Kapitel 13: Sìntram – Warnung vor dem Kinde
Warum der Jäger mit dem Kind in die Wildnis zog oder: Von Hexen und merkwürdigen Drohungen
Sintram hielt im Schüren des Feuers inne, als ein merkwürdiger Wind aufkam. Ein Wind, der kein Wind war. Ein Wind, der so leise dahinrauschte, dass er kaum vernehmbar war, selbst für seine scharfen Ohren und doch…
Corbinius.
… zu flüstern, Worte zu bilden schien. Um genau zu sein, nur ein einziges. Einen Namen.
Er richtete sich abrupt auf, die Ohren gespitzt wie ein Wolf. War…? Nein. Er erstickte den Gedanken im Keim. Der Alte hätte ihn niemals so genannt und sie – sie hätte ihn niemals so gerufen. Das verbot allein schon ihr Glaube. Und trotz allem, was geschehen war, hatte sie diesen niemals abgelegt; das wusste er. Sie hätte einen Namen niemals so leichtfertig behandelt. Selbst Alberich – der Müller mochte solche Dinge vielleicht manchmal sehr bewusst und gezielt einsetzen. Benutzen. Aber nicht in dieser Form. Und es wäre fragwürdig gewesen, ob er je irgendetwas derart breit gestreut hätte. Fast schon ungezielt, freigiebig verteilt. Nein. Das passte zu keinem von ihnen. Es gab nur eine Person in der Gegend, die derart respektlos mit solchen Dingen umgehen würde. Dankrun.
Er vergewisserte sich, dass die Kleine tatsächlich tief und fest schlief, nahm in vertrauter Handbewegung seine Dolche vom Haken und schloss lautlos die Tür hinter sich; eine Handvoll kleiner, trockener Zweige verstreuend, die genug Krach machen würden, wenn jemand oder etwas darauf trat, dass selbst das kleine Wesen, das in seiner Obhut eingeschlafen nun so friedlich dort drin schlummerte, aufwachen sollte.
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„Was willst du?“ Er war ihr nicht feindlich gesinnt, aber er sah auch keinen Grund für falsche Höflichkeit. Erst recht nicht bei unerbetenen Stelldicheins zu nachtschlafenden Zeiten. Was sollte diese Heimlichtuerei? Konnte sie nicht wie ein normaler Mensch am Tage klopfen? Es ist Dankrun. Was hast du erwartet?
Sie kicherte nur leise – und auf eine kokette Weise, die absolut nicht zu dem Körper passen wollte, der da vor ihm stand. Eine bodenständige no-nonsense-Frau in mittleren Jahren. Hübsch zwar, aber… nicht auf die Art.
„Höflich wie immer, mein guter Herr General, wie?“ Für dich immer noch Hochgeneral, Fräulein.
Sie knickste. Formvollendet. Jeder Dörfler hätte sich verwundert die Augen gerieben, hätte er sie so gesehen – und sich sicherlich gefragt, was sie ihm wohl gegeben hatte, dass er derart halluzinierte.
Sintram wusste es natürlich besser. Und er hatte nicht vor, seine Frage zu wiederholen oder hier Spielchen zu spielen. Er machte auf dem Absatz kehrt, wortlos.
Eine sanfte Hand legte sich auf seine Schulter.
„Oh, aber doch“ Er drehte sich in fließenden Bewegung um, die ihr ebenso beiläufig einen Dolch hätte ins Herz stoßen können wie sie nur mit einer eindeutigen Handbewegung auf Abstand zu halten und dazu zu bringen, hastig die Hand wegzuziehen. Auch wenn sie natürlich versuchte den Moment zu überspielen und so zu tun, als hätte sie nie etwas anderes vorgehabt. Sehr gekonnt, musste man frei von Neid anerkennen.
„nicht so eilig, C-“
Er funkelte sie aus zu hellen Augen an. Selbst sie wagte es nicht den verfluchten Namen daraufhin noch einmal auszusprechen.
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Ihre Miene und ganze Haltung änderten sich abrupt. Sämtliche Koketterie verschwand und es stand plötzlich eine alte, sehr alte Frau im Körper einer jungen vor ihm. Eine, die sich ihrer Macht vollauf bewusst war und zurückfunkelte. Hielt sie ihn etwa immer noch für den Jungen von damals? Ich glaube, den Part hat sie tatsächlich nie begriffen. Sonst würde sie nicht ‚Herr‘ sagen.
