Der Mond kam mir in solchen Nächten immer wie ein neugieriger Riese vor, der mit seinem Gesicht immer näher und näher zu uns herunterkam. Hatte ihn der Turm an der Nase gekitzelt? Und das war, was passierte, wenn er niesen musste?
Aber der Wind wirkte fast schon eher selbst wie ein lebendiges Wesen. Eines, das den Turm zu mögen schien und ihn zum Spielen auffordern wollte - oder vielleicht auch eher zum Tanzen? Denn er umkreiste ihn ziemlich genau so, wie Prinz sonst oft freudig um Anur herumhüpfte. Und ein bisschen auch wie wenn Tante Caeda summend in ihrer Stube herumwirbelte, wenn sie besonders gut drauf war.
Blätter wurden sachte aufgehoben und wirbelten um ihn herum wie Rauchflocken im silbrigen Licht des Mondes, das auf allem lag. Wenn ich genau hinsah, schienen selbst ein paar der Blätter zu glitzern. Vielleicht waren sie feucht? Aber es regnete nicht. Kein kleines bisschen. Kein Wasserkräuseln um mich herum. Nicht mal Nieselregen. Auch keine Flocken. Es war eine sternenklare Nacht, der Himmel wie leergefegt von Wolken und auch der Nebel hielt sich auf dem See hinter meinem Rücken anstatt groß über die Ufer zu treten wie sonst immer. Der ganze Himmel war übersät von funkelnden Lichtern, mehr als jede noch so volle Blumenwiese im Frühjahr, großen wie kleinen, manche davon sogar bunt – und sie alle schienen sich auf der dunklen, glatten Oberfläche des Turms zu spiegeln, der vom Wind umtost wurde. Einem Wind, der inzwischen sogar angefangen hatte Erde in die Luft zu reißen.
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Dann sah ich es zum ersten Mal. Wie eine Art kurzes Aufglimmen von noch glühenden Kohlen. Aber es war eher bläulich statt feuerfarben. Wie manche der Blitze am Himmel in besonders schlimmen Sturmnächten. Nur dass da weit und breit kein Sturm war. Nichts als klarer Himmel und stille, schweigende Sterne, die das sanfte Mondlicht vielleicht nicht sonderlich viel heller machten, aber noch mehr glitzern ließen. Wie eine Flammenzunge, sehr, sehr schmal, die über das unterste der drei ‚Stockwerke‘ des Turms kroch, kurz aufblitzte und dabei zuckte und wieder verschwand. Jetzt war ich erst recht fasziniert.
Was ging da vor sich?
Und viel zu neugierig um auch nur daran zu denken, Angst zu haben. Wie ich es wahrscheinlich hätte sollen. Aber es war Nacht. Es war alles friedlich. Alle, die mir je irgendetwas getan hatten, schliefen. Und selbst wenn ich welche von meinen alten Spielkameraden gesehen hätte – warum hätte ich plötzlich Angst vor ihnen bekommen sollen? Ihre wundersamen Formen waren für mich allesamt hübsch, nicht bedrohlich. Und wenn sie manchmal waberten wie Rauch oder Feuer und wieder andere formten, dann war das genauso faszinierend wie Flammen beim Tanzen zuzusehen. Oder Wolken am Himmel, wie sie im Wind ihre Form änderten. Ich hätte stundenlang dabei zusehen können. Da war nichts zum Fürchten. Und die Pattpatts hatten mir nie etwas getan. Also beobachtete ich wie hypnotisiert was sich am Turm abspielte. Das Auf und Ab des Windes, erkennbar an den Blättern, dem glitzernden Staub, den Erdbrocken in der Luft, tanzend wie Wellen auf dem See wenn es stürmte. Ohne dass da Sturm gewesen wäre. Und zwischendurch immer wieder dieses bläuliche Huschen und Zucken und Züngeln über der glitzernden Oberfläche des Turms. Waren das Blitze? Gab es sowas wie Miniblitze? Am Boden? Ich meine, ich hatte es noch nie gesehen, aber – ich war klein. Ich war dumm. Ich kannte unglaublich viel noch nicht. Und ich wollte unbedingt lernen.
Es war genug, dass ich beinahe aus dem Wasser gestiegen wäre, die Kälte vergessend. Aber ich stockte, weil genau in dem Moment etwas anderes am Rande meines Blickfelds auftauchte. Etwas, das mich im ersten Moment denken ließ, meine alten Nachtgefährten würden vielleicht doch zurückkehren. Aber das war keiner von ihnen. Das war…
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…ein Mann? Etwas, das beinahe wie ein Mann aussah. Viel mehr als jedes Pattpatt das je getan hätte. Aber an ihm war auch etwas… Anderes. Nicht wirklich das Wabern meiner alten nächtlichen Spielkameraden aber… irgendetwas … Ähnliches? Als würden die Schatten des Waldes von ihm angezogen und um ihn herumspielen so wie der Wind am Turm spielte. Auf den die Gestalt zuhielt, die mir aus irgendeinem Grund so eindeutig männlich erschien. Um genau zu sein, konnte ich sie gar nicht gut genug sehen, um das zu beurteilen. Da war nur eine schlanke Form, vage menschenähnlich, umspielt von Schatten und eine Art… Schattenmähne hinter sich herziehend; mit etwas Langem, dunkel Glitzerndem, sanft Geschwungenem an der Seite und Augen, die wie Sterne funkelten, ihr Licht zurückzuwerfen schienen wie die Augen der Dorfkatzen, sodass ich sie selbst auf diese Entfernung sehen konnte. Und mit ähnlich eleganten Bewegungen wie Katzen. Nur… irgendwie noch mehr als sie.
