Kapitel 3: Lichterfest - Liliana
Die größte der Wühlmäuse schien ziemlich sauer, als wir sie bei Tante Caeda im Wohnraum platzierten...
„Beeil dich“, zischte Jannai – ihres Zeichens Schmieds Tochter und meine beste Freundin.
Ich bin mir nicht sicher, ob das Zischen mir oder Anur galt. Gehört haben wir es glücklicherweise beide. Anur war gerade dabei einen leeren alten Korb -naja, leer, abgesehen von seinem Wühlmausinhalt- auf dem Boden von Tantchens Wohnraum abzustellen, während sich die anderen hastig Verstecke gesucht hatt-
.
Hm? Nein, nicht meine, da bin ich mir ziemlich sicher. Aber Caeda war irgendwie unser aller Tantchen, müsst Ihr wissen. Und das obwohl wir gar nicht alle mit ihr verwandt waren. Eigentlich war sie auch unsere Lieblingstante.
Leider -also, für sie vor allem leider- war sie aber gleichzeitig auch unser Hauptziel für dergleichen Späße – und hatte also immer wieder unter unseren Streichen zu leiden. Dass dem so war, hatte seinen guten Grund: Das Problem war, dass sie sich quasi selbst als Zielscheibe für solche Geselligkeiten auf eine Art und Weise anbot, die es schlichtweg nicht zweimal gab. Und das wahrscheinlich nicht mal, wenn man über Nebelfurth weit hinaus gesucht hätte…
Da war nicht nur ihre übertriebene Angst vor beinahe jeglichem Getier im Haus, das ihr unter die Röcke kriechen könnte, sie war auch in anderen Dingen recht ... kapriziös.
Wenn irgendetwas nicht genau ihren Maßstäben entsprechend zubereitet war – wenn etwa die Suppe nicht genau die ‘korrekte’ Prise Salz enthielt -es gab einige Witze darüber, wie sie wohl die Körnchen abzählte- oder wenn der Kuchen nicht genau soundsolange geknetet worden war -entsprechende Mengen an Zutaten natürlich ebenfalls wieder vorausgesetzt- dann weigerte sie sich die entsprechenden Dinge auch nur anzurühren. Fand die tollsten Gründe dafür, dies oder jenes abzulehnen und meist alles noch einmal neu zu machen. Im Grunde konnte sie so gut wie alles nur noch selbst machen; man konnte sie kaum noch einladen oder ihr irgendetwas zukommen lassen, wenn man sich nicht minutiös an die Vorgaben hielt.
Die gelegentlich auch noch zu wechseln schienen. Allerdings unterliefen solche ‘Fehler’ nicht nur anderen Leuten – sondern auch immer wieder ihr selbst; was dazu führte, dass wir Kinder, zu unserer großen Freude, immer wieder Kuchen und andere Dinge von ihr geschenkt bekamen.
Ihr könnt Euch also langsam denken, warum sie unser aller Lieblingstantchen war, hm?
Und sie war im Grunde so herzlich, freundlich und entschuldigend bei all diesen Dingen -anstatt etwa nörglerisch wie unser Alter Armin- dass man ihr wegen all dem Schmarrn auch nicht wirklich böse sein konnte, sondern sie nur bemitleiden.
Ja, Lorin, sogar die Erwachsenen. Sogar wenn sie deren Freundlichkeiten mal wieder ausschlug mit irgendwelchen Ausreden. Sie war wirklich gut mit Ausreden, weißt du? Und, wie schon gesagt, sehr, sehr freundlich dabei. Also haben die Leute ihr auch weiterhin geholfen und Dinge angeboten, selbst wenn sie meist abgelehnt wurden.
Für uns Kinder aber waren ihre Probleme damals nicht mehr als Absonderlichkeiten, die man zu Späßen ausnutzen konnte. Wir verstanden es noch nicht besser. Jedenfalls nicht mit dem Kopf. Hinter unseren Späßen mag aber im Grunde unseres Herzens durchaus auch so etwas wie ein innerer Trieb gesteckt haben, sie zu kurieren, den diese Dinge bei uns auslösten – wobei all das natürlich nie Erfolg zeitigte.
Wir versuchten es trotzdem fleißig weiter.
.
Wie jetzt gerade wieder mit besagter Maus.
Anur schlich sich also tapfer in die Mitte der Wohnstube, raus auf freies Gelände sozusagen, während die anderen sich in die Ecken und hinter Tante Caedas großen Korb mit Leinenzeug, angefangenem Garn und dergleichen oder ihre Schränke drückten – wir wollten den Spaß schließlich zu sehen kriegen…
.
