Kapitel 3: Lichterfest - Liliana (Pt. 4)
Es hatte etwas Magisches, diese Lichterprozession im Nebel.
Der Abend wurde dann wie jedes Jahr eher besinnlich und still.
Am vorherigen Tag hatte die Wirtin Honigbonbons hergestellt, die es nur zu ganz besonderen Gelegenheiten gab – von denen wir natürlich schon zu dem Zeitpunkt welche zu stibitzen versuchten, weil wir es nicht abwarten konnten; mal mit mehr, mal mit weniger großem Erfolg bei der Diebestour. Bonbons, die sie an diesem Abend dann freigiebig an die Kinderschar verteilte. Irgendwie schaffte sie es immer, noch genug für alle übrig zu haben zur eigentlichen Feier, egal für wie erfolgreich wir die Raubzüge des Vortages befinden mochten.
Wahrscheinlich machte sie, weichherzig wie sie uns Kindern gegenüber war, einfach grundlegend immer mehr. Wenn ich darüber nachdenke, dass die Enttäuschung einmal weniger gut ausfallender Räubereien am nächsten Tag durch die Fülle frei verteilter Süßigkeiten abgemildert wurde, dürfte das wohl hinkommen.
Ebenso hatte jeder von uns schon am Vortag beim Kramwarenhändler – Yarin hieß er glaube ich, aber eigentlich nannten ihn alle immer nur den Händler, wir hatten ja auch nur einen – eine winzige Kerze bekommen oder, soweit man dazu schon in der Lage war, sogar selber herstellen dürfen. Er verkaufte das Selbst-Erstellen natürlich als eine besondere Gunst. Und wir nahmen ihm das voll ab, genauso wie die seltenen fremden Besucher ihm die Karten abkauften. So gut war er in dem, was er tat.
Das Ganze war so oder so eine unerhörte Ausnahme; denn normalerweise bekam man bei ihm nie irgendwas kostenlos. Die Kerzen zum Lichterfest aber bezahlte er tatsächlich aus eigener Tasche; denn verlangt wurde nie etwas dafür. Okay. Vielleicht bezahlte sie wahrheitsgemäß aber auch eher unser Schulze. Der war schließlich des Herzogs Bruder, der in Nebelwall, der größten Stadt in der Nähe, residierte – und damit eher dafür prädestiniert als ein kleiner Kramwarenhändler. So oder so – jedenfalls bekamen alle diese Kerzchen kostenlos, ebenso das Papier für die Schiffchen. Die Minikerzen wurden nämlich in kleine Papierschiffchen verpackt – damit wisst Ihr jetzt auch, was unsere Papierfalterei sollte – auch das war Teil der Tradition. Und das hatte seinen guten Grund.
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Sobald sich die Nacht herabsenkte, wurden nämlich die Kerzenschiffchen hervorgeholt, sämtliche Dorfbewohner – oder zumindest alle Familien mit Kindern – versammelten sich am Seeufer und die Kinder durften ihre Kerzenboote auf dem See aussetzen. Gelegentlich schlossen sich dem auch noch einige Boote von Jugendlichen und Erwachsenen an, die der Tradition nicht entsagen wollten, sondern die Prozedur zu schön fanden, um damit aufzuhören. Hauptsächlich jedoch war das Nebelfest ein Fest der Kinder.
Es war immer herrlich mitanzusehen, wie die kleine – manchmal auch größere – Prozession an leuchtenden Schiffchen langsam auf den sanften Wellen auf den See hinaus und dann in den Nebel hineintanzte. Hin zur Insel in der Mitte des Sees, wie man uns sagte – eine Insel, die keiner von uns je gesehen hatte, denn der Nebel verdeckte ja, wie schon gesagt, ganzjährig die Sicht ans andere Ufer und lichtete sich an keinem einzigen Tag; ruhig und ungestört erhob er sich zu jeder erdenklichen Stunde über dem Wasser. Nur zum Lichterfest, da schien es -jedes Mal, wenn die Schiffchen langsam dorthin strebten und dann in den Nebel eintauchten- so, als mache er ein kleines bisschen den Weg frei, ehe er sich hinter den Lichtern wieder schloss.
Es hatte etwas Magisches, diese Lichterprozession im Nebel.