Ich zuckte vor purer Überraschung zurück als die schattengleiche Gestalt -noch ein gutes Stück vom Turm entfernt- nach einem kurzen Sprint plötzlich einen Satz machte. Einen Sprung so hoch, so weit… dass sie auf dem Turm landete. Dem Turm, der drei Stockwerke hoch glatter, undurchdringlicher, fenster- und türloser Stein war, ohne auch nur ersichtliche Unterteilungen. Ich hatte es immer für ein Märchen gehalten, wenn Uhland von Dingen berichtete, die angeblich haushoch springen konnten. Aber… dieser… dieses Wesen hier? Es sprang deutlich höher als das.
Der Wind schien plötzlich aufzubrausen, während sich die Gestalt auf dem Turm aufrichtete und… irgendetwas dort machte, das ich nicht erkennen konnte. Brummte plötzlich regelrecht, wie ein wütender Bär – zumindest wenn man nach Uhlands Nachahmungen von so etwas gehen konnte. Ich hatte ja noch nie einen Bären gesehen, geschweige denn einen wütenden. Das bläuliche Flammenzüngeln nahm kurz darauf ebenso abrupt zu. Brach rund um den ganzen Turm aus, an dessen Fuß, und raste nach oben, der Gestalt auf dem ‚Dach‘ entgegen. Dann flossen plötzlich auch Schatten umgekehrt auf die Blaublitze zu, als ergössen sie sich in großen Schwällen aus der Gestalt da oben und – erstickten das züngelnde Blau, wie wenn man Sand über Feuer wirft. Das Brausen und Brummen verstummte abrupt, die Blätter und der Dreck fielen zu Boden. Selbst das Glitzern des Turms schien mit einem Mal stumm und trübe, selbst als sich die Schatten genauso abrupt wieder zurückzogen, zurück in die Gestalt, die da oben stand, ehe sie sich duckte und… im Turm versank? Was zum Donnerdrummel?!
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Ich war viel zu weit weg, um irgendetwas hören zu können.
Und dennoch war mir als könnte ich in den Resten des Windes, die nun nur noch ein laues Lüftchen waren, eine Stimme hören. Eine ziemlich genervte Stimme, die grollte:
„Kannst du nicht endlich Ruhe geben?“
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Ich wartete den ganzen Rest der Nacht darauf, ob sich noch irgendetwas tun könnte. Ob ich noch einen Blick erhaschen könnte. Aber die Gestalt tauchte ebensowenig wieder auf wie alles andere. Da war nur noch die normale, wenn auch wunderschöne Mondnacht, die friedlich über allem lag. Doch sein Licht spiegelte sich nur noch auf dem Wasser, warf den Bäumen ein seidiges Gewand über. Schön, aber völlig normal.
Am nächsten Morgen, als die Sonne aufging, rannte ich zu Jannai. Ich musste unbedingt diese unglaubliche Geschichte loswerden, was in der Nacht passiert war. Und dann zu Tay. Und zu Anur. Scheiß auf die Prügel, die ich von Armin bekommen würde, weil ich zu spät kam. Ich war viel zu aufgeregt, um an diese Alltagssorge auch nur zu denken.
Wahrscheinlich wäre ich auch noch zu allen anderen gerannt – wenn mir nur jemand geglaubt hätte. Aber selbst Jannai lobte nur meine tolle Geschichte; dabei war es doch Anur, von dem ich sowas erwartet hätte… Selbst Tay warf mir einen Blick zu als grüble er, ob meine Phantasie jetzt mit mir durchgegangen war und ich mich den Gruselgeschichtenerzählern anschließen wollte. Es war zwecklos. Ausgerechnet Loet schien der Einzige, der irgendetwas an dieser Nacht anders als üblich gefunden hatte. Aber da traute ich mich schon nicht mehr, etwas von dem zu erzählen, was ich wirklich gesehen hatte.
War ich vielleicht doch nur eingeschlafen?
Hatte das nur geträumt, mir alles eingebildet?
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Explore the English Sneakpeeks
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Die deutsche Version ist schon weiter als die Übersetzung;
da es sich bei ihr um das Original handelt ;)
Wer mag, kann aber natürlich auch mal die (freie) englische Übersetzung testen
(die wiederum, da sie neuer ist, hier und da Updates erhalten hat, die wiederum in der deutschen noch eingefügt werden müssen - das klassische Work in Progress-Problem):
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