Kapitel 4: Liliana - Nachtschreck
Ich hatte schnell gänzlich andere Probleme als die anderen.
[[ Guten Abend liebe Raben, leider habe ich mir akute Flügellahmheit zugezogen, daher kommen die Botschaften aktuell nur mit Verzögerung und Aufstau an. Möge Euch die Sammlung trotzdem weiterhin gefallen. Caw. ]]
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Ich hatte schnell gänzlich andere Probleme als die anderen.
Im Gegensatz zu den anderen Kindern, die daheim von ihren schon wartenden Familien in die Arme geschlossen wurden, kam ich in eine Kate zurück, in der bald einmal mehr die helle Aufregung im Gange war – mein kleiner Bruder hatte hohes Fieber. Bis ich daheim ankam, war er nur noch ein nasser Sack in meinen Armen. Mal wieder. Und natürlich war ich daran schuld. Jedenfalls für Muttern.
„Wie konntest du nur, du grausames Ding! Den armen Kleinen so spät noch in der Nacht herumschleppen! Was HASSt du dir nur dabei gedacht?!“
Sie brüllte es in einem Tonfall und einer Lautstärke, die mir überdeutlich all ihren Hass auf mich entgegenschleuderte – und Feréll prompt selbst im Fieber noch so abrupt hochfahren ließ, dass er prompt das Plärren anfing als hätte er Zahnweh.
Womöglich hatte er das sogar…
Während Mutter hastig Feréll zu betüdeln begann, der irgendwie komisch blass, direkt gräulich im Schummerlicht wirkte -mich blödes heuliges Bündel prompt in der Ecke vergessend, als sei ich nicht mehr vorhanden- was natürlich alles meine Nerven in dem Zustand auch nicht gerade beruhigte, da mir mit der Geschichte direkt zuvor in Anklang an Uhlands andere Geschichten erst einmal Spukgeister und Wechselbälger durch den Kopf geisterten - packte Vater überstürzt die Siebensachen zusammen und überlud den Kleinen so mit Decken, dass darunter bald kaum noch sein Gesichtchen zu sehen gewesen wäre, hätte Mutter es nicht behutsam wieder freigeräumt. Während sie zeitgleich weitaus weniger behutsam nun Vater anschrie, dass man ihre Worte kaum verstand – und hektisch gleichzeitig auch noch nach dem Kräutersuckel wühlte, der sich mal wieder irgendwo unbegreiflich in irgendwelchen Ritzen des Seins versteckte, wo es keine geben sollte.
Während des gesamten kurzen Wirrwarrs, in dem natürlich keiner auch nur ansatzweise groß bemerkt hätte, dass ich auch mit bleichem Gesicht und schlotternd dastehend hereingeplatzt war –auch wenn zumindest Ommá ansatzweise mein Hereinkommen mit einem kurzen Kopfnicken, Murmeln und kleinen Seufzer zur Kenntnis genommen hätte, wäre sie noch… aber sie war ja nicht– schwebte über allem mal wieder das Gezeter unserer Ältern, die sich in der wiederkehrenden Panik ebenso wiederkehrend nicht einig werden konnten, ob der Junge nun dick eingepackt werden sollte oder ohnehin zu viel schwitzte und wer von beiden der größere Damlack sei. Und so weiter und so weiter.
Ich begriff nur, dass mal wieder eine Stimmung herrschte, die sich einen Teufel um meinen Allgemeinzustand scherte.
Das hätte schon früher in all dem Chaos dann nicht einmal mehr Ommá; die früher bei sowas bald hauptsächlich gebannt auf irgendein Gebinde gestarrt und vor sich hingemurmelt hatte, leicht auf den Zehen wippend, während sie im offenbar hastig aufgesetzten und halb verschütteten Teetopf über dem Feuer rührte – in den dann wohl der Kräutersuckel hätte getaucht werden sollen, damit Feréll endlich die Medizin bekam, die ihn auf dem Weg zu Dankrun, der alten Heilerin, stabil halten sollte.
Jetzt natürlich… jetzt gab es nicht einmal diese Medizin. Denn Ommá hatte es nicht mehr geschafft, mir beizubringen, wie man sie richtig machte, und Mam und Paps – naja. Ihr seht ja schon, worauf es hinauslief. Die waren mehr mit Schreien beschäftigt als irgendwas Sinnvollem. Wobei…
Etwas, das ich auch früher schon nicht begriffen hatte zu so einem Zeitpunkt, war das mit dem Losrennen nach Medizin, zu Dankrun; wenn man sie doch schon hatte – mir war jedes Mal völlig unverständlich, warum wir auch dann noch zur Heilerin hetzen mussten, wenn er doch jetzt schon Medizin bekam und sich gerade alles wieder ordnete.
Ebenso gut -oder schlecht- hätte man mir erklären können, was Großmutter da wieder an Schutzsegen murmelte sei notwendig oder hilfreich – wobei ich jetzt im Moment wohl beinahe jede weitere Horrorgeschichte erstmal geglaubt hätte.
Wenn ich also wirklich verstanden und ergo gerade korrekt erinnert hätte, was Ommá da früher vor sich hingemurmelt hatte… dann hätte ich jetzt wohl nach einem Stock aus dem Feuer gegriffen und wild um mich geschlagen, um panisch böse Geister abwehren zu wollen, die uns angeblich alle besetzen wollten – und mit meinem Bruder scheinbar anfingen. Wegreißen konnte ich ihn Mamma ja nicht. Dazu war ich viel zu klein und sie viel zu stark und groß.
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Na, das hätte mal was gegeben... man stelle sich vor ich hätte auch noch mit Feuer dort herumgewedelt in dem allgemeinen Durcheinander...
