Kapitel 3: Lichterfest - Liliana (Pt.2)
... weil mein kleines Brüderlein dort gerade auf mich zukrabbelte, das ganze Maus-Drama völlig missachtend.
Oder vielleicht auch wegen des Mausdramas. Womöglich erinnerte ihn Tantchens Schreien an das Geschrei daheim. Das mochte er genausowenig wie ich. Normalerweise fing er dann auch zu schreien an. Jedenfalls wenn ich nicht schnell genug bei ihm war. Manchmal selbst dann. Seit er die ersten Schrittchen machte allerdings… schien er mutiger geworden. Und jetzt gerade hatte er ein klares Ziel vor Augen. Auch wenn er alleine immer noch lieber krabbelte als lief. Denn während der Webstuhl mich -mehr schlecht als recht; aber in der aktuellen Situation war mehr glücklicherweise nicht nötig- vor Tantchen verbarg, hatte Feréll selbstverständlich einen recht offenen Blick auf mich gehabt. Ich hatte ihn zwangsweise wo absetzen müssen, wo das der Fall war, sonst hätte er sich keine paar Augenblicke lang mit dem Wollknäuel abspeisen lassen. Wenn er mich nicht mehr sehen konnte, fing er nur allzu gerne das Plärren an.
Und das hätte unsere gute Tante natürlich sofort auf den Plan gerufen. Tantchen konnte Kinderweinen nicht ausstehen. Weswegen sie auch so ziemlich alles tat, damit es aufhörte. Meistens mit freundlichem „na, naa“, über den Kopf streicheln, Tränchen mit einem Tuch und spitzen Fingern trocknen -sich dabei mühend, schmutzigen Kinderhändchen so gut sie konnte auszuweichen oder diese mit dem Tuch ebenfalls einzufangen- und uns irgendetwas zustecken.
Laurie hatte schon öfters die Heulende gespielt, nur um Kekse zu bekommen. Ich hingegen war leider noch nie gut darin gewesen, auf Kommando zu heulen. Dafür brauchte man schon eine echte ‚Gabe‘, wie die Leute hier sagten, wenn man so richtig Talent für etwas hatte. Laurie war exzellent im Schauspielern, aber – ich? Ich war grauenhaft mit sowas. Dass ich Tantchen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch einfach hätte um ein paar Kekse oder ein Stück Kuchen bitten können, zumal für mein kleines Brüderlein – das kam mir leider nicht in den Sinn.
Also fand ich mich jetzt abrupt verzweifelt -wo ich gerade noch hinter vorgehaltener Hand mitgeprustet hatte- zwischen dem Maustanz, Tay, dem Tisch und Feréll hin- und herschauend. Scheiße. Ich würde ihn holen müssen, oder? Vor allem da sich besagter Maustanz in Richtung des Tisches zu bewegen schien… Und- oh Welt, Feréll hielt direkt auf eine der Scherben zu, die vom Tisch gefallen war!
„Sieh weg! Macht die Augen zu!“ zischte ich in Richtung Tay und der anderen. Ich konnte nicht, wenn Leute zusahen. Aber ich musste doch…
Akut kopflos geworden, stürzte ich abrupt hinter dem Webstuhl hervor, zwar geduckt, aber eigentlich trotzdem voll sichtbar auf dem Weg zwischen Stuhl und Tisch – und natürlich fiel Tantchens Blick auf mich, als ich gerade unter dem Tisch abtauchen wollte, schon denkend, ich wäre nochmal davongekommen. Scheiße. Scheiße, scheiße, scheiße. Als ob die Tischbeine mich groß versteckt hätten.
Du dummes kleines Monster, du.
Tantchen schrie plötzlich gellend auf, als hätte der Alte Armin sie mit seinem Stock erwischt und zu verprügeln angefangen. Was ich nicht wusste, war, dass die Maus ihr gerade in den Zeh gebissen hatte. Tantchen hüpfte so wild, während ich mich nach Feréll hechtete -scheißdrauf ob ich selbst in eine der Scherben trat oder fiel, Hauptsache er tat es nicht- dass sie dabei in Richtung Tisch wankte.