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Das war aber auch das einzig ‘Magische’, das uns über viele Jahre hinweg begegnete, sämtlichen Gruselgeschichten Uhlands, wie auch der sonstigen Schauermärchen, die uns von den Türmen und dem Wald fernhalten sollten, zum Trotz. In den früheren Jahren, da auch wir noch zu den ganz Kleinen gezählt hatten, wurden wir nach dieser Prozession dann zum Großteil schon schlafend von unseren Angehörigen heimgetragen.
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Mittlerweile war ich jedoch schon stolze Fünf und gab mir alle Mühe, der – um ehrlich zu sein durchaus vorhandenen - Müdigkeit nicht nachzugeben, sondern mich jener kleinen Gruppe aus ‘Tapferen’ würdig zu erweisen, die noch ‘munter’ waren und das Zubettgehen noch ein Weilchen hinausschoben.
Da Muttern und Paps selbst am Ufer zur Lichterprozession nicht aufgetaucht waren… trug ich mein inzwischen müde gewordenes Brüderlein immer noch mit mir herum. Der Gedanke ihn einfach daheim in die Wiege zu liegen, kam mir nicht einmal ansatzweise. Wer wusste schon, was unsere Ältern gerade machten. Am Ende stritten sie immer noch und hätten ihn nur aufgeweckt. Und falls sie… ausnahmsweise mal anders beschäftigt sein sollten... Dann wollten sie definitiv keine Gesellschaft. Das war mir damals überdeutlich klar; spätestens seit der Tracht Prügel, die ich mal am Tag danach von Muttern bekommen hatte, während Paps draußen beim Fischen war, weil ich da blöd gestanden und gegafft hatte. Die hatte ich noch drei Tage später gespürt; sowas vergisst man nicht. Da waren sie, glaube ich, gerade dabei gewesen, Feréll zu machen; so im Nachgang besehen. War zumindest das letzte Mal, dass ich mitbekam, dass… Ihr wisst schon was.
Wir -inklusive mir und damit auch Feréll, ob er wollte oder nicht; nicht dass er davon groß was mitzubekommen schien- warteten also kaum das „aber nicht mehr so lange“ der Älteren ab, das mit hastigem Genuschel unsererseits, das alles oder nichts heißen mochte, bedacht wurde, ehe wir schon eilig Richtung Uhlands Hütte davon huschten; bevor man uns womöglich doch noch hätte zurückrufen können. Aus irgendeinem Grund hatte Uhland nämlich offenbar auch kein Interesse daran am Lichterfest teilzunehmen, ganz wie unser zwei Ältern. Stattdessen hatte er sich -wie glaube ich tatsächlich jedes Jahr zu dieser Zeit- mal wieder in seiner Hütte vergraben.
Allerdings war das so ungewöhnlich auch wieder nicht, da er sich ohnehin ziemlich häufig dort vergrub. Merkwürdig machte es nur der Umstand, dass es nun einmal das Lichterfest war. Andererseits hat er sich zu anderen Festen auch vergraben. Insbesondere bei Hochzeiten, zu denen er eigentlich etwas vortragen sollte – zu denen man ihn aber jedes Mal erst bitteln und betteln und dann mit dem Versprechen des gut gehüteten Schnapsvorrates der Wirtschaft hervorlocken musste.
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Wie üblich dauerte es ein gewisses Weilchen, bis er endlich genug von den Nervplagen vor seiner Tür hatte, die einfach nicht weggehen wollten, sondern beharrlich klopften und weiter bettelten – manchmal konnte man meinen, er war einfach einer dieser Künstler, die gerne einen großen Auftritt haben wollten und der Meinung waren, dass dazu eine längere Wartezeit von Nöten sei, um die Sinne des Publikums zu schärfen.
Immerhin schickte er uns nicht postwendend mit entsprechend wütend erscheinendem Ausdruck weg – der, wenn er vorkam, so gut wirkte, dass wir uns abrupt an die nur einmal ausgesprochene Anweisung hielten.
Oder blieb einfach drinnen ohne zu antworten; bis wir von selber weggingen, weil es uns zu langweilig wurde – was gelegentlich auch schon mal vorkam. Normalerweise hätte er sich jetzt – scheinbar ohne sich um den Rattenschwanz an Kindern zu scheren, der ihm natürlich auf Schritt und Tritt folgte – Richtung Gasthaus aufgemacht, wo die Wirtin stets das eine oder andere Bier für ihn bereithielt; solange er nur auch etwas vortrug, wenn er sich dort blicken ließ. Ein Umstand, der es so besehen sogar denkwürdig macht, dass er nicht viel häufiger dort zu sehen war, sondern sich oft genug so zurückzog und in seine Hütte vergrub, wenn man es recht bedenkt; denn er schien einem Bierchen eigentlich nie abgeneigt. Wie dem auch sein mochte, jedenfalls war dieser Tag ein sonderbarer – denn statt sich in Bewegung zu setzen ohne sich auch nur noch einmal umzusehen oder unsere Anwesenheit anderweitig erkennbar zur Kenntnis zu nehmen, wie sonst, sprach er uns dieses Mal tatsächlich direkt an.