Glücklicherweise war mein restliches Denkvermögen -neben dem Festhängen in Uhlands Geschichte- nur bei der Medizin, was das Geschehen hier gerade anging. Das und wie sinnlos das hier alles war, was hier geschah; wo wir doch versuchen hätten sollen, Feréll möglichst schnell die Medizin zu geben. Ich brüllte sogar in unserer Ältern Streit dazwischen, um sie darauf aufmerksam zu machen – was mir natürlich prompt weitere Backpfeifen eintrug. Ich hatte noch nicht verstanden, dass wir seit Ommá fort war, gar keine mehr hatten.
Wenigstens steckte Mamma ihm eilig den Suckel in den Mund, als sie den dann doch noch in meiner Hand entdeckte. Naja, eilig bis kurz vor ihm – um ihn dann erstaunlich vorsichtig Feréll ans Mündchen zu legen. Jeder Umgang mit ihm war sonderbar langsam; gerade in dem ganzen Drumherum, in dem sie ein einziger Wirbel hektischer Aktion war. Aber natürlich trotzdem mit weiteren Schimpfanfällen, wo ich das Ding diesmal versteckt hätte.
Bitte was?! Ich versteckte den überhaupt nie! Warum in aller Welt hätte ich das tun sollen?
Und jetzt war auch noch keine neue Medizin mehr da, weil keiner sie aufkochte…
Wir hatten sie bisher immer dauerhaft auf Lager gehabt, für den Fall, dass er wieder einen dieser Anfälle bekam – aber Ommá… Ommá… Ich wünschte du wärst hier.
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Aber natürlich ging das nicht. Ommá war längst fort. Fort mit dem Wind. Im wörtlichen Sinne. Ich hatte ihre Asche selbst fortwehen sehen.
Drei Tage lang war ich dort gestanden. Egal wie sehr Muttern schimpfte, dass ich meine Arbeit nicht tat. Trotz der Backpfeife von Paps, der versuchte, mich ‚aufzuwecken‘ und es dann aufgab und nur noch Mam wegschob. Trotz dass mich auch den nächsten Tag noch keiner abholen kam. Erst als das letzte Glimmen im Nebel verschwunden war… Mir war fast, als hätte sie mir noch einmal zugewunken. Aber ich sah sie nie wieder. Auch nicht im Nebel.
Was habe ich Dankrun dafür verflucht, lange, lange Jahre, dass sie nicht mehr getan hat. Konnte sie denn nicht sehen, dass Ommá da noch drin war? Dass sie nur schlief? Das musste sie doch sehen! Sie musste sie doch da rausholen! Warum tat sie denn nichts? Stattdessen hat sie Ommá einfach gehen lassen. Und dann haben sie sie auch noch verbrannt. Da war noch gar nicht alles von ihr draußen. Ich hätte sie erwürgen können. Jeden einzelnen von ihnen. Wenn ich nur groß genug gewesen wäre, wohlgemerkt. Mamma inklusive. Besonders Mamma; neben Dankrun. Die ging schon nach wenigen Stunden. Hat Ommá einfach da draußen im Kalten allein gelassen. Wer tut denn sowas? Ich hätte sie gerne gehauen. Aber darüber hätte sie sicher nur gelacht. Hätte die kleine Faust einfach in ihrer großen gefangen und festgehalten und so sehr zugedrückt, dass es so richtig dolle wehtut. Und dann mich gehauen. Noch viel mehr als sonst, wenn Paps nicht hinsah.
Nein, ich konnte wirklich nicht verstehen, warum Tay unbedingt so wen haben wollte. Der hätte sich lieber eine Ommá wünschen sollen. Die wünschte ich ihm ganz dolle. Aber die Welt hat noch nie viel auf meine Wünsche gegeben. Tay bekam keine neue und meine… Meine nahm die Welt weg.
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Ferélls Anfälle jedenfalls waren ziemlich häufig. – Und für ein Kind meines Alters damit recht unverständlich, weswegen überhaupt jedes Mal ein solch riesiges Aufheben um ihn gemacht wurde, wenn es doch so beständig immer wieder dasselbe war. Er hatte Fieber, er sah nicht gut aus – man brachte ihn zu Dankrun oder gab ihm seine Medizin, und alles war wieder gut. Ging das nicht auch ohne das ganze Geschrei und die Backpfeifen und all das andere?
Ich verstand auch jetzt die Aufregung mal wieder nicht – geschweige denn, dass meine Mutter in ihrer Aufregung, als sie mich dann endlich wieder bemerkte, erneut sofort anschrie und beinahe noch schlug, wo ich überhaupt gewesen sei und was ich mir eigentlich einfallen lasse, so lange wegzubleiben, ob ich denn nicht sähe... Dann schrie sie wieder Vater an, wir hätten keine Zeit mehr das verdammte Ding zu suchen -was auch immer Vater gerade noch suchte- und stürmte eilig aus der Tür. Mich dabei unter weiterem Gezeter mitzerrend, mir irgendeinen Beutel oder Teppich in die Arme knallend; sodass ich fast umfiel, hätte sie mich nicht, sobald ihr Arm davon frei war, mit demselben -und damit indirekt haltend- mit sich in die andere Richtung wieder aus der Kate gezogen. Im anderen Arm Feréll, eilig davonstapfend in Richtung Dorfrand und Wald, wo die Heilerhütte stand.
