Kapitel 14: Liliana - Kraftprobe
Oder: Warum man bei diesem spezifischen Jäger besser eine gehörige Portion Nerven mitbringen sollte.
Das Nächste, was er mich lehrte, war Frustrationstoleranz.
Das und er schulte meine Ausdauer, Konzentration, Balance und Kraft. Alles auf einmal.
Naja. Rückwirkend betrachtet, glaube ich nicht einmal, dass diese Übungen überhaupt auf „Frustrationstoleranz“ –damals für mich nur ein Gefühl, noch kein Wort– ausgelegt waren. Wenn überhaupt, gehört das zum vorherigen Abschnitt. Ich denke, anfangs war ihm wohl mehr daran gelegen, mein Maß zu nehmen; meine Grenzen auszuloten, um überhaupt einen angemessenen, darauf abgestimmten Trainingsplan aufstellen zu können.
Inklusive der Beantwortung der Frage, auf welche Methoden ich am besten ansprach, wenn es um Ansporn ging. Es war wohl kaum seine Schuld, dass ich so unglücklich veranlagt war. Meine dämliche Tendenz dazu, ausgerechnet auf die für mich unangenehmeren Umstände besser zu reagieren als auf Freundlichkeit war, glaube ich, … sagen wir mal, eine ganz eigene Herausforderung. Ich für meinen Teil kann ihm -im Nachgang- nicht verübeln, dass er nahm, was funktionierte. Er hätte mich erst einmal komplett umerziehen müssen, um andersherum irgendetwas zu erreichen; und der Erfolg eines solchen Unternehmens… wäre noch dazu fragwürdig gewesen.
Selbst heute noch fällt es mir leichter, ein Ziel zu erreichen, wenn ich nicht auf den letzten Metern ‚den heimischen Stall schon rieche‘. Was nur zum Zusammenklappen kurz vor der Zielmarkierung verführt. Soll heißen, indem ich ein Ziel weiter setze als ich eigentlich muss, erreiche ich sicherer das, was ich eigentlich will. Klingt blöd, ist aber einfach so. Bei mir jedenfalls. Heute weiß ich, dass es bei anderen Leuten auch anders sein kann. Da mir aber Wut Kraft und Energie gibt… ist es nicht gerade die schlechteste Methode, mich zu nerven, um mich anzuspornen.
Solange man mit der logischerweise fauchigen Reaktion leben kann.
Natürlich habe ich ihn deftig dafür verflucht, ehe ich begriff, was er da tat.
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Ich sah anfangs noch nicht einmal viel Sinn in der Art Übungen, die er hierbei von mir verlangte. Manche davon fanden nicht mal im Wald statt, sondern direkt an seiner Hütte oder am –beziehungsweise im– See. Zuerst dem Teich hinter der Hütte, dann dem Nebelsee. Ich begriff nicht einmal in Bezug auf die Übungen, die primär meine Kraft aufbauen sollten, wozu sie wirklich gedacht waren. Ich hielt sie vielmehr für reine Schikane. Für einen Test oder gar, schlimmer noch, einen Trick, im Versuch mich loszuwerden. Und er fand auch noch ständig neue Übungen, die genau das erreichten.
Seinen intendierten Sammelzweck, natürlich; nicht die von mir interpretierte Schikane. Was mir schon ziemlich viel darüber hätte sagen können, was für eine Art Person er war. Ebenso wie die Art, wie er damit umging, wenn ich etwas falsch machte, eine Aufgabe nicht lösen könnte oder seine Aufforderungen fehlverstand — bewusst oder unbewusst.
Aber ich war viel zu sehr beschäftigt damit, mich nicht lächerlich zu machen.
Außerdem war ich kaum mehr als eine Handvoll Jahre alt. Und ich meine das im wörtlichen Sinne. Eine, nicht zwei. Fünf Finger und so? Was will man da erwarten?
