Kapitel 5: Liliana - Strafarbeit
Monster waren, trotz dieser neuerlichen Gruselgeschichten-Episode seitens Uhlands, schon am ersten Morgen nach dieser zittrigen Nacht bald meine geringste Sorge…
Irgendwann in der Nacht oder in aller Frühe war nämlich Mamma wieder heimgekommen —ohne Feréll— und sobald Paps in aller Frühe mit dem Boot auf dem See draußen war, hatte sie mich vom Stroh gezerrt und angeschrien, bis sie ganz außer Puste war. Und mich dann beim Alten Armin abgesetzt.
Angeblich war ich daran schuld, dass Feréll jetzt so krank war, viel schlimmer noch als vorher. Dabei war er schon seit seiner Geburt ständig krank; Anfälle wie der letzte Nacht waren beileibe keine Seltenheit, auch nicht wenn er die ganze Zeit bei Mamma war. Böse besehen war das vielleicht sogar mit ein Grund, warum ich ihn so innig liebte — er schien der Einzige, der in irgendetwas schlechter war als ich. Ich war wenigstens gesund, verursachte keine Extrakosten durchs Kranksein.
Soweit ich mich erinnern kann, war ich noch kein einziges Mal in meinem Leben in Dankruns Hütte gewesen. Falls doch, muss ich so klein gewesen sein, dass ich nichts mehr davon weiß.
Mutter schien das jedoch wenig zu würdigen zu wissen. Sie wünschte sich offenbar eher dass es mir schlecht gehen sollte anstelle Ferélls, dessen Anfall diesmal so schlimm war, dass Dankrun offenbar angeordnet hatte, er müsse eine ganze Woche lang bei ihr bleiben — das entnahm ich Mutterns Geschrei, die es in direkten Zusammenhang dazu stellte, wie lange ich bei Armin bleiben sollte.
Eine ganze Woche Strafarbeit! Das war sowas von unfair.
.
.
Ein paar rasche Züge aus der Flasche zwischen den Zeilen.
„Waren das dann die letzten Nachzügler? Sind alle wieder da?“ Ein Blick einmal rundum. Ah.
„Wie mir scheint haben wir sogar Zuwachs bekommen.“ Ein verschwörerisches Zwinkern zu den Jüngeren. „Na, dann wollen wir besser mal mit dem Hauptteil anfangen ehe sich noch Erwachsene hinzugesellen, hm?“
Der empörte Blick eines vertrauten Gesichts am Rande der Lichtung, für alle anderen verborgen in den Schatten zwischen den Bäumen, bleibt ebenso unbeachtet wie die betonte Verschränkung der Arme. Natürlich sind hier schon welche. Aber die waren ja vorher schon da. Erzählerische Freiheiten. Und dieser spezifische? Eh. Der zählt nicht. Wird wohl nie ganz erwachsen, wenn man nach der Schmoll-Lippe geht. Außerdem ist er hier nicht im Fokus. Diese Geschichte ist nicht für ihn.
Sie ist ganz für die, die gerade grinsen, kichern und einander anschubsen; verschwörerisch tuscheln ehe es wieder still wird. Die Pause ist vorbei.
Rein ins Getümmel.
.
.
„Schneller! Schneller! Was bist du nur für eine lahme Schnecke!“ Armins Gesicht war inzwischen puterrot vom Schreien, aber das schien ihn weder zu stören noch auch nur seine Lautstärke zu beeinträchtigen. Ging dem eigentlich nie die Puste aus?
„Ungelenker Trottel! Wie willst du je den Feind überleben, wenn du schon einen Gemba nicht kriegst? Denkst du etwa die warten auf dich?!“
.
Feind überleben? Als ob Keck-Kecks gefährlich wären… Von was in aller Welt redete der Alte eigentlich? Heute redete er den ganzen Tag schon komisches Zeug. Ich hatte noch nie irgendwen irgendeine Art von Putzen „robben“ nennen hören.
Robb schneller. Für „wischen“?
Schlag härter zu. Als ob man Fliegen davon töter töten könnte.
Es war als ob er von völlig anderen Dingen redete als den Aufgaben, die er mir gab. Du musst flinker im Ausweichen sein, sonst kriegen sie dich.
.
Die Gembas -die wir Kinder immer Keck-Kecks nannten, der Geräusche wegen, die die kleinen Affen von sich gaben- hatten noch nie, noch nie, in meinem ganzen Leben nicht, auch nur versucht zu beißen.