Während unser Vater eilig die Tür aufgestoßen hatte und aufhielt, kurz noch von irgendetwas aufgehalten, das er aus einem Fach vom Regal neben der Tür fischte - worüber Mutter wieder zeterte. Nur um dann erleichtert zu sein, als er endlich uns nacheilend mit einem Fläschchen voll irgendeiner milchigen Flüssigkeit in der einen und einem zweiten Suckel in der anderen Hand an ihrer Seite erschien; hastig die Flüssigkeit über dem Suckel ausschüttend. Mutter zeterte erneut, als sie feststellte, dass der dann in der kalten Luft eindeutig Dampfwolken von sich gab. Also wohl heiß war? Während Vater ihn dem armen Kind beinahe direkt in den Mund gestopft hätte vor lauter Aufregung.
Hatte Paps doch irgendwas über dem Feuer heiß gemacht, was ich im Chaos nicht mitbekommen hatte? Ommá hatte es wohl Paps beigebracht? Weil ich zu blöd bin.
Sieht man mal wieder zu wieviel du nutze bist, du dummes Ding.
Wie üblich aufgescheucht wie ein ganzer panischer Hühnerhaufen rannten wir also halb zu der Waldhütte.
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Ein Zustand, der sich bis zu Dankruns Tür noch nicht großartig gebessert hatte. Vor der wir dann einige Zeit in der Kälte herumtraten, begleitet von aufgeregtem bis fast schon wütendem Klopfen Vaters an ebenjener Tür und dem Gezeter Mutterns davor.
Vielleicht war es beinahe verständlich, dass die Kräuterheilerin scheinbar dauerhaft stets so unfreundlich erschien. Es änderte nichts daran, dass sich meine -nach Uhlands Erzählung noch nicht abgeflaute- Angst vor Monstren, die uns hinter den Hauswänden im Dorf oder den Bäumen auflauern mochten; die Furcht, dass sich so ein Bär womöglich gar auch hierher verirrt haben könnte und nun dort im Wald herumstreifte, hungrig und nur darauf wartend jemanden zu verschlingen... und was sich darunter an Zorn über das Geschehen gerade gebildet hatte, prompt in Gedanken auf sie richtete. Die wie immer den letzten Kulminationspunkt all dieser Aufregung darstellte – und noch dazu wie üblich auf sich warten ließ; während ich vergessen neben meiner herumtrippelnden Mutter mit den Füßen im Schnee scharrte und den weißen Wölkchen über uns zusah, die sich durch unseren paffenden Atem über uns kristallisierten, im Sternenlicht hier und da ein Funkeln wie kleine Eisflocken.
An einen Umhang für mich hatte natürlich mal wieder keiner gedacht – und die Decke hatte ich Mamma rübergereicht, um sich und Feréll einzuwickeln, während wir da warteten. Gefühlt natürlich wieder ewig zu lange, bis endlich die Tür aufging und Dankrun dahinter erschien.
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Ein verhutzeltes, etwas rundliches, altes Weib ist sie in meiner Erinnerung. Eines, das an guten Tagen die Omi von nebenan hätte sein können – wozu das Bäuchlein gut gepasst hätte. Die an schlechten aber -oder sobald sie den Mund aufmachte…- eher das Bild der Hexe aus Uhlands Gruselgeschichten erfüllte und so gar nichts mehr von der Gemütlichkeit hatte, von der ihre Figur bei erstem Besehen zu sprechen schien. Was übrigens komischerweise so gar nicht zu den Erinnerungen der anderen passt. Die behaupteten, sie sähe aus wie eine liebe, junge Frau, maximal vierzig, nicht ganz so füllig wie Anurs Mutter, aber mit denselben Lachfältchen. Bitte was? Dankrun?! Dankrun und Lachen? Die anderen waren wohl nie krank genug, um zu ihr zu müssen und haben sie mit irgendwem verwechselt…
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Hätte sie sich nicht wenigstens ein Haus näher am Dorf nehmen können? Aber nein, ausgerechnet unsere Kräuterfrau musste natürlich weit außerhalb wohnen. Für meine damaligen Verhältnisse, jedenfalls – bedenkt man, wie klein meine Füße noch waren. Allerdings dachten die Erwachsenen wohl nicht viel anders. Ein Heiler sollte doch eigentlich nahestmöglich sein, also im Dorf.
Dabei konnten wir eigentlich froh sein, überhaupt jemanden so nahe zu haben. Aber die Nebelfurther wussten -genauso wie ich- wenig davon, wie gut sie es doch hatten; im Vergleich zu manch anderen verstreuten kleinen Flecken, die sich auf weite Fläche und dann oft auch noch auf weite Strecken dichten Wald hinweg einen Heiler teilen müssen. Der also mitunter erst im nächsten oder übernächsten Dorf wohnt. Und so wurde es natürlich immer wieder als ein Unding empfunden, dass die Kräuterfrau am Waldrand, ja sogar ein Stück noch dort hinein -wo man Kräuter fand...- wohnen musste und nicht sofort da war, wenn man sie brauchte.
Nunja. Allerdings tat Dankrun auch nicht gerade etwas dagegen, diesem Empfinden abzuhelfen. Sondern noch das ihre dazu.
Nicht nur, dass sie sich eigentlich die meiste Zeit vom Dorf fernhielt, insofern es ihre Tätigkeit nur zuließ. Sie bevorzugte es auch noch, dass die Kranken zu ihrer Hütte etwas weiter ab des Dorfes am Waldrand kamen – anstatt sie zu ihnen. Das allein wäre ja noch normal gewesen - bedenkt man, dass es länger gedauert hätte, wenn erst jemand gerannt wäre um sie herzuholen, bis Kranker und Heiler endlich beisammen waren... Aber: Das hieß in ihrem Fall, nicht nur wenn man einen Schnupfen oder dergleichen einfache Dinge hatte –mit denen trauten sich die meisten Leute nicht einmal bei ihr anzukommen– sondern auch bei verstauchten, geprellten, gezerrten oder gebrochenen Gliedmaßen, hohem Fieber oder was einem sonst noch an äußerst unangenehmen Dingen einfallen mochte, die einen anderen Heiler vielleicht dazu bewegt hätten, womöglich doch lieber bei seinen Kranken vorbeizuschauen, anstatt darauf zu warten, dass sie zu ihm kamen.