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Das Erste, was er jetzt von mir wollte, war Bahnen durch den Teich ein Stück weit hinter dem Haus zu ziehen – meine leichteste Übung. Im Vergleich zu meinen Spielgefährten war ich schon früh ein schneller Schwimmer -und vor allem Taucher- gewesen. Für mich war es mehr als nur ein Teil des natürlichen Lebens am Nebelsee. Es machte mir schlichtweg Spaß. Und noch dazu war es eine Möglichkeit ein kleines Weilchen lang allem zu entkommen, was oberhalb der Wasseroberfläche wartete…
Abtauchen in den See hieß Abtauchen in eine gänzlich andere, viel ruhigere Welt. In Stille und Schwaden schillernden Golds und Silbers, die in sanften, gewellten Formen über mir und an mir vorbei ihre Bahnen zogen. In die sanfte Umarmung von Berührungen auf meiner Haut, die so anders waren als alles, was ich bis zum Wasser je erfahren hatte. Naja, wenn man vielleicht einmal vom Kuscheln mit Ommá absah. Aber das war schon viel zu früh immer weniger geworden, je öfter und länger sie schlief – und schließlich war es mit ihr… fort. Im Wasser fand ich ein kleines Stückchen davon wieder.
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Und noch so viel mehr. Unter den sanften Schwingungen der fast schon glatten Oberfläche des Nebelsees -wenn da nicht die Fische und Boote und gelegentliche freiwillige wie unfreiwillige Schwimmer gewesen wären, die Kräuselungen verursachten, die sich meilenweit über diese spiegelnde Oberfläche ausbreiten konnten- verbargen sich ungeahnte Schätze. Bunte Schnecken. Unbekannte Pflanzen. Merkwürdige Steinstücke, die fast schon an uralte Ornamente erinnerten. Sogar das ein oder andere Stück altes, moosbewachsenes Metall, bei dem man alle möglichen Überlegungen anstellen konnte, was es einmal gewesen sein mochte. Neben natürlich auch mundaneren Sachen wie dem ein oder anderen Strumpf oder Schuh, den jemand zu großem Ärger verloren haben musste, oder zerbrochenen Überresten von Essgeschirr, Wurzelstücken… die kleinen Fischchen, die zwischen letzteren und den sie umwachsenden Pflanzen herumflitzten, waren besonders toll. Sie waren das Schnellste, was dieser langsam atmende See überhaupt besaß, neben den gelegentlich hindurchschnellenden kleinen Wasserschlangen und Aalen. Aber die waren meist auch eher gemütlich. Schnell wurden sie nur, wenn man sie aufschreckte. Alles andere da unten schlummerte in tiefer Ruhe und zog nur langsam seine stillen Bahnen.
Die großen Nebeltränen kamen manchmal so nahe, dass man sie fast mit der Hand berühren konnte; ihre Schuppen glänzend und schillernd im zunehmend fahleren Licht wie es kein Metall tat, dass ich je gesehen hatte. Zugegeben, ich hatte noch nicht besonders viel davon gesehen, aber… Die Tiere waren einfach faszinierend. Es tat mir fast schon leid, dass wir sie aßen. Aber von irgendetwas mussten wir ja auch leben, oder? Und irgendwann würden sie uns zu fressen bekommen. Wenn auch nur als Flöckchen. Ob die anderen Flöckchen, die hier unten manchmal wie Staub im frühen Sonnenlicht tanzten und sanft schimmerten, wohl sowas wie die Geister von Verstorbenen waren? Ab und zu schnappte einer der Fische oder Krebse nach ihnen. Also waren es vielleicht doch eher normale Flöckchen, die für sie Futter waren. Vielleicht sogar Pflanzenzreste? Ich hatte keine Ahnung, wie das im See mit den Pflanzen funktionierte. Die oben auf der Erde ließen schließlich auch immer mal wieder Blätter fallen, vergingen und wuchsen neu. Hier unten? Hm. Ich konnte endlos darüber Geschichten spinnen, was sich hier unten zutrug, wenn keiner von uns zusah. Oder dort, wo nie einer von uns hinkommen würde. Die reine Größe des Nebelsees machte es schon möglich.
