Kapitel 3: Lichterfest - Liliana (last part)
Er raunte das Wort auf eine grollende Art und Weise, als sei diese spezielle Dunkelheit… irgendwie lebendig. Ließ wieder das Wasser sprechen. „Damit und diesem merkwürdigen Geräusch. Und dann-“
Er ließ eine betonte Pause, um dann ein lautes Ächzen zu mimen. Oder zumindest eines, das in der anhaltenden Stille sehr laut klang. Dann ein Klirren. Ein Scheppern.
„Für einen Moment zückten wir alle unsere Waffen. Wir hätten einander beinahe gegenseitig erschlagen, in dieser schrecklichen Finsternis, die uns Freund nicht von Feind unterscheiden ließ. Aber es war nur unser Krieger, von dem das Geräusch kam.“ Uhland hob langsam, langsam den Kopf, sodass sein bärtiger Mund unter der Kapuze hervorkam, der uns wie eine gruselige Fratze anzugrinsen schien, geifernde Zähne in der Dunkelheit.
„Das Geräusch, dieses schreckliche Geräusch – es war das Geräusch des Blutes, das an seinem Bein heruntertroff.“ Seine Stimme wurde beim letzten Teil fürchterlich tief und schien zu hallen, als spreche er selbst gerade in einer riesigen, dunklen Höhle, die wir vor unserem inneren Auge nur erahnen konnten – Nebelfurth weit hinter uns zurückgesunken in den Bann seiner Geschichte.
„Einer der Steine hatte sein Bein erwischt. Hatte es so schrecklich zertrümmert, dass er nun nach wenigen Schritten ächzend zu Boden sank, er, der immer der Stärkste unter uns gewesen war. Er, der keinen Schmerz kannte. Er, der sich nie eine Blöße geben wollte – er brach zusammen.“ Uhlands Arme und Oberkörper fielen wieder nach vorne. Wieder dieses Ächzen. Und noch etwas… anderes…. Ein tiefes, finsteres… GROLLEN, das langsam anschwoll. Es klang nicht mehr so, als ob er da nur eine Trommelrassel unter seinem Umhang versteckte. Ganz und gar nicht. Egal wie sehr ich mich an diesem Gedanken festzukrampfen versuchte. Nein, da…
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„… war noch etwas anderes mit uns in dieser Höhle. Und es roch BLUT.“
Uhland riss plötzlich den Kopf gerade so hoch, dass seine Augen uns von unter seiner Kapuze heraus anfunkelten. Wir starrten so gebannt auf seine Augen, dass keiner von uns mitbekam, ob er mit den Füßen auf die Bank stapfte – oder was es sonst war, dass das nächste Geräusch machte. Schwere, fast schon behäbig SCHWERE Schritte. Als ob sie auf uns zukämen.
„ … Langsam. Bedächtig. Ungehetzt. Mit aller Zeit der Welt. Schließlich hatte uns der Felssturz hier eingeschlossen. Der Weg hinter uns war versperrt. Wir würden es niemals rechtzeitig hier herausschaffen. Selbst wenn wir jetzt sofort anfangen würden, zu buddeln wie die Wahnsinnigen.“ Uhland hielt inne, als würde er lauschen. Von irgendwoher erklang ein Geräusch wie…. Wie eine Art… leiser, grollender Windhauch. Als hätten wir heißen Atem im Nacken.
„Aber da war noch mehr…“ Ein Knistern und leises Knacken. „Etwas, das wir nicht sehen konnten, das uns aber unser Schicksal deutlich genug aufzeigte.“ Knack. Knack. Knister. Mit jedem schweren Aufstapfen. „Es waren die Knochen der Leute, die vor uns den Weg in die Höhle gefunden hatten, sie für ein gutes Nachtlager haltend, in der Dunkelheit.“ Knister. Knirsch. Knack.