Dankrun aber weigerte sich rundheraus, in irgendeiner Weise Hausbesuche zu machen – solange der Kranke nicht gerade absolut unbeweglich ans Bett gefesselt war oder kurz davor stand, den Löffel abzugeben. Und bei Letzterem versuchte sie meines Wissens sowieso nicht mehr, noch irgendwen zu retten; angeblich, weil es dann ohnehin zu spät sei. Kam also erst gar nicht, wenn sie’s vorher erfuhr – und beschied den Leuten einfach nur, sie sollten sich lieber in Ruhe verabschieden. Bei Ersterem kam es mindestens zweimal meines Erlebens nach vor, dass die Leute es entweder selbst vorzogen, den Kranken auf einer improvisierten Trage zu ihr zu schleppen oder aber -was mir zumindest mit dem kindlichen Eindruck damals wahrscheinlicher erschien- weil sie es so angeordnet hatte. Beziehungsweise sich schlicht und ergreifend weigerte herauszukommen, ganz nach dem Prinzip: Wenn er noch zu retten ist, dann überlebt er auch noch den Weg zu mir; ansonsten ist es für ihn ohnehin schon zu spät.
Jedenfalls war sie ein Prachtbeispiel dafür, wie es dazu kommen konnte, dass alte Kräuterweiber als Hexen verschrien sein können. Sie schien sich alle Mühe zu geben, dem unfreundlichen Bild gerecht zu werden, damit die Leute ihr ja ihre Ruhe ließen.
Durch ihre zurückgezogene und unfreundliche Art; die rüde Umgangsweise mit ohnehin schon schmerzenden Stellen, wenn man denn selbst einmal zu ihr musste; die allgemeine Ekelhaftigkeit ihrer Tees und das geheimnisvolle Getue darum, was in der Hütte geschah, wenn ein anderes Familienmitglied krank war – bei dem man natürlich nicht mit hinein und zusehen durfte; durch all das war Dankrun bei uns Kindern nicht gerade beliebt und für die Allermeisten durchaus etwas unheimlich. Eigentlich nicht nur unter uns Kindern.
Hm... wenn ich das so bedenke... frage ich mich auf der anderen Seite, ob es nicht womöglich sogar noch schlimmer gewesen wäre, wenn die Leute ihren Wunsch bekommen hätten, die Heilerin auch noch im Dorf zu haben. Und sei es nur, weil man womöglich noch mehr geschimpft hätte, wenn sie den ganzen Tag über mit dieser unausstehlichen Art auch noch im Dorf verbracht hätte...
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Wenn ihr damals schon der Geduldsfaden gerissen wäre, wäre sicher auch Einiges anders gekommen. Keine Ahnung ob zum Guten oder Schlechten.
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Wie dem auch sein mag, die Dinge liefen anders.
Uhland und seine Geschichten sowie Hexe Dankrun -den Spitznamen gab ich ihr natürlich nur ganz ganz still in meinem Kopf, niemals laut- waren nicht die einzigen Schreckgespenster, die mich in dieser Nacht plagten.
Der Müller zum Beispiel war auch ein recht eindrucksvolles Schreckgespenst.
Und ausgerechnet von dessen Mühle am Bach erhaschte ich nun ungeplant einen Blick, als wir -das heißt, Vater und ich- von Dankrun dann recht schnell wieder zurückgeschickt wurden. Während sie meine Mutter und meinen Bruder dort in dieser unheimlichen Hütte zurückbehielt. Uns beide hatte sie gar nicht erst hereingelassen. Warum sie ausgerechnet Muttern mit hineinnahm, verstand ich erst recht nicht. Sie nahm doch sonst nie jemanden mit rein? Und Muttern war diejenige von uns, die in einem Fort und ohne Unterlass zeterte, nicht ich oder Paps. Ich hatte gute Lust meinen Vater anzuschreien, wie er die beiden nur so widerstandslos einfach bei DER lassen konnte; ließ es dann aber klugerweise doch lieber bleiben – die letzte Schelle war noch nicht lange her gewesen… Und Vater war ein ziemlich kräftiger Mann für einen Fischer.
Nunja, vielleicht ließ ich es auch eher bleiben, weil mich der Aufschrei eines Vogels -oder was immer es genau war, das ich gehört hatte, während ich noch mit mir rang- in exakt diesem Moment dazu brachte mich umzusehen – und meinen Blick auf die unheimliche alte Mühle fallen ließ. Ich sage ‚alt‘, weil ich sie damals dafür hielt – wie ich später lernte, war sie das eigentlich gar nicht. Der Müller hingegen… eh, ich will nicht zuviel vorgreifen.
Im Dunkel -und besonders dem Dunkel dieser Nacht- wirkte die Mühle jedenfalls noch deutlich unheimlicher als jedes noch so düstere Gewisper der Größeren um den Müller -und was er wohl abseits des harmlosen, alltäglichen Mehlmahlens in der großen Mühle sonst noch so trieb- sie sonst erscheinen ließen.