„So so, Ihr wollt also eine Geschichte hören...“ dröhnte uns seine angeraute Stimme beinahe schnarrend – und vor allem völlig unerwartet – entgegen, während er sich wie ein großer Schatten halb aus der Tür und über uns herab beugte.
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Was in der Gesamtwirkung Einige -insbesondere natürlich die Vordersten- überrascht einen Schritt zurückfahren ließ. Und mich, wie alle anderen auch, zum Zusammenzucken brachte; wie sehr ich auch schon meinte, mich an grobes Verhalten insbesondere seitens Uhlands schon gewöhnt zu haben. Immerhin konnte ich mir stolz anrechnen, dass ich keinen Schritt zurückgewichen war – andererseits stand ich auch nicht unter den Ersten, sondern etwas seitlich. Und hinter mir stand ja noch Bernd, dem ich sonst auf den Fuß getreten wäre… – tja, so ist das im Leben. Und wie das Leben so spielt, führte es dazu, dass Jannai, die wie öfters bei solchen Dingen eher unter den Vorderen -und damit vor mir- stand, rückwärts auf mich prallte. Wir waren nicht die einzigen Beiden, denen es in dem Moment so ging; und für einen kurzen Augenblick gab es einen kleinen Tumult, der an das hektische Gewusel der Wühlmausfamilie von heute Morgen gemahnte, ehe sich alle wieder geordnet hatten.
„Ja“, platzte ich mit sicherlich leicht piepsiger Stimme heraus, noch ehe sich die Truppe wieder ganz sortiert hatte – mich sicher wähnend unter der Geräuschkulisse des Gescharres vieler kleiner Füße und meiner nicht völlig exponierten Position. Und größere Warterei unter eintretender Stille hätte es ja auch nicht besser gemacht; noch dazu wussten wir schließlich alle –Uhland eingeschlossen– weswegen wir hier waren. Er wartete nur offensichtlich mal wieder auf die obligatorische offizielle Bestätigung, dass er als Barde gewünscht sei.
Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, was ich tun sollte, falls Uhland wider Erwarten damit nicht zufrieden sein sollte, brach glücklicherweise um mich herum der Stimmenchor los.
„Ja, eine Geschichte, ja bitte, eine Geschichte, eine Geschichte...“
Mit einem bedächtigen Nicken trat Uhland hinter die Tür zurück.
Kurz darauf öffnete er sie ganz – und erschreckte uns prompt nochmals, indem er mit theatralischem Mantelschwung daraus hervortrat, um sich auf die Lehne der nah an der Wand stehenden Bank vor dem Haus zu setzen; die Füße auf den eigentlichen Sitz platziert, sodass die Bank ein klein bisschen nach hinten kippte – was nichts machte, da sie eh so nahe an der Wand stand und er selbige dann als Stütze im Rücken hatte. Und er noch ein Stückchen größer wirkte uns gegenüber als er es sonst auch noch im Sitzen ohnehin schon gewesen wäre – schließlich waren wir ja nur Kinder.
Noch dazu sammelte sich die Meute nun natürlich zu seinen Füßen in einem Halbkreis und kauerte sich auf den frei gefegten Steinen vor seiner Hütte zusammen; meist in der Hocke, um möglichst Wärme bei sich zu halten, einige aber auch einfach auf den Hosenboden sitzend – was sie nachher sicher noch bereuen würden. So nahe am Ufer wie Uhlands Hütte stand, waren die Steine zwar so oder so relativ frei von Schnee, sodass er im Winter nie so dermaßen viel fegen oder gar schippen musste – aber wirklich angewärmte Heizsteine waren sie deswegen noch lange nicht.