Und wenn dich ihre Krallen erwischten, dann unabsichtlich. Dann wenn sie die Hacken in den Boden schlugen für einen rasanten Schnellstart, um vor dir wegzukommen — und du zu blöd oder ungeschickt warst, ihren vor Angst ins Schleudern geratenden Hinterpfoten auszuweichen. Wenn du zu nah dran warst.
Und von was für Feinden redete er jetzt schon wieder? Nur weil die Keck-Kecks nach ihrer Ankunft hier -seit der sie den Ort offensichtlich auch nicht mehr verlassen wollten- schnell gelernt hatten, dass es manchmal einfacher war den Fischern aus ihren vollen Netzen einen Fisch zu klauen als zu versuchen den Fisch selbst mit bloßen Händen zu fangen?
Nicht dass sie das nicht auch gekonnt hätten. Sie waren geschickter als sie aussahen. Aber schlichtweg unglaublich faul.
Im Sommer lagen sie am liebsten den lieben langen Tag im Schatten herum, wenn sie morgens etwas zu essen gefunden hatten – und im Winter dümpelten sie fast nur in unserem warmen See; wollten kaum mehr herauskommen, nicht einmal zum Schlafen. Sie hielten sich lieber gegenseitig und wechselten sich mit dem Wachsein ab. Nur um Essen zu holen, gingen sie raus; wo immer sie es finden konnten, so nahe wie möglich am warmen Wasser, um gleich wieder reinzuhüpfen. Wie eben hier bei uns gerade.
Aber ganz ehrlich: Ich glaube die heimischen Hunde und Katzen im Dorf haben mehr Fisch geklaut als alle Gembas zusammen. Die aßen in Wahrheit nämlich viel lieber Früchte, genau wie ich. Aber die gab’s halt nicht mehr im Winter. Noch hatten die Keck-Kecks nicht bemerkt, dass Leute sie manchmal getrocknet, eingelegt oder zu Marmelade oder Grütze eingekocht lagerten — sie trauten sich nicht in die Hütten und Häuser. Geschweige denn dass sie dort Behälter durchwühlt hätten. Die fetten Nebeltränen, die sie vom Fang der Fischer manchmal zu stibitzen versuchten, während er im Dorf weiterverarbeitet wurde, waren für sie vor allem Winternahrung. Und sonst nicht mehr als Gelegenheitsfang. Ein bisschen Abwechslung im Speiseplan.
Aber der Alte Armin schien aus irgendeinem Grund ganz besonders auf die armen, eigentlich ziemlich niedlichen -oder zumindest lustigen- Äffchen sauer.
Feinde? Ganz ehrlich, ich bemühte mich trotz der Schläge absichtlich nicht so sehr, wie ich gekonnt hätte, die Gembas wirklich zu erwischen. Es reichte doch wohl sie vom Fang zu verscheuchen. Ich musste ihnen doch nicht gleich wehtun, nur weil ihnen Essensduft in die Nase gestiegen war und sie etwas abhaben wollten. Als ob Keck-Kecks genug Hirn hätten zu verstehen, dass irgendeinem etwas alleine gehörte und niemand anderes etwas davon abhaben durfte. Die teilten alles. Wenn mich irgendwer gefragt hätte, hätte ich gesagt, dass ich Gembas manchmal für weitaus gescheiter hielt als Menschen… Okay. Vielleicht auch nicht. Ich hatte zuviel Angst vor ihnen. Nein, nicht den Keck-Kecks. Die waren harmlos. Sagte ich doch schon.
Ich meine Leute wie Armin mit seinem Stock, den er heute -wie eigentlich immer- zu jeder Gelegenheit pfitzend auf mich herabsausen ließ, wenn ich nicht schnell genug auswich.
.
Das war nichts Neues. Die komischen Reden, die er heute dazu schwang? Das schon. Keine Ahnung was mit dem los war. Vielleicht hatte er zuviel vom Hackbräu gesoffen. Tay hatte ihm vorhin etwas vorbeigebracht – in einem ebenso lieben wie zum Scheitern verurteilten Versuch, den Alten gnädiger zu stimmen. Und nach mir zu sehen, wie ich durchhielt. Die anderen trauten sich kaum in die Nähe, aus Angst selbst Prügel abzukriegen.