In dieser Nacht konnte ich mir nur allzu gut vorstellen, dass er in der Mühle auch Knochen seiner Opfer mahlte, wie mal einer bei einer Runde Gruselgeschichten erzählt hatte. Damals hatte ich dem großen Bert -Bertram eigentlich; den sein kleiner Bruder hinter dem Rücken so gerne Trampel nannte- kein Wort geglaubt. War er doch längst nicht so überzeugend gewesen wie Uhland mit seinen Rundumdarbietungen, die einen in solch unglaublichen Bann zogen, dass es fast schon einer Trance gleichkam. Aber hier und jetzt? Urgh. Mir lief ein Schauder den Rücken hinunter. Und nicht nur wegen des kalten Windstoßes gerade. Es war viel, VIEL zu einfach, sich vorzustellen, wie er mit Blut irgendwelche Beschwörungskreise auf den knarrenden Holzdielen des riesigen Innenraums der Mühle zog. Noch dazu, da ich den noch nie von innen gesehen hatte. Ich wusste nicht mal, ob das überhaupt je irgendwer getan hatte. Die Erwachsenen holten die Mehlsäcke auch immer nur an der Tür ab, oder? Wenn sie nicht sogar von des Müllers Söhnen geliefert wurden. Also wusste keiner so recht, was dort vor sich ging… Außer diesem schrecklichen Geratter und Geklapper und Geknartsche und den huschenden Schatten, die alles Mögliche sein konnten. Und der Vogel da, der so urplötzlich aufschrie, war eindeutig von der Mühle gekommen. Genau wie in Berts Geschichte, wo die Vögel die ‚verlorenen Seelen‘ waren, wenn der Müller wieder ein neues Opfer erwischt hatte. Ich musste prompt daran denken, dass des Müllers Stock letztens auf eine Art und Weise herumgeschwenkt war, als wir beim Wettrennen im Dorf an ihm vorbeigerannt waren… Ungh. Mitten am Tag war das gewesen, bei vollem Sonnenschein, und trotzdem…
Selten genug kam das vor, dass er mal im Dorf war.
Aber wenn er mal da war? Oooh… der Müller hatte einen Blick wie Eiswasser – wenn du denn das Unglück hattest, dass er dich mal zur Kenntnis nahm. Uns Kinder starrte er manchmal an als wären wir Insekten. Und als ob er gerade überlegte, ob es wohl die Mühe wert wäre, uns wie ein solches aufzuspießen. Nur gut, dass er sich immer schon von Weitem mit diesem überaus exakten Klacken oder Stampfen -je nach Untergrund- seines Stockes ankündigte.
Klack. Klack. Klack.
Du konntest hören, wenn es auf dich zukam. Und natürlich hurtig wegrennen.
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Wobei der Stock, um genau zu sein, nur dann wirklich klackte, wenn er aus unseres Schulzen Haus kam oder dort hineinging – der einzige Steinboden. Das andere Herrenhaus betrat der Müller nie. Aber beim Schulzen war er öfters zugegen – soll heißen… eigentlich jedes Mal, wenn er denn im Dorf war. Auf uns wirkte es irgendwie so, als kontrolliere der Müller, was der Schulze so in letzter Zeit gemacht hatte…
Oder vielleicht sogar -wie ein anderer der Größeren in einer unserer eigenen Erzählrunden behauptet hatte, als Uhland mal wieder nichts erzählen wollte- er käme um einen Zauber zu erneuern, der den Schulzen unter seiner Kontrolle hielt. Dass er ihm Befehle geben konnte, hieß das; die der Schulze dann ausführen musste, ob er wollte oder nicht. Also so in etwa als ob er sich zu seinem Ältern gemacht hätte? Ich hab allerdings nie mitbekommen, dass der Schulze was Komisches gemacht hätte, das dem Müller zugutekam.
Und viel wahrscheinlicher war wohl, dass Tays Vater den Müller zu sich einbestellt hatte, um den zu kontrollieren statt umgekehrt. Neueste Zahlen oder … wasweißich. Um ehrlich zu sein, das ist eines der Dinge, die ich nie herausgefunden habe. Ich war viel zu beschäftigt mit anderen Dingen. Am Ende trafen die sich nur wie alte Freunde und tranken da drinnen einen – kicherten womöglich gar wie Kinder über die ganzen Gaffer da draußen.
Schwer vorstellbar bei des Müllers stets kerzengerade durchgedrücktem Rücken und seiner ganzen Art, aber… wer weiß das schon? Um ganz ehrlich zu sein, hab ich auch nie mitbekommen, dass er jemanden mit seinem Stock geschlagen hätte, wie der Alte Armin das ständig tat. Aber trotzdem wich jeder vor diesem Stock zurück; als läge darin ein Fluch, den er jederzeit auf uns richten könnte. Und ich meine damit, nicht nur wir Kleinen. Auch die Größeren. Sogar die Älteren. Vielleicht war das nur, weil er offenbar eine der Respektspersonen im Dorf war – er schien ja Tays Vater zu beraten oder sowas. Jedenfalls begegneten auch Erwachsene ihm mit Respekt; tiefem Respekt sogar. Vielleicht lag es also auch darin -wenn schon Erwachsene ihm so furchtsam begegneten und buckelten- dass wir Kinder vor ihm mehr -oder vielleicht auch eine irgendwie tiefersitzende- Angst hatten als selbst vor Armins Schlägen. Vielleicht war es auch eher die Tatsache, dass offenbar selbst Uhland Märchen über komische alte Müller im Repertoire hatte, die in ihrer Mühle anderes als Mehl mahlten. So wie auch alles andere Gruselige, was man sich nur so vorstellen konnte. Als Uhland die Geschichte erzählt hatte, war sie jedenfalls bedeutend schrecklicher geworden als bei Bert… Und das obwohl er sie tagsüber, im Sommer erzählt hatte anstatt im dunklen Winter abends. Uns allen war es kalt den Rücken runtergelaufen.