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Diesmal dauerte es nicht mehr als einen weiteren Schluck aus seiner kleinen Flasche, die er unterm Mantel hervorzog, ehe Uhland loslegte – und abgesehen davon, dass sie gar nicht mal so sonderlich lang war, war die Geschichte für uns Kleinen grausig genug, dass sie uns voll und ganz im Griff hielt. Mich so sehr, dass ich nicht einmal bemerkte, wie Feréll in meinen Armen wieder wach wurde und sich neugierig zu regen begann – spätestens als Uhland dieses schreckliche Poltern verursachte, um den Steinsturz in seiner Geschichte plastisch zu vermitteln. Die Menge an Kindern wogte mit seinen Worten hin und her – gespannt fokussiert auf ihn, als könne man die Geschichte dann besser sehen, gar einsaugen, ehe er zu den finsteren Teilen kam – und ängstlich wieder zurückweichend, heftiger als jede Brandung des Nebelsees am frühen Morgen, sobald er seine Schreckmomente darbrachte. Und wie er die darbrachte… Seid froh, dass ich sowas nicht nachmachen kann, eh?
Offensichtlich hatte er einen dieser Tage, an denen er schon vorher zu trinken begonnen hatte – und dieser erste Schluck aus der Flasche war wohl nur der letzte eines langen Tages. Die aufkommende Nachtkälte diente allenfalls als Steigerung unseres Grausens, das sich ohnehin schon in Gänsehaut und dem typischen Gefühl kalter Fingerchen die Wirbelsäule hoch äußerte, anstatt dass wir sie noch als normale Kälte wahrgenommen hätten. Es war die vorher erwähnte Geschichte von diesem grausigen entstellten Bären, die Uhland da erzählte, von dem er behauptete -ja, er selbst- ihm auf einer seiner früheren Wanderungen mit seinen Gefährten in einer Höhle begegnet zu sein, die man sich eigentlich als Nachtlager auserkoren hatte.
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„… stürzten wir in die Höhle, die prasselnden Steine dicht hinter uns.“
Er ließ die harten Begleitgeräusche langsam leiser werden, die er wohl mit einer Art… Trommelrassel oder dergleichen? gemacht haben muss. Leiser und leiser… bis völlige Stille eintrat. Niemand von uns traute sich zu regen oder auch nur einen Mucks von sich zu geben; fast selbst erschlagen von dem Steinschlag, den er beschrieben hatte. Nur der See hinter uns schwappte leise, ganz leise ans Ufer. Uhland benutzte das leise plitschende Geräusch, das plötzlich fürchterlich laut klang in unserer atemlosen Stille, wie wir so an seinen Lippen auf die Fortsetzung seiner plötzlich versiegten Worte warteten, wie er da vornübergekrümmt auf die Bank herabgesackt war, als sei er gerade selbst heruntergepoltert von dem zerbrechenden, schwankenden Steg, der in den Abgrund gerissen wurde, prompt für seine Geschichte.
„Plitsch. Plitsch.“ Er hauchte die Worte unter seiner Kapuze, so leise, dass wir noch näher herankamen, uns atemlos vorlehnend, um auch nur ja kein Wort zu verpassen.
„Plitsch. Plitsch.“
Er ließ den See für sich sprechen. Ich hing selbst so gebannt an seinen Lippen, dass ich nicht mal merkte, dass das Gewicht in meinen Armen verschwunden war.
„Das war das einzige Geräusch, das uns in die finstere Dunkelheit der Höhle begleitete“, krächzte er so leise und ächzend, dass alleine das schon zum Gruseln war. Als hätte sie einer der Untoten aus einer seiner anderen Geschichten dort drin erwartet… Uuurgh. Schaudrig.
„Es war stockduster. Keiner von uns sah auch nur eine Handbreit weit, seit die Steine hinter uns zu fallen aufgehört hatten – sie hatten auch noch das letzte Licht verschluckt, als sie den Eingang vollends versperrten. Wir waren eingeschlossen. Alleine mit der Dunkelheit.“
Er raunte das Wort auf eine grollende Art und Weise, als sei diese spezielle Dunkelheit… irgendwie lebendig. Ließ wieder das Wasser sprechen.
„Damit und diesem merkwürdigen Geräusch. Und dann-“
Er ließ eine betonte Pause, um dann ein lautes Ächzen zu mimen. Oder zumindest eines, das in der anhaltenden Stille sehr laut klang.
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Explore the English Sneakpeeks
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Die deutsche Version ist schon weiter als die Übersetzung;
da es sich bei ihr um das Original handelt ;)
Wer mag, kann aber natürlich auch mal die (freie) englische Übersetzung testen
(die wiederum, da sie neuer ist, hier und da Updates erhalten hat, die wiederum in der deutschen noch eingefügt werden müssen - das klassische Work in Progress-Problem):
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