Schlimmer: Ich wusste dass ein paar der anderen hinter meinem Rücken nur wieder tuscheln würden, was ich angestellt hatte – oder gar feixen, weil es diesmal nicht sie waren, die hergeschickt wurden. Selbst Jannai hatte nur vom Nachbarhaus aus mitleidig rübergewinkt. Aber wenigstens war sie dagewesen. Hatte versucht ein paar Worte mit mir zu wechseln – auch wenn das bei Armins Geschrei echt schwer war. Und schnell vorbei. Man verstand ja kaum sein eigenes Wort.
Tay hingegen war nicht so leicht abzuwimmeln. Vielleicht hatte Jannai ihn sogar auf die Idee gebracht. Immerhin war sie meine beste Freundin – und das Hackbräu machte nur ihr Vater. Aber nur Tay konnte sich trauen, eine Weile hierzubleiben – Tay, den daheim niemand scholt, wenn er eine Weile ausbüxte und seiner eigenen Wege nachging. Tay, den selbst Armin sich nicht zu hauen traute, weil er doch unseres Dorfvorstehers Sohn war. Auch wenn er deswegen noch lange nicht das Keifen einstellte. Das war wohl zuviel verlangt, selbst gegenüber einem Schulzensohn.
Tay jedenfalls hielt nicht viel davon, dass meine Eltern mich heute hergeschickt hatten. Wenigstens einer, der wie ich der Meinung war, dass das unfair war. Auf meinen Milchbruder war Verlass. Der wusste, was Gerechtigkeit war und was nicht. Was konnte ich schon dafür, dass mein Bruder krank war? Der war doch dauernd krank. Egal ob drinnen oder draußen, warm eingepackt oder nicht. Natürlich tat er mir leid. Aber deswegen war ich doch nicht schuld daran. Ihn nie rauszulassen machte ihn doch auch nicht besser. Und alle Kinder durften zum Lichterfest! Das war bei uns quasi Gesetz.
Leider hatte ich den Eindruck, dass so einige der Anderen dachten, ich hätte mir das nur ausgedacht. Warum sie mich hergeschickt hatten, meine ich. Dass ich irgendwas angestellt haben musste, was das rechtfertigte. Weil doch so niemand war.
Hah. Die kannten meine Eltern nicht…
.
Aber nicht Tay. Der verstand das nur zu gut.
„Wenn mein Vater auf mich hören würde…“ hatte er gesagt. Aber er hatte den Satz nicht beendet, natürlich nicht.
Sein Vater schien ihm auszuweichen, wo es nur ging. Der wollte nicht mal mit ihm schimpfen, geschweige denn reden. Ich wünschte meine wären so… Stattdessen. Naja. Das wisst Ihr ja schon. Und natürlich hatte Tays Vater sie nicht gestoppt. Ich wusste ehrlich auch nicht, wie er das sollte. Ich war schließlich nicht sein Kind. Die Ältern hatten immer das letzte Wort. Er hätte doch auch nur an sie ranreden können. Ich konnte mir irgendwie nicht vorstellen dass Mamma selbst auf den Schulzen hören würde. Eher sich empören, wenn er sich in ihre Kindeserziehung einmischte.
.
So dachte ich damals jedenfalls. Ich wusste es noch nicht besser. Dass mein eigenes Schweigen… mit ein Problem war.
Klar, ich hatte es meinen Freunden gesagt - aber die waren Kinder, wie ich, keine Erwachsene. Hätte ich mit einem Erwachsenen gesprochen, vielleicht mit Anurs Mutter… oder auch nur Tante Caeda, die doch immer so lieb zu uns waren…
Aber unser Dorf hatte ja auch kein Waisenhaus oder dergleichen. Nichts, das mir gesagt hätte, dass was bei mir daheim geschah, wenn es sonst keiner mitbekam, nicht normal war. Das war die große Krux an der Sache.
Ich dachte alle würden nur nach außen lächeln und heile Welt vorspielen. Die einen mehr, die anderen weniger gekonnt.
Dass all die Gedanken wie ich mir Dinge gewünscht hätte nicht mehr waren als das — dumme Träumereien, komplett realitätsfremd.
Angeblich war es ja bei anderen nur noch schlimmer.