Würde Tante Caeda heute endlich ihre unvernünftige Angst vor harmlosen Wühlmäusen überwinden? Oder die Wühlmaus zumindest besiegen und erfolgreich mit einem Besen verscheuchen? Oder würde die Wühlmaus, bisheriger Champion dieses Kampfes, mal wieder gewinnen?
Die Wetten liefen.
Um genau zu sein, konnte ich hören, wie Ferrick in meinem Rücken gerade mit Tram -Bertram, pardon-, Bernd und Tay am Tuscheln war, Jannais Warnung zum Trotze, wahrscheinlich genau darüber. Eramond wurde zwar schon mitgeschleppt, sah dem ganzen aber eher nur mit großen Augen zu. Der war noch zu klein, um schon groß mitzureden, genau wie Feréll. Wahrscheinlich verstanden die beiden nicht mal so wirklich, was grad eigentlich los war. Feréll hatte ich mit einem von Tantchens Garnknäueln hinter der Ecke sitzen lassen, während ich mich zur Keksdose schlich und Anur seine Großtat vollbrachte.
. Die Dose war immer gut gefüllt, das wusste ich. Und Feréll zumindest hatte heute ganz bestimmt einen großen Brocken verdient, so brav wie er bisher gewesen war. Wahrscheinlich hätte ich ihm sogar welche zugesteckt, wenn er’s nicht gewesen wäre. Er war ja noch so klein.
Außerdem war er immer schön still, während er an so einem Brocken saugte... und gerade sollte er dringlich still sein. Das Garn würde ihn wohl nicht allzu lange faszinieren.
.
Ich wusste also genau wie Anur, dass ich mich beeilen musste. Es würde nicht ewig dauern, bis unsere gute Caeda, die gerade draußen bei ihren Gebinden war -was immer sie da gerade neu zu stecken hatte oder frisch band- mit ihrem geschäftigen Rumoren fertig war.
Ich fürchte, Ferrick hatte zu diesem Lichterfest auch noch eine seiner grandiosen neuen Fallen aufgestellt, an denen er neuerdings werkelte.
Die sollte wohl als Art Warnmelder dienen, wenn unsere gute Tante wieder hereinkam… oder zumindest kurzzeitige Ablenkung. Damit wir möglichst schnell auseinanderstieben und uns entweder verstecken oder aber wegrennen konnten, versteht sich; sollte uns Entdeckung drohen oder wir gar schon entdeckt worden sein, je nachdem.
Und es war eigentlich sogar eine ziemlich erfolgversprechende Idee für eine Ablenkung – denn übertriebene Reinlichkeit war ein weiterer ihrer für Späße äußerst anfälligen Makel. Wie Ihr euch wahrscheinlich schon denken könnt, sorgten wir manchmal auch schon rein deswegen dafür, dass sie über etwas stolperte oder auf etwas trat, dass dafür sorgte, dass sie sich mit irgendwelchem harmlosen Schmutz bespritzte…
Kurz gesagt, im Grunde waren wir wohl ziemlich gemein zu der armen Tante, die eben ein wenig wirr im Kopf war, voll harmloser Marotten, als wir noch klein waren und es nicht besser wussten.
Und eigentlich hätten wir eine Tracht Prügel wohl mehr als verdient gehabt an diesem Tag. Aber dazu kam es nicht.
.
Und das obwohl ich mal wieder zu doof –oder zu schüchtern– gewesen war Bernd oder Bertram zu bitten, die blöden Kekse zu holen.
Die waren nämlich älter und auch deutlich größer als ich. Was heißt, sie hätten es weitaus leichter gehabt da ranzukommen als ich kleiner Hüpferling.
Stattdessen hatte ich mich redlich gemüht einen Stuhl an den Tisch heranzuschieben – eine Tatsache, über die sich Tantchen nachher prompt wieder aufregen würde, wenn ich ihn nicht wieder exakt dorthin zurückzustellen schaffte, wie er vorher gestanden hatte – hatte mich dann über die wacklig dort herangedrückte Lehne auf den Tisch hochgezogen, mit Ach und Krach, und streckte mich von dort aus nach der Dose auf dem Schrank nebendran.
.