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Mich jetzt auch noch an diese Geschichte zurückzuerinnern war… nicht gerade hilfreich. Wir zuckten seither ohnehin schon alle nur noch mehr zusammen oder gar zurück, wenn die Stockspitze auch nur ansatzweise in unsere Richtung zu zeigen begann – manchmal zeigte er nämlich damit auf einen; wenn er den mit kaltem Ärger in den Augen für irgendetwas schalt. Als würde er uns damit gleich in Kröten verwandeln. Aber ich bekam sie einfach nicht aus dem Kopf.
Und vor etwa einer Woche… da war sein Stock mal wieder zu uns herumgeschwenkt. Wie gesagt, im hellen Sonnenschein, Schnee hin oder her, aber… Selbst da hatte er schon irgendwie düster gewirkt; bedrohlich sogar, wie er mit eisigem Blick zu uns rüberstarrte, als ihn einer anrempelte und dann seinen Stock schwang- … oh Welt. Ich hauchte selbst in meinem Kopf. Markierte er so seine Opfer? Hieß das, dass du als nächstes dran warst, wenn er mit dem Stock auf dich zeigte? Ich war mir nicht sicher, ob der Stock auf Ferrick gezeigt hatte, der gerade hinter mir gewetzt war, im Versuch mich zu fangen – oder auf mich!
Ich drückte mich verschreckt deutlich näher an Vaterns Seite, als ich mich sonst aufgehalten hätte. Ich glaube ich griff sogar ausnahmsweise nach seiner Hand, weil plötzlich irgendetwas in der Luft zu liegen schien – außer der Horrorgeschichte Uhlands. Wie eine elektrische Aufladung, die man spüren kann, so ein bisschen wie bei einem nahenden Gewitter, das sich mit dunkelsten Wolken über einem zusammenzieht, kurz bevor der Blitz runterfährt – mit Glück in den Baum neben, mit Pech… Was mir fürchterliche Angst machte. Im Moment war mir nämlich so, als hätte ich keinen Vogel gehört, sondern eher einen menschlichen -oder vielleicht auch eher unmenschlichen- Aufschrei. Ich bildete mir sogar ein, ich hätte eine Art Aufblitzen bei der Mühle gesehen; wie wenn von dort ein Blitz aus einem der verschlossenen Läden hervorzucken wollte. Und über uns war kein Gewitter. Nur klarer Sternenhimmel. Nicht, dass mir die Erkenntnis viel weiterhalf.
In der Luft lag ganz eindeutig etwas. Etwas, das mir durch Mark und Bein fuhr und mich an Blut und Zauber und leuchtende, zischende Kreise denken ließ, wie Uhland sie beschrieben hatte, irgendetwas Böses beschwörend – und mich dazu brachte, mich an das einzige Wärme ausstrahlende, Leben pochende Wesen zu drängen, das gerade verfügbar war. Auch wenn Vater gerade so ziemlich der Letzte war, zu dem ich mich gerne geflüchtet hätte. Ich wünschte wir wären schon wieder zurück bei Omm- …
… daheim.
Oder ich hätte erst gar nicht mitkommen müssen.
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Die Mühle schien mir plötzlich unwirklich größer geworden, als ich erneut hinüberlinste, verzweifelt hoffend, dass dort kein Licht und kein Vogel war und… auch sonst nichts, das daraus hervorkam. Dass ich mir das alles nur eingebildet hatte, ein dummes kleines Kind, das Angst in der Dunkelheit hatte. Aber stattdessen schien sie beinahe über uns aufzuragen; als wäre sie selbst zu einem bedrohlichen Schattenriesen mutiert, der sich vom Boden erhob, um eine Hand zu heben und… – uns zu zerquetschen?
Das bedrückende Gefühl in meinem Magen und Kopf passte jedenfalls zu irgendetwas wahnsinnig Schwerem, das auf mich -spezifisch auf mich-herabzusausen schien. Sogar Paps‘ Kopf war hinübergeschwenkt, um zur Mühle zu gucken. Ein merkwürdiger Druck auf meinem Kopf und in meinen Ohren. Mehr als nur der Wind, der in Letzteren sauste. Ich fühlte mich leicht schwindlig, als wäre das Gewicht ungleich verteilt und drohte mich umzukippen. Aber Paps schüttelte nur den Kopf und schob mich weiter. Warum war der Schatten der Mühle plötzlich so riesig? Dabei kann ich nicht mehr als nur einen Zipfel gesehen haben, von dem Hügel auf der anderen Seite aus, wo wir gerade liefen. Sie stand noch ein gewisses Stück abseits der Dorfausläufer; wenn auch deutlich sichtbar – im Gegensatz zu Dankruns Hütte, die sich zwischen Bäumen am Waldrand versteckte.
Ein Blick dorthin zurück machte mir die Nacht auch nicht gerade weniger mulmig – denn ich hatte prompt das Gefühl, dass dort Augen aus dem Waldrand glitzerten. Viele. Und auch ein Paar besonders großer. Fasziniert? Vielleicht auch nur neugierig. Vielleicht aber auch… HUNGRIG.
Ich beeilte mich hinter Paps herzukommen.
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Bis mir einfiel, dass das Dorf auch nicht gerade sicher war. Meine Schritte schwenkten prompt blind zur Seite -keineAhnungwohin, nur nicht vor oder hinter mich- aber natürlich zerrte mich Vater einfach nur mit sich mit aufs Dorf zu. Aber was wenn der Müller da hinten Monster zusammengerufen hatte, um uns einzukreisen? Und wenn er schon da unten wartete?