Von Bern wusste ich sogar ganz direkt, wussten wir alle, dass er ständig von seinem großen Bruder Bertram verprügelt wurde. Und als Tay damals bei seinem Vater petzen gegangen war, hatte das überhaupt nicht geholfen. Im Gegenteil. Zwar hatte Bertram danach mehrere Tage das Sitzen vermieden... Aber dafür hatte er Bern dann auch die doppelte Tracht Prügel zuteilwerden lassen, dass der kaum noch geradeaus laufen konnte. Bern war ziemlich sauer gewesen und hatte uns in wenig uneindeutigen Worten gesagt, wo wir uns das Petzen hinstecken sollten.
Und Tay hatte mir diesen scheinbaren Grundsatz der Welt ja auch schon bestätigt. Vermeintlich.
Dass ich froh sein konnte…
Froh, dass ich gnädige Eltern hatte, die mir ein Dach über dem Kopf gaben und mich durchfütterten. So dachte ich. Mir nur gelegentlich mal eine Backpfeife gaben oder mich schimpften und nicht Schlimmeres. Auch wenn ich nicht so recht wusste, was das Schlimmere sein sollte. Aber wenn was schlimmer war als bei mir daheim? Dann… wollte ich das besser nicht kennenlernen.
Ich hatte keine Vorstellung davon, dass das Tay es damals einfach nicht besser gewusst hatte. Und etwas ganz anderes gemeint hatte.
Kurzum: Ich hatte damals eine Menge dummer Ideen von meinen Eltern bekommen. Darüber wie das Leben angeblich so war und die ausgesprochenen wie unausgesprochenen Regeln.
Wenn ich laut meckern würde, so dachte ich, würde mir das nicht mehr einbringen als vielleicht ein paar mitleidige Blicke von den Netteren - und nur noch mehr Ärger seitens Muttern sobald sie den Fisch roch.
.
Ich fragte mich, ob Tay sich überhaupt getraut hatte, mit seinem Vater deswegen zu reden. Oder ob er es gleich gelassen hatte, weil der ihm ja eh nie zuhörte.
Falls ja, war er wahrscheinlich ohnehin wieder beschäftigt gewesen, wie Tay es mir schon oft unter vier Augen berichtet hatte; hatte Tay mitten im Satz unterbrochen, kaum hinhörend, zu konzentriert auf irgendwelchen Schreibkram oder das Gespräch mit einem Erwachsenen, das er gerade führte, und ihn weggewedelt. Das machte er ständig so.
Wir konnten immer noch kaum glauben, dass er ihm dieses Jahr ein Holzschwert geschenkt hatte und jetzt plötzlich jeden Tag mit ihm trainierte. Vielleicht hatte es sein Onkel aus der Stadt geschickt? Und erwartete nun, dass sein kleiner Bruder dafür sorgte, dass Tay lernte damit umzugehen. Der war nämlich Ishkay – ein Elitekrieger und hoher Würdenträger. Und nicht einmal Warmund konnte etwas gegen das eherne Gesetz tun, dass ältere Geschwister einem vorschreiben können, was man zu tun hat, wenn keine Eltern mehr da sind. Allzu freundlich schien Tays Vater bei diesen Übungsstunden jedenfalls nicht. Eher als ob er sich gehörig darüber ärgerte, dass er sie überhaupt geben musste. Er hatte dann immer ein besonders düsteres Gesicht.
Fast schon so wie der Alte Armin grade.
.
„Selbst eine Schildkröte robbt schneller!“ keifte er und schwang seinen Stock.
Was hatte er denn jetzt wieder vom Putzen? Ich dachte ich sollte Keck-Kecks jagen? Das würden mal wieder ‚heitere‘ Tage werden. Es war nicht das erste Mal, dass ich darüber nachdachte einfach vor ihm wegzurennen. Was wollte er schon machen? Der Alte konnte kaum noch laufen. Aber die anderen Älteren leider schon… Denen war offenbar auch recht egal, ob ich die Strafarbeit verdient hatte. Oder die Prügel. Ich fragte mich manchmal, ob mich überhaupt irgendjemand je bemerkte. Manchmal hatte ich den Eindruck ich war für alle einfach unsichtbar. Außer natürlich für Leute wie Armin oder Mutter. Ich fragte mich, wer eigentlich Recht hatte – sie oder alle anderen. Die anderen behaupteten sie sei meine Mutter. Sie sagte immer wieder so Sachen wie: „Du bist nicht mein Kind; du bist ein Monster. Wenn es nach mir ginge…“ Müsste sie das nicht eigentlich besser wissen als die anderen? Ich meine, man weiß doch wohl ob man Mutter von jemandem ist oder nicht? Aber Paps war damals dabei gewesen und er behauptete steif und fest dasselbe wie die Anderen. Irgendwie hatte ich auch immer gedacht, es ginge ziemlich viel nach Muttern. So bei uns daheim. Aber–
.