Für die schon etwas weiter Gereisten unter Euch sollte ich hier vielleicht kurz vorgreifen, um zu erklären: Wenn ich hier von ‚See‘ spreche… dann müsst Ihr Euch das eher im Sinne von ‚die See‘ vorstellen, nicht ein See. Der Nebelsee war eher an ein Inlandsmeer denn sonst etwas; er reichte vom einen Ende des Horizonts bis zum nächsten, ohne dass man bei uns an unserem Ufer auch nur eines seiner Enden hätte sehen können. Von unserem eigenen Ufer natürlich abgesehen. Ich hatte nur lange Zeit keine Ahnung davon, was ein ‚Meer‘ ist; geschweige denn von diesen Unterschieden, die für andere Leute so selbstverständlich… anders sind. Von klein auf hatte es immer ‚Nebelsee‘ geheißen. Also war das, was ich mir unter See vorstellte.
Und was ich als Teich wahrnahm… nun, Ihr könnt Euch sicher leicht denken, dass ein ‚Teich‘ für mich das war, was Ihr vielleicht einen ‚See‘ nennt. Und ein Teich ein Tümpel.
Wenn ich also von dem ‚Fischteich‘ spreche, der eine gute Weile hinter der Hütte im Wald versteckt lag, dann denkt bitte an einen größeren See und nicht an einen wirklichen kleinen Teich. Es war ein echter See. Nur meine Wahrnehmung war mal wieder verschoben.
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Als Sintram mich also dazu aufforderte, dass ich so schnell wie möglich von einem zum anderen Ende des Fischteichs schwimmen solle und mir dazu Markierungen vorgab, an denen ich nach links oder rechts eine Kurve schwimmen sollte, da war ich also der vollen Erwartung, dass ich seine Vorgaben übererfüllen würde. Ich war unter meinen Freunden mit eine der schnellsten und tauchen konnte ich weiter als jeder andere – was definitiv ein Vorteil war, denn aus irgendeinem Grund kommt es mir immer so vor, dass Schwimmen voll im Wasser deutlich müheloser geht, als wenn man dabei die ganze Zeit gegen die Trennlinie zwischen Wasser und Luft ankämpft.
Ich fackelte also nicht lange, sondern riss mir mit Feuereifer die Kleider vom Leib, um so schnell ich konnte in den Teich zu springen, Kopf voraus. In der vollen Erwartung, dass ich dort schnell die Kälte los würde -es war Spätherbst und schon ordentlich frisch- die einen ohne die passende Bekleidung im herbstlichen Pfeifewind schnell plagte, der zwischen die Bäume fuhr und selbst tief im Wald herumsauste wie der Sturmvorbote, der er war. Ich kannte ja nur unseren Nebelsee, als Vergleich was stehende Gewässer anging.
Ich hätte besser an den Fluss beim Müller gedacht, der tagein, tagaus die Mühle aus der Ferne so laut klappern ließ, dass man sie noch im Dorf hörte.
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FUCK!!!
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VerbrutzelteEier, war das kalt! Dieser einäugige Halunke, dieser miese Magier! Mir nicht zu sagen, dass dieser harmlos aussehende Fischteich FLUSSWASSER enthielt und nicht Seewasser! Diese Arschgeige! Dieser teufelsheimgesuchte, abscheuliche, teerlebrige, kranke Aaswolf! Verfluchtes Fallenwasser, sieben-zwölfig verdammtes!
Meine erste Tat des Tages bestand nicht darin, wie üblich vorwärts zu schießen, wie die kleinen, schmeichelweichen Wasserschlangen, die sich manchmal streicheln ließen – und in den Fällen, in denen sie es nicht taten, sondern sich erschraken und davonzischten, hierfür mein Vorbild waren. Sondern erst einmal prustend und spotzend und unter promptem Zähneklappern zu fluchen wie ein Rohrspatz. Ich wäre beinahe in Schockstarre verfallen, vermaledeiter Hundesohn! Mich nicht vorzuwarnen, dieser, dieser…!
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. „Schwimm.“ Eine winzige Pause. Dann in einem sehr, sehr trockenen Tonfall:
„Du solltest da wirklich nicht einfach auf der Stelle treiben, das ist ungesund.“
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Oh, dieses…! Ich könnte ihn erwürgen, diesen—!