Bei dem Gedanken, dass der Müller dort unten am Dorfrand stehen könnte, um mich einzufordern, wurde mir vollends übel und mir schlotterten die Gliedmaßen – obwohl das natürlich gut die Kälte gewesen sein könnte, die sich da gerade mit meiner Furcht verband. Es genügte bereits zu normalen Zeiten, wenn er mit seinem Stock auf jemanden zeigte, dass derjenige sich zurücknahm – oder hastig an die nächste Ecke davonwuselte, im Fall der Kinder jedenfalls. Die Vorstellung, dass er jetzt, gleich da vorne mit seinem Stock auf mich zeigen könnte...? Ich glaube ich drückte mich noch ein Stückchen enger an Vater. Der seltsamerweise zu dem Zeitpunkt aber auch nichts dagegen hatte; obwohl er mich sonst gerne mal einfach wegstieß, wenn er mich gerade nicht brauchen konnte und andere Gedanken hatte – wie er sie doch eigentlich auch zu diesem Zeitpunkt haben musste.
Er würde mich doch wohl hoffentlich nicht einfach so hergeben? Er würde… würde mich doch irgendwie verteidigen, oder? Er war soviel größer als ich. Aber ich konnte nur an die anderen Älteren denken, die alle vor dem Müller buckelten -im wörtlichen Sinne- wenn er ins Dorf kam. Ich musste hier weg! Ich zog und zerrte plötzlich an Vaters Griff um meine Hand. Ich wollte nur noch wegrennen. Warum ging er denn nur so verdammt langsam? Das Tempo, das er angeschlagen hatte, mit großen Schritten auf unsere Kate zuhaltend, um aus der Kälte zu kommen, erschien mir plötzlich viel zu schleichend; Krauchgang fast schon. Und warum war er oben bei der Mühle kurz stehengeblieben?
Der Stock des Müllers ging mir nicht aus dem Kopf. Er wurde darin sogar größer.
Ich hatte noch nie ganz verstanden, warum der Müller überhaupt einen Stock brauchte – oder wieso dieser Stock, der einfach nur ein simpler Stock war und den er nie zu mehr zu gebrauchen schien als eben zu diesen kurzen ‘Fingerzeigen’, eine solche Angst in uns auslöste. Der Müller war weder so alt noch so schwächlich, dass er den Stock schon benötigt hätte, sondern trug ihn mehr wie eine Art Wanderstab -oder vielleicht auch eher ein Statussymbol- mit sich herum. Vielleicht war es diese Haltung einer vermeintlichen Macht, die er mit sich herumtrug, zu deren hoch aufgerichteter, stocksteifer Haltung dieser sonderbare Wanderstecken beitrug, die uns zu normalen Zeiten schon verschreckte. Jetzt gerade erinnerte er mich in meiner Vorstellung jedenfalls plötzlich sehr eindeutig an das Knochenrasseln des Schamanen, den Uhland vorhin beschrieben hatte. Und ich musste plötzlich an die helle Farbe denken, die der Stock des Müllers hatte, die mich vorher nie so wirklich gestört hatte. War das Knochen?
Das Rascheln des leichten Windes in den trockenen Blättern, die noch an einigen Bäumen hingen, trug wohl das seinige zu dieser Vorstellung bei... Wäre er jetzt wirklich aufgetaucht, wäre ich wohl vor Schreck in Ohnmacht gefallen.
Mein Herz klopfte meinem Empfinden nach so laut, dass es alle Monster in zehn Kilometern Umkreis herholen musste – und ich in jeden Schatten huschte, den ich nur finden konnte -im Zweifelsfalle den Vaters- um mich dort zu verstecken, während die Schritte unseres Weges plötzlich viel zu viele geworden zu sein schienen.
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Sogar den alten Armin hätte ich mir in dem Moment herbeigewünscht – komisch, dass mir ausgerechnet der einfiel und ausgerechnet der Gedanke an den Stockschwinger half, mein Herzklopfen ein klein wenig zu beruhigen.
Aber vielleicht auch nicht so seltsam. Sie trugen beide einen Stock...
Tock. Tock. Tock.
War das nun das Klappern des Mühlrads oder das des Stocks?
Ich versuchte mir vorzustellen, wie es der von Armin war – statt der des Müllers.
Tock. Tock. Tock.
Was, in aller Welt, sollte die Mühle um diese Zeit noch mahlen?
Tock. Tock. Tock.
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Den Müller hatte schon immer ein Hauch des Unerklärlichen und Unheimlichen umgeben – jedenfalls für uns Kinder; dem Eindruck nach aber durchaus auch für die meisten Erwachsenen, die ihm mit einer gewissen respektvollen Zurückhaltung begegneten. Man wusste einfach nicht gerade viel von ihm – abgesehen davon, dass er zwei Söhne sowie eine Tochter hatte und Witwer war; relativ jung verwitwet so gesehen, denn er mochte erst um die fünfzig Winter zählen, sah noch recht jugendlich aus, mit nur wenigen grauen Strähnen im dunkelbraunen Haar. Noch dazu hieß es, seine Frau sei jünger gewesen als er. Die meisten Dörfler kannten wohl nicht einmal seinen Namen, da man ihn beständig nur ‘den Müller’ nannte. Die meiste Zeit sah man auch nicht viel von ihm – und manchmal, so wie gerade, drangen höchst sonderbare Geräusche aus der Mühle, die man sich nicht erklären konnte und die den Ort und damit auch seine Bewohner irgendwie unheimlich machten.