Nur um feststellen zu müssen, dass ich auch so mit meinen zu kurzen Fingerchen nicht weit genug dran kam, um entweder die Dose runterzunehmen – wie auch immer ich die nachher hätte wieder hochkriegen wollen; eigentlich war die Idee damit schon raus, denn zu sehr ärgern wollte ich die arme Tante eigentlich auch nicht, und wir hatten doch schon die Wühlmaus angeschleift… Oder den Deckel zu heben.
An den ich so partout nicht herankam. Verdammte Schnur.
Womit ich natürlich, im übertragenen Sinne, eine gerissene Angelschnur meinte – beziehungsweise vor dem inneren Auge hatte. Das allerdings… brachte mich auf eine Idee.
Ich sah mich hastig um. Tantchen hatte doch immer jede Menge Näh- und Strickzeug herumliegen…. Schließlich war sie Weberin.
Hm? Oh, nein, nein. Du hast völlig. Eine Weberin webt eigentlich Stoffe, aus Wolle oder Pflanzenfasern.
Zu meiner Linken stand auch ihr Webstuhl – aber der… nun, an dem wollte ich mich nun wirklich nicht hochhangeln. Viel zu viel Gefahr, dass dabei etwas richtig kaputtging. Schlimm genug, wenn ich einen ihrer Tontöpfe umgeworfen hätte… Noch so ein Gedanke, den ich hastig wieder verworfen hatte. Mich auf so einen draufzustellen, meine ich. Der wäre sicher unter meinem Gewicht kaputtgegangen. Auch wenn ich so viel noch nicht wog, die kleinen Krüge und Töpfe in meiner Nähe sahen nicht grad sehr… unzerbrechlich aus, wenn Ihr versteht, was ich meine. Und ich war vielleicht ein Hänfling, aber trotzdem keine Feder, hm?
Aber Tante Caeda war nicht nur Weberin, sie war gleichzeitig auch Schneiderin. Macht ja auch Sinn, diese zwei Sachen zu verbinden, oder? Wenn sie das eine schon brauchte, um das andere herstellen zu können… warum es nicht gleich selbst machen? Nicht, dass es ihr an irgendetwas zu mangeln schien, abgesehen vielleicht von gesundem Menschenverstand – ich glaube, sie machte das einfach gerne.
Als Weberin war sie schließlich weitaus gefragter denn als Schneiderin. Die meisten flickten sich, wenn sie konnten, ihre Klamotten bei uns selbst. Die einzigen, die sich gleich ganze Kleider oder Westen und Hosen neu leisten wollten, außer wenn man nicht mehr darum herumkam, das wenige was man hatte, ausgerechnet für sowas eher … nicht gar so Nötiges auszugeben? Das waren die Wirtshausleute, der Händler, vielleicht noch unser Schmied und der Müller – und natürlich der Schulze. Wir hatten also außer Caeda auch keine weitere Schneiderin. Jedenfalls keine im eigentlichen Sinne.
Caeda muss aber mehr als genug Einkommen gehabt haben – sonst hätten wir wohl kaum so oft Kuchen und Kekse bei ihr gefunden. Oder dieses Sammelsurium an … allem möglichen Zeug, was sie hier angesammelt hatte. Sie hatte sogar bemalte Tonsachen. So dünne, hübsche, nicht nur so ganz stabile dickwandige.
.
Also ja… kein Hochsteigen auf irgendein Tonzeug.
Stattdessen fischte ich nach einem der groben Fäden, die sie gesponnen hatte. Was nicht allzu schwierig war, da ich schnell auf einer Ecke meines aktuellen Höhenvorteils -natürlich fein säuberlich auf einen Stock gedreht und akkurat sortiert- gleich mehrere davon fand.
Ich schnappte mir einen, der mir besonders fest erschien – und machte mir eine Schlinge daraus. Ich brauchte mehrere, konzentriert die Lippen leckende Anläufe, um sie endlich -kleiner gemacht- so um die Dose herum fallen zu lassen, dass sie auf deren bauchiger Wölbung dann auch zu ruhen kam und nicht einfach wieder runterfiel. Oder gleich die Dose verfehlte. Aber – ich schaffte es. Zog daran und…
.
KLIRR.
Verfehlte beim Auffangen. Shit.
.
Ich musste nicht das verstörte Rascheln ihrer Röcke draußen hören, damit mir klar war, dass Tantchen das gehört haben musste.
Die Kekse beinahe -aber nur beinahe- vergessend, hüpfte ich hastig vom Tisch herunter, mir meiner Schuld nur allzu bewusst. Verflixte Krebse. Ich hatte doch nichts kaputt machen wollen! Ich griff mir hastig wenigstens ein paar der nun herumkullernden Kekse, die heruntergefallen waren. Nicht dass ich auch noch vergessen hätte, Feréll seinen Keks zu bringen.