Mit einer weiteren innerlichen Fluchkaskade tauchte ich wieder ab und stieß mich hastig an einem Stein ab. Als ob ich nicht selbst wüsste, dass Bewegung das Beste gegen diese verfluchte Kälte war. Aber wer erwartete denn sowas? Unser See war immer eine warme Brühe. Der war im Winter besser als jedes sich-am-Feuer-wärmen. Das hier? Das hier war ja wohl-!
Ich wich im letzten Moment dem tieferen Schatten aus, der plötzlich aus der trüben Suppe aufragte, die sich vor mir erstreckte. Henkerswerk, dieser Teich war schlimmer als… als… mir fiel kein Vergleich ein. Das Drecksding war auch noch von Schlamm und aufgewirbelten Erdschwaden und Algen beherrscht, sodass man kaum eine Hand weit voraussehen konnte. Wie sollte man so durch das Wasser schnellen? Und dann auch noch diese unvorhersehbaren Brocken im Weg. Wer in aller Welt hatte solche Felsen in diesen Teich geworfen? Wer tat denn sowas?
Ich nahm mir zwangsweise die Zeit mich trotz der Kälte und des oben sicher wütenden Jägers kurz neu zu orientieren. So zu schwimmen war ein Fall für Leute mit Todeswünschen. Für sich selbst, nicht andere. Ich schloss die Augen und konzentrierte mich auf meinen Tastsinn. Mein einziger Helfer hier, das Einzige, was mich vor den unvorhersehbaren Hindernissen warnen konnte, waren die Strömungen und die Verwirbelungen darin. Wenigstens gab es genug Karpfen, die gemütlich herumdümpelten, wenn auch schon träge und nahe der Winterstarre vor Kälte. Noch schliefen sie nicht. Es gab Wellen.
Ich packte den Felsen, der mir beinahe eine blutige Nase -oder vielleicht auch eher Stirn- verpasst hätte; zog mich an ihm vorbei und neu in Position, um mich wieder mit den Füßen abzustoßen. Zum Müller nochmal, das würde dem Jäger so passen, wenn er mich selbst bei einer meiner besten Eigenschaften zum Stolpern brachte! Der wollte mich echt loswerden, mit diesen ständigen ‚netten Überraschungen‘ bei seinen Prüfungen, oder? Ich begann Überraschungen langsam aber sicher echt zu hassen.
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Natürlich wurde meine erste Strecke entsprechend langsam, trotz Kälte und des wartenden Jägers, der es offenkundig ausgerechnet auf Zeit abgesehen hatte. Ich hatte keine Wahl. Ich musste mich mit diesem hexenverfluchten Teich vertraut machen. Und das hieß auch mehrfach extra auftauchen, um mich zu orientieren; weil ich herausfinden musste, wo seine Markierungen versteckt waren, die ich unter Wasser in dieser schrecklichen Suppe nicht von anderen Hindernissen unterscheiden konnte.
. Sintrams Kommentar fiel entsprechend vernichtend aus, als ich endlich auf der anderen Seite ankam, wo er natürlich längst hingelaufen war.
„Du bist kein besonders guter Schwimmer, oder? Zurück.“
Ich war nahe dran, ihm eine sehr, sehr rüde Geste entgegenzuwerfen. Aber er hatte nicht gesagt, dass ich nach einer Einzelstrecke aufhören durfte; und wenn das nicht gereicht hätte, war das letzte Wort ausnahmsweise mal eindeutig. Also hatte ich noch eine Chance aufzuholen – und die wurde nicht besser, indem ich weitere Zeit verschwendete. Egal auf was.
Folgerichtig warf ich ihm nur einen funkelnden Blick zu und stieß mich wortlos vor seinen Füßen am Ufer wieder ab, um weiterzumachen. Dem würde ich zeigen, wer hier langsam war!
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Ebenso natürlich stand er wieder auf der anderen Seite, als ich dort ankam; dieses Mal bei weitem schneller als beim ersten Mal, jetzt wo ich wusste, wo meine möglichen Routen verliefen. Ich hatte zwar noch nicht das Gefühl, die optimale gefunden zu haben, aber… ich wusste, dass ich schneller gewesen war. Bedeutend schneller. Den Jäger schien das wenig zu beeindrucken.