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Was? Heh. Du hast völlig recht, junge Dame, gut aufgepasst. Eingangs hatte er uns was von einer Suche nach einem Nachtlager erzählt – nicht, dass sie durch einen Felssturz da reingeraten wären, wie er dann fortfuhr. Habt Ihr das auch bemerkt, hm? Falls nicht, lasst Euch gesagt sein, dass Ihr bei einem schlitzohrigen Geschichtenzähler immer gut aufpassen solltet. Es war nicht die einzige Diskrepanz in Uhlands Geschichten, wisst Ihr. Und soll ich Euch ein Geheimnis verraten? Oft genug sind sie nicht einmal nur unabsichtlich da hineingeraten, wie Ihr vielleicht meint. Wir jedenfalls waren wohl entweder schlechtere Zuhörer – oder es lag an der Art wie Uhland seine Geschichten lebendig werden lassen konnte, fast wie eine der Alten Fae aus seinen Märchengeschichten von verwunschenen Wäldern, in die man besser auch nicht zu tief hineingeraten sollte...
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Uns jedenfalls fiel an diesem Abend nichts davon auf, während wir atemlos an Uhlands Lippen hingen, wie er Düsternis und Verderben heraufbeschwor. Und gleichzeitig die unbeugsame Macht der Freundschaft, die – einen ziemlich dumm werden lassen kann.
„Und was war mit unserem Freund? Dem Krieger, der uns den ganzen Weg hierher geschützt hatte, sich stets vor uns werfend? Hätten wir ihn zurücklassen sollen? Der Bestie zum Fraß?“ Mit den letzten Worten ruckte sein Kopf -der die ganze Zeit wieder absolut still gehalten hatte, wie erstarrt vor Schock und angesichts des inneren Zwiespalts- abrupt noch höher und er riss sich halb die Kapuze vom Kopf.
Einen Moment lang nur, einen schrecklichen Moment lang, sahen wir nur die riesigen, glitzernden Augen von … etwas VÖLLIG Anderem als Uhland. Orange-gelbe Augen, wie Flammen in der Dunkelheit.
Wir zuckten kreischend vor ihm zurück - die ganze kleine Kindermeute auf einmal.
Und nicht wenige von uns packten einander, haltsuchend, als könne das helfen. Bis auf ein paar wenige der ganz Kleinsten – die zum ersten Mal dabei waren und noch nicht gewusst hatten, was ihnen blühte – oder der Allermutigsten -oder solcher die sich dafür hielten- die sich vorgetraut hatten, nun allesamt schockstarr, teils sich duckend oder gar auf den Boden werfend und dort kauernd, teils mit offenem Mund den Kopf in den Nacken legend zu ihm hochstarrend, noch nicht ganz glauben könnend, was sie da sahen – während er wie in bedrohlicher Schatten mit brennenden Augen über ihnen aufragte, sein Kinn im zuckenden Flackerlicht nun wirklich zu einer schrecklichen, zähnestarrenden Fratze geworden.
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Er muss sich natürlich, versteckt unter dem Umhang, eine Maske aufgesetzt haben – aber das begriffen nicht einmal die ganz hinten. Nicht einmal die Schlausten. Und ganz bestimmt nicht in diesem Moment.
Um genau zu sein mischte sich unter das leise Plätschern und Schwappen der Wellen hinter uns ein anderes, ähnliches Geräusch, das verriet, dass irgendeinem von uns im Schreck des Moments die Kontrolle über seine Blase entglitten war. Wilde Scham stieg in mir hoch. Oh wilde Geister, hoffentlich bin das nicht ich, schoss es mir durch den Kopf. Ein hastiger Blick nach unten – der mich, ganz zufällig nur, auch von Uhlands schrecklichem Blick losriss, offenbarte glücklicherweise nur Trockenheit. Ungh. Ein Hoch auf meine trainierte Blase. Danke. Danke! Wenigstens die Peinlichkeit blieb mir verschont.