Und schließlich so mächtig auf diesen rumpelte, während ich gerade -einen winzigen Moment erleichtert- mein Brüderlein zu packen bekam, dass die Dose wohl von ihrem Schrank gefallen wäre, selbst wenn ich sie nicht schon so unglücklich heruntergeholt hätte. Denn der Tisch donnerte durch Tante Caedas Stoß nun an besagten Schrank, dass es einen Schlag tat, der mir in den Ohren klingelte. Oder vielleicht waren es auch die Scherben, die erneut auf- und abhüpften und dabei klirrten. Ich tat einen Satz nach vorne, irgendwohin, nur mit meiner wertvollen Fracht von der Katastrophe hinter mir weg, die drohte sich gleich über uns zu befinden.
Die Maus schoss unterdessen als klarer, triumphaler Sieger unter Tantchens Röcken und trampelnden Beinen hervor und flitzte aus der Tür ihrer Hütte hinaus, als hinge ihr Leben davon ab. Ich schätze, sie war bei Weitem nicht so froh über ihren Sieg, wie die, die auf sie gewettet hatten. Wobei – in diesem speziellen Fall waren womöglich nicht einmal die so richtig froh. Keiner von uns hatte Tantchen wehtun wollen, die jetzt völlig fertig zwischen den Scherben der zerbrochenen Keksdose am Tisch lehnte, dabei völlig übersehend, dass über ihr auch noch die Blumenvase wackelte.
Aww. Sie hatte immer noch die Schneesterne darin, die wir ihr vor über einer Woche gebracht hatten. Oh fuck. Und die Vase war dabei—
„Pass auf!“
Ich drehte mich in einer abrupten Drehung voll zu Tante Caeda um und schrie, auf die Vase deutend — dann hastig Feréll wieder richtig greifend, der abzurutschen drohte, da ich in mit nur einer Hand nicht gut halten konnte. Danach hätte ich mir am liebsten die Hand vor den Mund geschlagen. Aber diesmal wusste ich es besser und hielt krampfhaft mein Brüderlein fest. Vielleicht ein bisschen zu fest, denn er fing prompt an leise zu gluckern. Nicht in Richtung lachen, sondern in Richtung maulen und heulen. Ich bekam kaum mit, wie ich ihn sachte mithilfe meines Knies auf- und abhüpfen ließ, um ihn wieder zu beruhigen. Mein entsetzter Blick war gebannt von dem Unheil über dem lieben Tantchen. Die verwirrt auf mich starrte anstatt nach oben zu sehen, wo die Vase wackelte und—
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KLIRR.
Das zweite Bruchstück des Tages.
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Glücklicherweise traf sie den Tisch – und nicht Tante Caeda, wenn auch so knapp neben ihr, dass Tantchen prompt erneut einen spitzen Schrei ausstieß; sich die Hände über den Kopf schlagend, noch während Tay hinter seiner Ecke hervorgestürzt kam. Scheinbar im Versuch, sich dazwischenzuwerfen. Stattdessen bekam er eine der herabplatzenden Scherben auf einen Zeh, die unglaublicherweise unser Tantchen komplett verfehlten — als hätte sie wirklich schützende Hauskobolde.
Aber da war nichts.
Tay zischte trotzdem und ich starrte ihn einen Moment lang irritiert an. Im Gegensatz zu uns anderen hatte er feste Lederstiefel, warum sollte er— Oh. Als er sich einen Moment umdrehte, um mich mit einer Hand wegzuwedeln, offenkundig Richtung Zimmerecke, ich solle mit Feréll verschwinden, und zwar jetzt, sah ich Blut daran herabrinnen. Oh Tay. Eine der Scherben hatte seine -natürlich nicht beschuhte- Hand erwischt. Tay barg hastig die offene Wunde in seiner anderen Hand, nachdem er Tante Caeda hochgeholfen hatte.
Wie ich von der Ecke aus beobachtete. Meine Füße waren schneller gewesen als mein Verstand. Huh? Es dauerte einen Moment, bis ich die Situation wieder begriff.