Er neigte nur ganz leicht den Kopf zur Seite, wie ein vage neugieriger -vielleicht auch einfach kritischer- Vogel, und ließ mir nicht mehr zukommen als ein: „Nochmal.“ Zusammen mit einem Nicken in Richtung des gegenüberliegenden Ufers, wo ich hergekommen war.
Wenigstens sorgte meine Wut dafür, dass ich massig Energie hatte – und meine Geschwindigkeit wiederum dafür, dass ich die Kälte nicht mehr so spürte, die mir eigentlich längst in den Knochen sitzen sollte. Das hier war zwar glücklicherweise noch kein Eisbaden, aber… angenehm ist anders.
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Geschlagene fünf Runden später -hin und zurück jeweils-, als ich schon ein bisschen aus der Puste war, weil ich mich so sehr beeilt hatte, bekam ich das nächste Mal einen längeren Kommentar als nur einsilbige Worte, die mich weitermachen hießen. Worte, die mich innerlich brodeln und äußerlich zischen ließen, während er mich fast schon bösartig angrinste, als ich kurz nach Luft schnappte und fragend hochsah, ob das wohl genug Runden waren.
. „Ich frage mich wie man direkt neben einem riesigen See wohnen und dabei ein so schlechter Schwimmer bleiben kann.“
Dass mich doch Set hole! Ich war kein schlechter Schwimmer. Aber sowas von nicht. Bei dem hatte doch wohl längst der Krebs die Reusen zerschnitten! Ich hatte hier Rekordzeiten hingelegt, unter erschwerten Bedingungen, bei denen ich all meine Freunde längst hinter mir gelassen hätte, erst recht nach fünf Runden hiervon – und das war der Dank dafür?! Ich verdoppelte meine Anstrengungen. Den würde ich das Fischen lehren, diesen Banausen! Ich mochte vielleicht von seinem Handwerk nicht viel Ahnung haben, aber vom Wasser?! Ich ließ jede Vorsicht fahren und zischte so schnell ich konnte auf die andere Seite. Wollten doch mal sehen, ob er darauf eingestellt war und im Spazieren drumherum so schnell war wie ich auf gerader Strecke. Hah. Dessen Gesicht wollte ich sehen, wenn ich vor ihm auf der anderen Seite ankam. Inzwischen hatte ich die meiner Meinung nach beste Strecke gefunden; auch wenn sie an zwei Stellen seine Markierung gerade eben so noch beachtete. Bei einer war es fast schon schummeln. Aber ich bog um sie herum… das musste gelten. Bisher hatte er jedenfalls auch nichts dagegen gesagt.
Dieses Mal striff ich so haarscharf an dem Ding vorbei, dass ich es dabei ins Wegdriften brachte – und mir selbst eine ordentliche Schramme zuzog. Interessierte mich in dem Moment aber nicht die Bohne. Auch nicht, dass ich mir an einem der Steine in meiner Eile den Zeh anschlug.
Um genau zu sein, ging ich ein Risiko ein, dass ich unter anderen Umständen niemals eingegangen wäre – ich sauste blind durchs Wasser, mich völlig auf mein Gefühl verlassend, wann ich einen Schwenk einlegen musste, um nicht auf einen der unsichtbaren Felsen in der dunklen Brühe zu prallen; mich einen Dreck darum scherend, dass mir Algen und wohl auch alles Mögliche andere Unappetitliche ins Gesicht schlugen. Von anderen Körperstellen ganz zu schweigen.
Dafür hatte ich gerade aber weder Zeit noch Gedanken. Ausnahmsweise war mein bewusstes Denken mal abgestellt. Sonst hätte ich mich wohl nicht getraut, das hier zu tun. Viel zu gefährlich. Wenn ich hier unter Wasser hängenblieb und bewusstlos wurde, weil ich mit voller Wucht auf einen dieser spitzen Brocken traf? Woher hätte der Jäger mich überhaupt rechtzeitig finden sollen, ehe mir die Luft ausging, die einem bei so einem Aufprall typischerweise auch noch im Reflex aus dem Brustkorb geschlagen wurde? Ich war gut, aber nicht so gut, was das Luftanhalten anging. Soll heißen, ich konnte ziemlich lange am Stück tauchen, aber… mein Atem war definitiv nicht endlos.