Und mir selbst gleich mit. Wenn es schon Prügel setzte, dann wollte ich wenigstens etwas dafür gehabt haben. Ich stopfte mir hastig welche in den Mund, soviel in meine Backen passte, während ich in meiner Verzweiflung hinter den Webstuhl flitzte, das nächstbeste Versteck, das ich in der Eile finden konnte. Kein besonders gutes, wohlgemerkt. Tantchen hatte zwar ein neues Gewebe begonnen, aber… es gab immer noch genug Lücken, dass sie mich sicher dahinter bemerkt hätte.
Wenn sie nicht in dem Moment so völlig abgelenkt davon gewesen wäre, dass sie zuerst über Ferricks Schnur -die Dreckschleuder allerdings versagte- und dadurch auch noch über den quasi-leeren Korb stolperte, den Anur dort abgestellt hatte.
Der zumindest hatte es offenbar geschafft, sich rechtzeitig zu verdrücken; vielleicht sogar noch ehe ich solchen Radau gemacht hatte.
Tantchens füllige Haarpracht, durch eine Vielzahl an Nadeln hochgesteckt und unter Kontrolle gehalten, wurde durch ihr Stolpern ordentlich in Unordnung versetzt – denn ihre Locken blieben dabei an einem ihrer eigenen Gebinde hängen, das am Eingang hing. Sodass ihre Hände erst einmal entsetzt zu ihrem Schopf hochfuhren, um hastig für Ordnung zu sorgen – anstatt, was eher mein Reflex -und wohl auch der vieler anderer- gewesen wäre, sie Richtung Boden auszustrecken, in der Erwartung eines Falls.
Aber Tantchen war auch ein viel besserer Stolperer als ich. Zumindest blieb also ihr schönes Kastanienbraun -zu dem Zeitpunkt noch frei von jeglichen grauen Strähnen- von dem dunklen Erddreck verschont, den die Schleuder eigentlich hätte werfen sollen. War vielleicht besser so.
Der Rest der Falle -oder besser gesagt, die eigentliche Falle- aber war perfekt gestellt. Tantchen stieß, wie von vielen schon gespannt erwartet, bei ihrem Stolpern den Deckel vom Korb – und heraus sprang die wütende Wühlmaus.
Tantchen machte einen RIESIGEN Satz.
Und begann dann auf der Stelle herumzuhüpfen; hastig ein Bein nach dem anderen hochziehend, weil sie eigentlich mit keinem davon unten auf dem Boden sein wollte, wo die ENTSETZLICHE Maus lauerte, dass es eine wahnsinnige Freude war.
Naja, für ihre kleinen Zuschauer jedenfalls. Die arme Tante Caeda aber war so in Panik und machte einen solchen Terz, dass sie wohl nicht einmal das Kinderkichern mitbekam, das prompt von mehreren Ecken der guten Stube kam, wo jemand nicht an sich halten konnte.
Nicht einmal das:
„Psst.“
Ein scharfes Zischen, das in Tantchens schrillem Kreischen unterging.
„Psst. Lili.“
Ohoh. Tay, du Verräter, du kannst doch nicht- Oh. Oh nein.
Tay winkte nicht zu mir herüber und rief meinen Namen, weil er zu blöd gewesen wäre als daran zu denken, dass die gute Tante dann womöglich mich als den Übeltäter ausmachte – und auf die zerbrochene Keksdose aufmerksam wurde, neben ihrem ganzen Gehüpse, was nur noch schlimmere Folgen haben konnte. Oder gar weil er mich wirklich hätte ausliefern wollen. Sowas würde Tay nie tun. Ich hätte es besser wissen müssen.
Nein, Tay winkte Richtung Tisch, von dem ich heruntergesprungen war, weil – mein kleines Brüderlein dort gerade auf mich zukrabbelte, das ganze Maus-Drama völlig missachtend.
.
.
.
Explore the English Sneakpeeks
.
Die deutsche Version ist schon weiter als die Übersetzung;
da es sich bei ihr um das Original handelt ;)
Wer mag, kann aber natürlich auch mal die (freie) englische Übersetzung testen
(die wiederum, da sie neuer ist, hier und da Updates erhalten hat, die wiederum in der deutschen noch eingefügt werden müssen - das klassische Work in Progress-Problem):
.