AU.
Armins Stock erinnerte mich prompt daran, dass ich keine Zeit für solche Gedanken hatte.
.
Und sein Keifen.
„Beweg dich! Marsch, Marsch, im Stechschritt! Was denkst du, wo du hier bist? Beim Orden der Gnädigen Brüder? Hah! Selbst die würden dir den Garaus machen! Und die sind Heiler. Beweg dich, sag ich, du faules Stück!“
Au. Bei allen guten Geistern, wie ich es hasste, wenn Leute so schrien. Ich hatte immer das Gefühl meine Ohren bluteten. Es war fast schlimmer als die Stocktreffer, die er landen konnte.
Ich packte mir eilig den Besen. Vielleicht könnte ich damit die Stockhiebe abwehren, wenn er mir wieder zu nahe kam… Er sah nämlich nicht mehr allzu gut. Wenn er also irgendwas traf… Würde ihm das reichen? Ich musste nur aufpassen, dass er die weicheren Borsten traf und nicht das klackende Holz. Ich hatte Tay in jeder freien Minute beobachtet wenn er mit seinem Vater übte. Irgendwas davon musste doch hängengeblieben sein… Trotzdem sackten meine Schultern herab. Wenn das wer mitbekam… Ich trottete hastig ins Haus -natürlich nach wie vor unter Armins Gekeife, das ich versuchte, so gut wie irgend möglich auszublenden- als ich mit dem Fegen ums Haus fertig war. Mein letzter Blick ehe ich sie nicht mehr sehen konnte schweifte noch einmal sehnsüchtig zu den Gembas. Die hatten es gut. Den ganzen Tag im Wasser dümpeln und planschen, Früchte sammeln und fressen wann immer sie wollten. Spielen wann immer sie wollten. Beobachten was immer sie wollten. Außer natürlich ein paar wütende Fischer verjagten sie. Aber wenigstens konnten sie einfach wegrennen…
.
Wenn Jamala und Loet nicht gewesen wären -Armins Tochter und ihr zweiter Sohn- hätte ich wahrscheinlich überhaupt nichts zu essen bekommen und es den Keck-Kecks mit dem Essensklau gleichtun müssen. Meine Ältern kamen nicht mal zwischendurch nachsehen. Geschweige denn irgendwas zu futtern bringen.
Jamala ließ mich zumindest mittags mitessen, während ich ja den ganzen Tag dort war und aushalf, bei was immer ich in dem Alter eben schon konnte. Sie schimpfte nicht mal, dass meine Flickversuche so fürchterlich waren, als sie das an mir testeten. Hauptsache das Loch war irgendwie zu. Aber als sie mir Essen abgeben musste, weil mein Magen am zweiten Tag so knurrte, machte sie ein ziemlich finsteres Gesicht. Auch wenn sie im Gegensatz zu Armin nichts sagte, geschweige denn keifte.
Um ehrlich zu sein, fragte ich mich seit einer Weile schon ob Jamala vielleicht schlicht stumm war. Vielleicht hatte sie aber auch einfach nur den Kampf gegen ihren Vater längst aufgegeben, der immer noch den Hausvorstand spielte, spätestens seit Ambari, Jamalas Frau, so krank geworden war. Zumindest war das, was ich von den Nachbarn aufgeschnappt hatte, die sich manchmal drüber ausließen. „Wenn Ambari doch nur…“ Und „als Ambari noch…“. Scheinbar hatte sie „mehr Biss gehabt“, gegengehalten gegen Armin, notfalls auch im Keifen. „Ihm ordentlich eingeschenkt“ wohl auch – auch wenn leider keiner von uns wusste, was, sonst hätten wir ihm das ja geben können, wenn ihn das ruhiger machte… Angeblich hatte sie es sogar manchmal geschafft, ihn komplett zum Schweigen zu bringen. Sogar zum Lächeln.
Kann ich nicht bestätigten; hatte ich leider nie erlebt.