Doch ich dachte nicht mehr nach. Ich war nur noch von einem besessen: Ich wollte dass diesem erbsenzählenden, abergläubischen Totenverehrer seine Worte im Hals stecken blieben. Und ich hätte schwören können, dass ich nicht ein einziges Mal zum Luftholen auftauchte, nicht einmal kurz. Ich war so schnell wie ich noch nie zuvor geschwommen war. Nicht mal im Rennen mit den Anderen.
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… Okay. Okay. Erst recht nicht im Rennen mit den Anderen…
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Ich war so sehr nur noch auf Geschwindigkeit konzentriert, dass ich am Ende auf das Ufer hinaufgeschossen sein muss. Jedenfalls fand ich mich dort vornübergebeugt, zitternd auf meine Vorderarme aufgestützt und keuchend wieder -mit Algen in meinem Haar, Moos und Schlamm am Körper und noch anderen Dingen, die von mir herabtropften- nicht so ganz wissend, wie ich eigentlich dorthin gekommen war. Einen Moment lang jubelte ich jedoch innerlich nur. Da waren keine Stiefel in Sicht! Ich hatte- Der Kies neben mir knirschte leise. Ich hatte…
Ich hatte die Stelle verfehlt, wo er gestanden hatte?
Ich war zu erschöpft für einen Aufschrei; hatte ich doch schon den verfehlten Jubel vor lauter Ringen um Luft nicht herausgebracht. War wohl besser so. Ich war eine beschissene Nulpe und würde sie bleiben. Er war schon wieder schneller gewesen. Obwohl er eine deutlich weitere Strecke gehabt hatte, so um den Teich außen herum als einfach mittendurch.
Meine Finger krallten sich krampfhaft in den harten Kies, bis meine Knöchel sich anfühlten, als ob sie gleich aus der Haut hervorbrechen würden. Ich hätte schreien können – und am liebsten das ganze Ufer von mir geworfen statt nur irgendeinen Stein davongekickt. Wenn ich nur die Kraft dazu gehabt hätte. Ich hatte kaum genug übrig, um auch nur meinen zitternden Körper nicht einfach auf den Kies und in den Schlamm fallen zu lassen. Was hätte das auch noch viel geändert? Ich sah selbst sicher kaum besser aus als der aufgewühlte Dreck.
Aber wenigstens die Genugtuung wollte ich ihm nicht geben. Verdammter. Arsch. Aber den Worten fehlte selbst in meinen Gedanken die Kraft. Ich wusste, wann ich verloren hatte.
Die Runde ging schon wieder an ihn.
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Immer noch schwer darum ringend, meinen Atem wieder unter Kontrolle zu bekommen, mühte ich mich doch, wenigstens wieder auf die Beine zu kommen und die kläglichen Reste meines Stolzes zusammenzukehren, ehe er—
. “Erstaunlich.“ Die Worte kamen in einem merkwürdigen Tonfall und gingen mit einem unergründlichen Blick aus zu hellen Augen einher. Für einen winzigen Moment richtete etwas in mir die Ohrenspitzen auf und füllte meinen Magen mit erwartungsvoller Leichtigkeit.
. Dann sprach er weiter, wieder im selben sarkastischen Ton wie vorher, während er sich schon auf dem Stiefelabsatz umdrehte. „Du kannst ja doch, wenn du willst.“
Der Aufwind in mir zerbarst und mir war als würde ich stattdessen mit Steinen gefüllt. Na toll.