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Geräusche, die mich gerade bis hierher verfolgten…
Tock. Tock.
Tock. Tock.
Ich versuchte mich daran festzuhalten, dass er sich ja offenbar mit unserem Schulzen gut verstand – und Tays Vater war vielleicht nicht immer nett zu ihm, aber ganz bestimmt kein Unmensch. Und doch sicher niemand, der geduldet hätte, dass Kinder aus unserem Dorf entführt und in der Mühle zermahlen wurden. So ein Unfug. Dass die anderen Alten eher Respekt als Furcht zu zeigen schienen. Die Gespräche wurden ja auch immer etwas stiller, wenn unser Schulze in Erscheinung trat.
Das war alles ganz. Einfach. und alltäglich. zu erklären.
Hör auf mit dem Unfug, Lili!
Da ist kein Müller!
Wenn du nicht gleich aufhörst, dann schick ich dich zu Armin!
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Der alte Armin war wenigstens nur ein Nachbarschaftsschreck von nebenan. Ein Quälgeist zwar, aber ein vertrauter und bekannter.
Und so verbrachte ich die langen dreihundert weiteren Schritte…
— so in etwa... ich konnte damals schließlich gerade so noch bis zehn zählen, an meinen Fingern -die ich grade nicht alle zur Verfügung hatte- und fing dann eben wieder von vorne an... jedenfalls gingen mir definitiv die Finger aus —
…mit Zählen und dem Versuch mich krampfhaft ausgerechnet am Bild Armins festzuhalten. Wie er heute Mittag unseren Nachbarn fast geschlagen hätte. Versuchte ihn mir in den bildhaftesten Farben vorzustellen; selbst die einprägsamsten -also schmerzhaftesten...- Erlebnisse in Erinnerung zu rufen. Die wenigstens immer von eindeutig monsterfreier, sonnenbeleuchteter, schlichter einfacher Normalität umgeben waren.
Die minutiöse Vorstellung dieses Muttermals und Haarkranzes ganz aus der Nähe besehen, brachte mir schließlich ein nervöses Kichern in den ausgetrockneten Hals, während endlich, endlich, dankbarerweise die ersten Häuser beinahe wieder zum Greifen nahe gerückt waren.
Und keine müllerförmige Gestalt weit und breit. Puuuh.
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Nur noch ein kleines bisschen näher... nicht jetzt noch auf dem letzten Stück- Hastig sah ich mich um, weil ich wieder irgendetwas gehört hatte.
Da... dort war doch etwas...
Ich schrie beinahe auf, als das Etwas, das im Gebüsch geraschelt hatte, daraus hervorschoss.
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Was mich rettete, war die Nachbarin, die gerade dort am ersten Haus vor uns vor die Tür trat, um sich erleichtern zu gehen.
Der schwache Lichtschein aus der für einen Moment geöffneten Türe beleuchtete das Wesen, das ich geneigt gewesen war, für einen fiesen Dämon mit funkelnden Augen zu halten, der uns anspringen wollte: Er entpuppte sich als – Mommel.
Ugh. Der fette Kater einer unserer Nachbarinnen.
Der offenbar nur eine Maus in der Schnauze hielt, die gerade noch gequiekt hatte.
Das war, was ich gehört haben musste.
Eine quiekende Maus. Keinen schreienden Menschen.
Ich war. SO. Unglaublich. Dumm.
Dummes Ding, schalt mich wieder Mammas Stimme im Kopf.
Als bekäme sie selbst aus der Ferne noch mit, was für dumme Faxen ich schon wieder im Kopf gehabt hatte.
Hör auf mit den Tagträumereien.
Eine Maus. Erstaunlich, dass der bei seiner Körperfülle noch dazu in der Lage war, ne Maus zu fangen.
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Eh. Ausgerechnet eine Maus.
Geschah mir recht, mich vor einer Maus zu erschrecken; ganz so wie wir heute Mittag unser liebes Tantchen erschreckt hatten… Für den Moment erleichtert, versuchte ich einfach nur diese Gedanken festzuhalten und schalt mich innerlich, dass ich auf dem besten Wege war, noch so komisch zu werden wie Tante Caeda.
Und so waren es am Ende ein nächtlicher Drang, ein fetter Kater und Tante Caeda, die mich davor bewahrten aufgrund eines Herzschocks selbst ebenfalls noch bei Dankrun eingeliefert werden zu müssen.
Trotzdem tat ich in der Nacht kein Auge mehr zu und klammerte mich an Großmutters altem Schal fest; mich tief in die endlich, endlich dargebotene Umarmung eingrabend, selbst wenn es nur die von Stoff war. Wohl in der kindlichen Hoffnung, wenn man sein Gesicht so tief vergraben würde, dass es keiner mehr sehen kann, würde man auch selbst nicht mehr wahrgenommen…
Was soll ich sagen - irgendwie schien es zu helfen. Jedenfalls kam mich kein Monster fressen.
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Aber wie ich schon angedeutet habe — Monster waren, trotz dieser neuerlichen Gruselgeschichten-Episode seitens Uhlands, schon am ersten Morgen nach dieser zittrigen Nacht bald meine geringste Sorge…
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Explore the English Sneakpeeks
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Die deutsche Version ist schon weiter als die Übersetzung;
da es sich bei ihr um das Original handelt ;)
Wer mag, kann aber natürlich auch mal die (freie) englische Übersetzung testen
(die wiederum, da sie neuer ist, hier und da Updates erhalten hat, die wiederum in der deutschen noch eingefügt werden müssen - das klassische Work in Progress-Problem):
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