Ich schätze sowas in der Art dachte sich auch irgendein anderes Kind, das sich in der inzwischen -um genau zu sein, ziemlich passend zu Uhlands Geschichte fast zeitgleich mit seiner Beschreibung des ausbleibenden Lichts, als sich der Ausgang verschloss- ebenfalls endgültig über uns hereingebrochenen Dunkelheit -und dem allgemeinen Aufruhr in unserer Menge, der kurzzeitig mit entsprechendem Radau einherging- hastig davonstahl. Es war allerdings nicht das einzige Kind, dass es in dieser Nacht nicht bis zum Ende der Geschichte durchhielt und lieber hastig einen verfrühten Aufbruch hingelegt haben muss. Jedenfalls war unsere Gruppe am Ende ziemlich zusammengeschrumpft. Ich hätte mir wahrscheinlich sogar selbst überlegt, mich in der Dunkelheit davonzustehlen anstatt bis zum bestimmt noch schlimmeren Ende zu warten – wäre da nicht Jannai gewesen, die meinen Arm wie ein Schraubstock umklammerte, irgendwie inzwischen neben mich gerutscht, wo sie doch wenige Minuten zuvor noch der sichere Felsen vor mir gewesen war, hinter dem ich mich vor Uhlands Blick verstecken konnte. Kein Entkommen, fürwahr.
Uhland hatte seine Geschichte mit mehr als reichlich ausfallenden, äußerst plastischen Schilderungen versehen, die vielleicht auch schon einem der Älteren gereicht hätten, dass ihm blass um die Nase wurde – oder er gar ebenso zurückgewichen wäre wie wir, wenn Uhland dann plötzlich aus eisiger Stille heraus einen schrecklichen Krach machte, wie bei den Felsen, oder das Knirschen unter den Schuhsohlen -und Tatzen- mimte. Uns Kindern, noch dazu in der ohnehin schon mystischen Stimmung des Tages gefangen, die dadurch nun ins Unheimliche kippte, waren all diese extrem realistischen Beschreibungen, Geräusche und … was er da sonst noch alles gemacht hatte, jedenfalls mehr als genug. – Erst recht, als er uns schließlich sogar ansprang. Wortwörtlich ansprang. Vom kalten Grauen erfasst, brachte Uhlands abschließende bedrohliche Gebärde, mit der er sich urplötzlich von der Bank auf die Versammlung stürzen zu wollen schien, einige der Anwesenden zu abruptem fluchtartigem Aufspringen und Davonstürzen.
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Und ich war folgerichtig so gebannt, dass ich erst ganz zu diesem Schluss – oder zumindest, was ich zuerst dafür hielt. Zu diesem abruptem Aufspringen seitens unseres Ortsbarden, als wir alle -mehr oder minder- zähneklappernd und völlig ausgegraut in unseren sonst gut gebräunten Gesichtern aufsprangen – oder zumindest aufkreischten. Einige einen Moment lang gar wie kopflose Hühner durcheinanderspringend – oder auf der Stelle herumhüpfend in der Not, wie Tantchen vorhin bei der Maus; geschah uns recht. Die restlichen von uns, mich inklusive, waren denke ich einfach nur zu geschockt, um uns überhaupt vom Fleck zu bewegen.
Dass ich also erst am vermeintlichen Ende der ganzen spannenden Geschichte mit ihrer überaus gruseligen Darbietung, als der schreckliche entstellte Geisterbär einen riesigen Satz aus der Dunkelheit auf die Gefährten zumachte, mitten in ihren Kreis hinein; den sie sich so mühselig in den letzten angespannten Momenten um den Krieger herum ertastet hatten, sich Rücken an Rücken um ihn aufstellend, als ob das helfen würde – und sie alle niederzumachen schien…
…. erst dann bemerkte, dass Feréll stocksteif direkt vor Uhland saß.
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Wie ein kleiner, kreidebleicher Ast zu ihm hochstarrend, als hätte Uhlands Blick ihn wie der einer Meh‘dúsa aus seinen Geschichten getroffen und zur Salzsäule -oder einer Steinstatue- erstarren lassen. Aber wie ich schon sagte, ging es mir selbst nicht besser. Ich war selbst an meinen kleinen Flecken Erde gebannt, nunmehr darauf herabgeplumpst. Mich noch in der Hocke halten hatte ich in dem Moment nicht mehr können.