Loet war netter. Der steckte mir manchmal einfach so ein paar Happen zu, wahrscheinlich von seinem eigenen Essen, und lächelte dabei sogar freundlich. Wenn er mich bemerkte, soll das heißen. Aber Loet bemerkte auch viele andere Leute nicht, das war eindeutig nichts gegen mich. Die Nachbarn behaupteten er habe sich als Kind einmal zu oft den Kopf gestoßen. Was wahrscheinlich Nettsprech für „Armin hat ihm zu oft auf den Meggl gehauen“ war… Wenn das stimmte, so hielt es Armin nur bedingt davon ab, selbst auf Köpfe zu zielen. Der nahm, was er kriegen konnte.
.
Wahrscheinlich hätte ich abends heimgehen sollen und erst morgens wiederkommen.
Und überhaupt — eigentlich sollten die Aushelfenden zu allen Essenszeiten heimgehen, zu ihrer eigenen Familie, und dort essen. So wie das auch die letzten Male gewesen war als ich -oder jemand von den anderen- zu einer Strafarbeit bei ihnen gewesen war. Es war selbst mir dummem Ding deutlich, dass die Familie das erwartete. Vor dem Abendessen gehen, nach dem Frühstück wiederkommen. Und eigentlich auch mittags zu einer Pause heim. Es gab schließlich einen Grund, warum ihnen so oft andere Leute helfen mussten. Ambaris Krankheit kostete wohl ziemlich viel. Ich fragte mich, wie Dankrun so herzlos sein konnte, dass den Leuten das Futter fehlte. Hätte sie nicht weniger verlangen können? Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die einzige Heilerin des Dorfes kein gutes Auskommen hatte.
Aber ich merkte es bei uns ja genauso… Wir mussten auch vieles sorgsam einteilen. Wenn ich zuviel Holz auflegte, wurde ich nicht nur geschumpfen… Und Essen gab es auch nicht immer so viel wie mein knurrender Magen offenbar gern gehabt hätte. Kein Wunder, dass mich meine Eltern am liebsten gar nicht abholen wollten, solange sie eine Ausrede hatten, mich anderen aufzudrücken… aber ausgerechnet der Familie des Alten Armin, die selbst nicht genug hatten? Sie hätten mich besser zu Tay und seinem Vater zum Helfen schicken sollen. Oder so ziemlich irgendwem anders. Aber natürlich brauchten Jamala und die Ihren das mehr…
Die Welt war einfach unfair.
.
Aber wenigstens ließ sie einem kleine Freuden.
Etwa, dass ich so eine ganze Weile meine Ruhe hatte, nach der Tagesarbeit. Nachdem mich Muttern beim ersten Nachhausekommen nur mit einer weiteren Ohrfeige begrüßt hatte, was ich hier täte und ich hätte die ganze Woche Strafdienst bei Armin… scherte sich niemand darum, wo ich nachts war. Und der See zumindest war warm, also hielt ich mich an die Keck-Kecks.
Natürlich nicht zu nahe – sie hatten leider Angst vor mir, obwohl ich so ein kleines Ding war. Ich hätte mich nur allzu gerne unter sie gesetzt. Ich wette, hätten sie keine Angst gehabt, hätten sie sogar mit mir ihr Essen geteilt. Aber ich wusste, dass es nur damit enden würde, dass sie erschrocken auseinanderspritzten. Obwohl ich ihnen nie etwas getan hätte. Hatten schnell gelernt, dass die Dörfler nichts Gutes hießen, wenn sie in ihre Nähe kamen. Also ließ ich es bleiben. Wärste mal selber so schlau gewesen… Aber ich war schon immer lernresistenter gewesen als Gembas. Oder vielleicht auch einfach… dümmer. Ich wusste nicht, wo ich hätte hingehen sollen, wo mich keiner finden und nicht doch irgendwann wieder an den Ohrlöffeln zurückziehen würde.
Zu schweigen davon, dass all meine Freunde im Dorf waren. Erst recht, seit ich nicht einmal mehr mit den vielen Patt-Patts mit all ihren wunderlichen Formen spielen konnte. Ommá hatte mir gesagt, dass ich sie schimpfen müsse, wenn sie in die Hütte kamen, also hatte ich das auch immer brav gemacht. Irgendwann schien sie das leider komplett vertrieben zu haben. Also gab es nur noch Tay, Jannai und die anderen – und die waren nunmal nur hier. Und mein kleiner Bruder. Wer passte dann auf den auf? Wenigstens kam er bisher immer besser gefüttert und wieder gesünder von Dankrun zurück. Ich wusste zumindest in welcher Hütte er war, während ich bei Armin und den Seinen schuftete, den ganzen Tag Stockhieben ausweichen musste -so gut oder schlecht es eben ging- und abends nur noch froh war, dass es endlich STILL war. Es war ein kleiner Trost, aber wenigstens war es einer. Ich nahm, was ich kriegen konnte.