Vielleicht auch etwas mehr als nur einen, denn bis ich wieder klar im Kopf war, zog schon Jannai an meiner Hand, um mich von der Ecke wegzuholen und ich konnte hastige, schwere Schritte von der anderen Seite der Hütte hören, dem Haupteingang, wo die Maus rausgeflitzt war. Und Tays Stimme, der sich kerzengerade vor Tante Caeda aufgebaut hatte.
„… tut mir leid. Das war alles meine Idee.“
Lügner. Oh Tay.
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Da alle anderen, die dann zusammenliefen, erst einmal nur auf unser Tantchen und Tay konzentriert waren, konnten wir anderen in dem Tumult davonkommen.
Tay war… sehr effektiv darin, die Wut von Älteren von uns weg auf sich zu ziehen. Oder sie verrauchen zu lassen. Solange es nicht die seines Vaters war…
Ich nehme an, es hatte … gewisse Vorteile der Sohn des Schulzen zu sein. Die Wenigsten waren bereit, wegen Kleinigkeiten zum Schulzen zu rennen. Vielleicht sogar vor allem wenn dessen Sohn involviert war. Vielleicht war es das, warum er sich so oft vor uns stellte. Auch wenn ich das nicht so recht glauben konnte. Ein Gutteil von mir war überzeugt, dass Tay das nur für uns tat. Weil er ein so gutes Herz hatte, egal wieviel Scheiße wir anderen anstellten. Er konnte uns nie wirklich böse sein – und versuchte immer zu erreichen, dass die anderen das auch nicht waren. Aber ein kleinerer Teil von mir wisperte, dass er vielleicht, nur vielleicht… so versuchte wenigstens ein bisschen Aufmerksamkeit von seinem Vater zu bekommen.
Denn während ich von Jannai weggezogen wurde, hörte ich hinter uns noch die Stimme von Tays Vater, die sich ärgerlich dazwischenzudrängeln schien, durch die kleine Traube an Leuten hindurch, die sich scheinbar in oder vor Tantchens Hütte gebildet hatte.
„Was hat der Bengel jetzt wieder angestellt?“
Wir waren alle recht verwundert, dass wir hinterher nicht trotzdem Prügel bekamen, und zwar alle. Es war schließlich nicht allzu schwer auf den richtigen Gedanken zu kommen, wer da alles noch so involviert gewesen war. Ich meine, da war die gespannte Schnur, die geplünderte Keksdose… Hm. Vielleicht hatte Tantchen auch zuviel Chaos gemacht, als dass noch jemand die Spuren richtig gedeutet hätte. Vor allem wenn sie es nicht mal selbst tat. Aber trotzdem… jeder im Dorf wusste, dass Kinder ständig als große Gruppe unterwegs waren – und wir darin keine Ausnahme bildeten. Besonders wenn es um Streiche ging.
Womöglich hatten wir es sogar des Tantchens weichem Herz zu verdanken, dass wir nicht einfach alle eine Massenstrafe erhielten. Was es durchaus schon gegeben hatte, wenn klar war, dass wieder jemand Unfug angestellt hatte – und besonders wenn der eigentliche Übeltäter nicht eindeutig auszumachen war. Aber vielleicht war die Maus, die aus dem leeren Korb auf dem Boden gekrochen kam, auch nicht unwahrscheinlich genug für ein ganz normales Vorkommnis als dass man wirklich davon ausgehen musste, dass jemand Bestimmtes – soll heißen, wir – dahintersteckte?
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***
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Tay jedenfalls sah hinterher, als er wieder zu uns stieß, nicht so aus, als hätte er gerade den Hosenboden versohlt bekommen. Dafür war er irgendwie auch zu lange weg. Auch wenn er, als er um die Ecke kam, sein Gesicht verkniff, als hätte er irgendwas besonders Saures schlucken müssen. Ehe er -für uns- rasch wieder ein Lächeln auflegte.
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Explore the English Sneakpeeks
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Die deutsche Version ist schon weiter als die Übersetzung;
da es sich bei ihr um das Original handelt ;)
Wer mag, kann aber natürlich auch mal die (freie) englische Übersetzung testen
(die wiederum, da sie neuer ist, hier und da Updates erhalten hat, die wiederum in der deutschen noch eingefügt werden müssen - das klassische Work in Progress-Problem):
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