Dankbarerweise bekamen wir so wenigstens das tatsächliche Ende der Geschichte mit, wovon die Anderen erst am nächsten Morgen hören konnten – dass der fürchterliche Bär durch einen Schamanen vertrieben und Uhland mit seiner Gruppe so vor dem sicheren Tod errettet wurde, den sie gerade eben noch vor sich gesehen hatten; verwickelt in einem heldenhaften Kampf auf Leben und Tod mit jenem schrecklichen Bären – den Uhland gerade eben so eindrucksvoll gemimt hatte. Ein Kampf, der seiner darauffolgenden Beschreibung nach eigentlich nur gegen sie ausgehen konnte, so wenig dem Bären die Stiche und Hiebe etwas zu tun schienen. Während Uhland und seine Freunde – so heldenhaft sie auch kämpften, um den gefallenen Freund zu schützen – unter dessen schrecklichen, schweren Hieben und den fürchterlichen Krallen -die scheinbar ganze Fleischbrocken herausrissen, wenn man erwischt wurde; wie Uhland mit widerlichen, matschigen und fetzenden Geräuschen mimte- langsam, aber sicher zerstückelt wurden. Bis der Schamane mit seinem Stock voller gruseliger Knochen klapperte –„an dessen Spitze thronend ein menschlicher Schädel“; der wohl auch mit den Zähnen klapperte „und dabei gar fürchterlich lachte“- und dem Bären damit irgendwie solche Furcht einjagte, dass er es schaffte, ihn zu verscheuchen.
„MAGIE.“ Uhland breitete die Hände in einer auffächernden Geste auseinander.
Was immer ein Schamane auch war. Oder Maa-ghiiiii.
Aber es musste irgendetwas beinahe ebenso Grausiges, Totenschädel-, Kräuter-, Rassel- und Klapperzeug-Schwingendes sein, wie Uhlands Beschreibungen und kleine Hilfsmittel bildhaft hervorriefen; durch die er an den passenden Stellen Klapper- und Rasselgeräusche von sich gab, die in uns den Gedanken an Knochen erweckten, so wie er das erzählte. Passte ja auch zu dem fast schon schrillen iiiiiihhh am Ende.
Was allerdings… nicht unbedingt sehr viel vertrauenserweckender oder gar beruhigender war...
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Was der Schamane danach tat, verriet er uns allerdings in dieser Nacht nicht mehr. Hatte uns wohl schon genug erschreckt. Oder er wollte, dass in unseren Köpfen die bange Frage herumspukte, ob der Schamane die Freunde nun wohl ebenso fressen wollte wie der Bär vorher.
Oder… vielleicht hatte er auch das kleine Kind vor sich endlich bemerkt, dass da gar nicht hätte sitzen sollen. Uhoh. Ich schnappte mir -ebenso eilig wie betreten- mein Brüderlein, um ihn rasch nach Hause zu schleifen.
Das Fehlen jeglichen Schlafes in dieser Nacht hatte Uhland damit jedenfalls bei uns allen meisterhaft bewirkt.
Wir schlichen zittrig und in Grüppchen, um jede Ecke lugend und immer wieder hinter uns schauend, ob auch nichts hinterherkäme, ins Dorf zurück. Auf dem Dorfplatz, wo wir uns zwangsweise aus der Gruppe lösen mussten – wenige Glückliche, deren Katen oder Häuser schon auf dem Weg gelegen hatten, ausgenommen – stoben alle wie auf Kommando auseinander und rannten nach Hause, als gehe es um ihr Leben.
Ich glaube alle unserer Eltern haben in den nächsten drei Wochen noch mal mehr, mal weniger kräftig auf ihn geflucht; denn etwa so lange muss es gedauert haben, bis die Nachtruhe der Kinder -und damit zum Teil auch die ihrer Familien- endlich wieder halbwegs in den Normalzustand überging.
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Bei mir allerdings…
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Explore the English Sneakpeeks
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Die deutsche Version ist schon weiter als die Übersetzung;
da es sich bei ihr um das Original handelt ;)
Wer mag, kann aber natürlich auch mal die (freie) englische Übersetzung testen
(die wiederum, da sie neuer ist, hier und da Updates erhalten hat, die wiederum in der deutschen noch eingefügt werden müssen - das klassische Work in Progress-Problem):
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