.
Ausnahmsweise hatte ich also sogar mehr Zeit und Freiraum für mich als sonst — und darauf konzentrierte ich mich.
Keinen, der mir sagte, wo ich überall nicht hindurfte in den Pausen. Niemand, wer mich nachts ins Bett steckte wenn ich noch nicht schlafen wollte. Der Vorteil wenn Eltern so sauer sind, dass sie für eine Weile dein Gesicht nicht mehr sehen wollen. Vielleicht hätte ich öfters was anstellen sollen…
Ganz ehrlich, bei Armin und seiner Familie war es kaum schlimmer. Wenn man mal von dem noch größeren Problem mit dem Essen absah.
Das zugegeben auch ein Grund war, dass ich nicht wusste, wohin. Außerdem bekam auch ich irgendwann Schrumpelhaut, wenn ich ständig nur im Wasser dümpelte.
Und das Schlafen war natürlich auch ein Problem… Winter war leider scheißkalt hier. Die beste Lösung, die ich bisher gefunden hatte, war den Körper so gut wie möglich im Wasser und den Kopf am Ufer zu lassen. Aber entweder klappte das eine nicht so gut oder das andere. Ich wachte ständig nach viel zu kurzer Zeit auf, weil mir entweder viel zu kalt wurde oder aber ich Wasser in die Nase bekam. Davon, dass ich nun jeden Morgen Prügel bekam, weil ich morgens erstmal zu Jannai in die Schmiede rennen musste, um die Klamotten wieder trocken zu kriegen – und damit zu spät um bei Armin „anzutreten“, wie er das nannte, ganz zu schweigen.
.
Am vierten Tag war ich allerdings so übermüdet, dass ein ganzes Blütenmeer aus neuen Schmerzpunkten, das sich über meinen Körper erstreckte -nun von Armin statt Mamma- mich daran erinnerte, dass ich hätte besser aufpassen sollen. Und jetzt hielt es mich selbst von dem bisschen Schlaf ab, dass ich beim Wasserdümpeln bekam.
Ich weiß nicht, was genau mich in dieser Nacht zum Turm hinübertrieb.
Aber Fakt ist, ich dümpelte plötzlich weit außerhalb des Dorfes, nicht mehr allzu weit weg von dem morschen Steg, der noch ein Stück weiter im Schilf verrottete, das ihn schon völlig überwuchert hatte. Einer von vielen, aber für mich genauso „der“ Steg wie der schwarze Turm „der“ Turm war und nicht nur einer von vielen. Mein Rückzugsort, wenn ich nicht gefunden werden wollte. Der Ort, an dem ich Flöte übte, seit mir Paps aus irgendeinem unerklärlichen Antrieb heraus mal eine aus Schilfrohren gemacht hatte.
Vielleicht hatte er einfach die Schnauze voll davon gehabt, dass ich ihm beim Netzeknüpfen die ganze Zeit die Ohren vollquasselte von der Trommel, die Anur bekommen hatte. „Aber nicht hier“ hatte er damals gesagt. Ich wusste schon weshalb. Mamma hätte sie sich beim ersten schiefen Ton geschnappt und überm Knie zerbrochen. Also hatte ich einen Ort gesucht, an dem ich in Ruhe üben konnte, fasziniert von diesem Ding, das schöne Geräusche von sich gab. Ich weiß gar nicht mehr, bei wem ich zum ersten Mal so eine Schilfflöte gehört habe. Nur dass es komischerweise nicht Uhland war, bei dem man Instrumente erwarten würde. Weil er doch auch Barde war, nicht nur Geschichtenerzähler. Aber es war nicht er gewesen, da war ich mir sicher. Bei jemandem von unseren Nachbarn vielleicht?