. „Wasch dir den Dreck ab“, sein Arm machte eine Bewegung hin zum deutlich saubereren Bach hinüber, der sich ein gutes Dutzend Meter weiter durch den Wald schlängelte, „rubbel dich gut ab, lauf ein paar Runden um wieder warm zu werden“ -haHA; als ob ich noch in einem Zustand wäre um zu rennen…- „und dann mach Pause.“
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Nach dem freundlichen Training war ich fast schon geschockt, dass er mir kommentarlos ein Fell zuwarf, um mich darin einzuwickeln, und tatsächlich etwas zu essen -nebst Wasserschlauch- bereitgelegt hatte, als ich vom Bach wiederkam. Und dem Gehen natürlich. Betonung auf Letzterem. Ich war zu fertig, um mich auch nur in Trab zu versetzen. Aber ich hatte nicht gewagt, mich seiner Anweisung zu widersetzen und wiederzukommen, ehe ich zumindest eine Weile herumgeschritten war und dabei mit den Armen gerudert hatte, protestierenden Muskeln und Schwäche in den Beinen zum Trotze.
Ich war unglaublich froh, als ich mich endlich hinsetzen konnte. Wenn Sintram nicht danebengesessen hätte… Frei von jedweder Verschwendung wie er war auch noch den letzten breiigen Teig auf den Steinen, die er heißgemacht hatte, zu Fladenbroten verarbeitend, ehe er sich auch selbst eines nahm. Samt etwas von dem geräucherten Fleisch dazu, welches er darin einwickelte, ehe er herzhaft hineinbiss.
Bis dahin hatte ich längst zwei von den drei gefüllten Broten verdrückt, die er -einer offensichtlichen Anzeige mit seiner Hand nach, wo ich mich hinsetzen sollte- tatsächlich für mich hingelegt hatte. Ein leises Seufzen wollte sich meiner Brust entringen; auch wenn ich es hastig abwürgte. Ich mochte hassen, wie er während seiner ‚Trainingseinheiten‘ und ‚Übungen‘ und der ganzen Tests war, aber… ich hatte noch nie in meinem ganzen bisherigen Leben so gut gegessen wie bei ihm. Von den vielen kuscheligen Fellen, die er mir überließ, ganz zu schweigen. Oder dem ständig brennenden Feuer in seiner fast rauchfreien Feuerstelle, das die Hütte kuschelig warm aufheizte, wann immer wir dort waren.
Der Jäger hackte immer wieder Holz; fast als gehöre es zu den täglichen kleinen Übungen dazu – kein Wunder, dass der Stapel an der Hütte größer war als wir je verbrauchen konnten. Das erste Jahr bei ihm war das erste, an das ich mich erinnern konnte, in dem ich -außerhalb der Übungen- nicht einmal im Winter fror. Daheim hatte ich immer auf die Finger bekommen, wenn ich einmal nicht aufpasste und zuviel Holz nachlegte.
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Und wenn er einfach nur so still neben mir saß… irgendetwas daran erweckte den Eindruck von… Mir fehlte das Wort dafür. Es ging in die Richtung von Freundlichkeit. Freundschaft? Jedes Mal waren der Spott und die harten Worte und Handlungen von zuvor wie weggeblasen. Er war plötzlich wieder… nett.
So nett wie ich ihn mir anfangs vorgestellt hatte. Ich konnte das Gefühl einfach nicht loswerden, dass das hier ein echteres Gesicht war, als was er mir vorhin am Wasser gezeigt hatte. Merkwürdig. Bei ihm schien es genau umgekehrt. Seine Stimme konnte lügen – selbst sein Gesicht und auch sein ganzer Körper. Aber der Rest von ihm sagte die Wahrheit.
So schien es mir.
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Bis zur nächsten Übung. Dann war ich mich plötzlich wieder nicht so sicher…
Die nächsten ‚Einheiten‘ jedenfalls waren nicht viel besser.
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Explore the English Sneakpeeks
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Die deutsche Version ist schon weiter als die Übersetzung;
da es sich bei ihr um das Original handelt ;)
Wer mag, kann aber natürlich auch mal die (freie) englische Übersetzung testen
(die wiederum, da sie neuer ist, hier und da Updates erhalten hat, die wiederum in der deutschen noch eingefügt werden müssen - das klassische Work in Progress-Problem):
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