hetzen. Aber vielleicht ... müde? So ähnlich wie mein Vater am Ende eines anstrengenden Abends, an dem er sich einfach nur noch hinsetzen wollte. Naja. Vielleicht wie nach deutlich mehr von solchen Tagen. Und trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen mit deutlich weniger Schelten im Tonfall, mehr einem gewissen Ertragen ... oder Leiden. Womöglich gepaart mit einer Prise unterschwelliger Genervtheit.
Nicht dass ich solche Vergleiche damals auch nur im Ansatz hätte ziehen können. Geschweige denn sie so hätte formulieren können. Jetzt aus dem Nachgang heraus natürlich schon.
Um genau zu sein hatte ich damals noch überhaupt keine bewusste Beschreibung für den Eindruck, den er vermittelte; ich war ja gerade mal etwas mehr als fünf Jahre alt. Und gerade das mit dieser gewissen Müdigkeit oder dem Leidvollen in seiner Stimme ist sicher etwas, das sich mir erst im Nachhinein aufdrängte, was ich aber damals nicht benennen konnte. Der grobe Eindruck jedoch stimmt überein und einen solchen hatte ich ja trotzdem, ob ich nun Worte dafür hatte oder nicht.
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Für jemanden wie ihn klang diese Stimme jedenfalls irgendwie unpassend. Viel zu nett.
Aber vielleicht war das etwas, das ihn noch gefährlicher machte für jemanden, der ihn nicht kannte, während die Leute hier ihn ja nun schon Jahrzehnte kannten und durchschaut hatten. Die Älteren schienen sich ja alle einig, dass er gefährlich war… also musste es ja wohl stimmen.
Schließlich war ich ja klein und doof. Offensichtlich dümmer als alle anderen um mich herum.
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Das Unvermögen zu beschreiben, was ich wahrnahm, mag gut sogar etwas gewesen sein, dass noch dazu beitrug, dass ich einerseits genauso wie die anderen meinen Abstand hielt, andererseits aber -anders als sie- eher ein wenig neugierig verhalten zu beobachten suchte. Um genau zu sein, war er mein erstes ausgiebiges, längeres Beobachtungsprojekt seit ich ihn vor nicht ganz drei Jahren das erste Mal gesehen hatte…
Weil ich immer noch nicht verstand, was die Leute alle hatten. Ich wollte es unbedingt herausfinden. Also bemühte ich mich mit allen Sinnen so aufmerksam zu sein, wie ich nur konnte.
Denn wenn ich genau hinsah und lauschte… dann klang selbst die Stimme von Anurs Mutter ein kleines bisschen zittrig, als der Jäger so überraschend vom gewohnten Ablauf abwich.
Obwohl sie sich rasch wieder fing.
„Aber natürlich. Einen kleinen Moment nur.“
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Sie eilte durch die offene Tür schräg hinter sich.
In die Küche, wie ich aus Erfahrung wusste.
Wir hatten schon mehrfach dort etwas stibitzt. Einfach weil. Nicht weil wir es von ihr nicht sowieso bekommen hätten, wenn Anur bettelnde Hundeäuglein aufsetzte. Wie damals, als er Prinz unbedingt hatte haben wollen – die kleine Promenadenmischung, mit der wir uns beschäftigt hatten, ehe das Hereintreten Sintrams das ganze Spiel unterbrochen hatte. Neuerdings wusste ich auch, wo dieser Begriff herkam – das mit den Hundeaugen, meine ich. Prinz war ebenso gut darin wie sein frischgebackenes Herrchen. Im Moment war es umgekehrt – das Herrchen war fast so gut wie sein Hündchen, was das nicht auffallen anging.
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Explore the English Sneakpeeks
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Die deutsche Version ist schon weiter als die Übersetzung;
da es sich bei ihr um das Original handelt ;)
Wer mag, kann aber natürlich auch mal die (freie) englische Übersetzung testen
(die wiederum, da sie neuer ist, hier und da Updates erhalten hat, die wiederum in der deutschen noch eingefügt werden müssen - das klassische Work in Progress-Problem):
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