Nicht dass ich meine Flöte dabeigehabt hätte. Die lag daheim. Und ich wollte ganz bestimmt nicht riskieren, zu versuchen dort einzusteigen, wenn Mamma und Paps Ruhe vor mir wollten. Nicht seit Ommá nicht mehr da war, die dafür gesorgt hätte, dass ich nicht nur meinen Platz bei ihr und Feréll im kleineren Bett bekam, sondern auch was zu futtern. Wahrscheinlich hätte sie nicht mal zugelassen, dass sie mich derart lange zu Armin schickten, egal was ich angestellt hatte… Ommá hätte auch dafür gesorgt, dass wir Boote bekamen und zum Lichterfest durften. Hätte uns begleitet, wenn sie noch gekonnt hätte…
.
Ich seufzte leise und starrte den vertrauten riesigen schmalen Schemen an, die Arme im Kies des Seeufers vergraben. Selbst in der Nacht… Er war mir ein Rätsel. Und ich liebte Rätsel. Die von der guten Sorte jedenfalls. Man sollte meinen, dass so ein schwarzer Stein in der Nacht schwer zu sehen ist, oder? War er aber nicht. Nicht mal in Nächten, in denen der Mond nicht so riesig über dem Nebelsee hing wie eine unglaublich große Laterne, die alles drumrum mit einem Kranz aus Silberschein bemalte. Höher und breiter als jedes Haus, der Turm, selbst die uralten Baumriesen hoch waren. Selbst wenn es so richtig finster war, war der Turm immer noch… wie eine tiefere Finsternis. Etwas, das so schwarz war, dass es selbst komplett in Schatten getaucht noch als dunklerer Umriss auffiel. Was merkwürdig war, weil er tagsüber nämlich längst nicht so dunkel schien. Es war fast als würde er tagsüber das Licht und nachts die Schatten direkt drumherum aufsaugen.
In dieser Nacht aber, so nah am Vollmond, der im Winter unserem Nebelsee immer noch näher zu kommen schien als im Sommer? Da schien er zu glitzern. Mehr noch als der Nebel, den selbst das Mondlicht nicht durchdringen konnte – was rede ich, das konnte die Sonne ja auch nicht… Keine Ahnung. Irgendwie hatte ich manchmal den Eindruck das sanftere Licht des Mondes sollte das besser können. War aber nicht so.
Jedenfalls schimmerte und glitzerte der Turm in dieser Nacht als wäre er einer dieser Glitzersteine, die in der Sonne immer so schön schillern. Mit so einem ganz sanften grünen Schimmer untendrunter, als wäre der Stein tatsächlich plötzlich zu hübschem Flussstein geworden. Sagte ich schonmal, dass ich Dinge liebte, die schillern? Natürlich konnte ich kaum wegsehen. Vielleicht hat mich das angezogen.
Auch wenn ich nicht wüsste, wie ich das vom Dorfufer aus hätte sehen sollen. Etwas Besseres hatte ich jedenfalls nicht zu tun. An Schlaf war in dieser Nacht, trotz meiner Übermüdung, nicht zu denken. Die Patt-Patts hatte ich schon seit über einem Jahr nicht mehr gesehen. Ich hatte sie immer für meine Spielgefährten gehalten, aber… vielleicht waren sie auch die von Ommá gewesen? Und mit ihr weggegangen. Ich sah auch in dieser Nacht kein einziges. Dabei kamen sie besonders nachts heraus. Schienen die Stille, wenn endlich alle schliefen und das Dorf friedlich dalag, mit nur noch den Geräuschen von ein paar Tieren und dem beständigen leisen Schwappen der Wellen am Ufer, genauso zu mögen wie ich.
.
Ich tunkte den Kopf unter, weil mir schon wieder kalt geworden war. Heute ging leider auch noch ein besonders schneidender Wind. Obwohl er ganz leise war. Vielleicht war das auch nur am Turm so… ich hatte ihn vorhin jedenfalls nicht bemerkt. Aber ich konnte mich von dem Anblick nicht losreißen, nicht einmal der Kälte wegen.
.
Irgendetwas tat sich da.
.
.
Explore the English Sneakpeeks
.
Die deutsche Version ist schon weiter als die Übersetzung;
da es sich bei ihr um das Original handelt ;)
Wer mag, kann aber natürlich auch mal die (freie) englische Übersetzung testen
(die wiederum, da sie neuer ist, hier und da Updates erhalten hat, die wiederum in der deutschen noch eingefügt werden müssen - das klassische Work in Progress-Problem):
.