„Schön. Dann eben keine Höflichkeiten.“ Sie kam ohne weitere Umschweife zur Sache. „Sorg dafür, dass sie nicht noch einmal zu meiner Tür kommt.“
Er hob eine dezidiert zweifelnde Augenbraue. Na also bitte.
“Sie ist nur ein kleines Mädchen, das seinen Bruder vermisst.“ Was in aller Welt stört dich an dem kleinen Ding so? Lass sie einfach ab und zu eine Weile zueinander und gut ist.
Dieses Mal lachte Dankrun auf eine Art und Weise, die weitaus unangenehmer war.
Sein betont offener Blick wandelte sich zu einer anderen Art zusammengezogener Augenbrauen. Es machte keinen Sinn, bei Dankrun seine Emotionen verstecken zu wollen. Da konnte man genauso gut versuchen einem überaus wachen Bären Honig direkt vor der Nase verstecken zu wollen. Will sie damit insinuieren, dass die Kleine ein Kuckuckskind ist? Angeblich durch Andere ausgetauscht?
Er hätte beinahe selbst scharf aufgelacht. So ein Unfug. Sicherlich, es kam immer mal wieder ein Kind abhanden. Ob nun durch eine Bestie oder eine Einzelperson unter den Anderen, die aus der Art geschlagen war. Aber unter den Anderen war es nie allgemeine Sitte gewesen, Kinder ihren Ältern wegzunehmen. Die einzigen, von denen er das je regelmäßig erlebt hatte, waren die Magi. Es gab Gründe, warum heutzutage sie gejagt wurden und sich verstecken mussten. Und während die Magi damals dafür garantiert nichts hinterlassen hatten, war der Anstand solcher fehlgeleiteter Anderer seines Wissens auch nie weiter gediehen als vielleicht eine Sachgabe im Tausch dazulassen. So wie heutzutage manche Leute für Sklaven bezahlen würden. Aber sein eigenes Kind für ein anderes auszutauschen?
„Mach dich nicht lächerlich.“
Ihre Miene veränderte sich erneut und das Mondlicht schien einen Moment lang beinahe ein zweites Gesicht hinter dem ersten anzudeuten, so eklatant war der Unterschied.
„Na, na.“ Sie hob einen tadelnden Finger, der sich auf eine -für jemanden, der Dankrun nicht kannte- erstaunlich sinnliche Art und Weise bewegte, obwohl die Bewegung eine winzige war. Dankrun hatte es schon immer verstanden, die Blicke auf sich zu ziehen, wenn sie das wollte.
„Wenn du deine Augen verschließen willst, dann tu, was du nicht lassen kannst. Aber erwarte nicht dasselbe von mir. Das hier war ein freundlicher Rat, keine Drohung.“ Sie trat näher an ihn heran und flüsterte ihm zu, einen Moment lang so nahe am Ohr, dass er ihren warmen Atem spüren konnte.
„Das hier ist eine Ansage.“ Sie zog sich wieder auf ihren Platz zurück und verschränkte die Arme in einer betont schmollenden Geste, die besser bei einer Hofdame aufgehoben gewesen wäre denn bei der Dorfheilerin, die sie die letzten Jahre spielte.
„Wenn du es nicht tust, werde ich es tun.“
Es lag ein Unterton in ihrer Stimme, der klarmachte, dass auch sie nicht vorhatte, Spielchen zu spielen. Nicht hierbei. Egal was sonst ihre Art war.
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Es war das erste Mal in diesem ‚Gespräch‘, dass er bereit war, ihr mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Das war keine Ansage. Das war eine Warnung.
Warum in aller Welt würde sie ein kleines Mädchen verletzen wollen?
Er legte die Frage klar und deutlich in den Blick, den er ihr zurückgab. Nicht, dass es das groß gebraucht hätte. Sie war immer noch eine Meisterin ihres Fachs.
„Ich habe meine Gründe. Und dein Mädchen ist nicht wonach es aussieht.“
„Sie ist nicht mein Mädchen.“
„Oh.“ Dankrun hob sanft ein Knie, neigte sich zur Seite und hob gleichzeitig eine zarte Hand an ihren hübschen spitzen Mund. „Mein Fehler.“
Sie wedelte mit der Hand als mache sie eine ganz bestimmte Bewegung mit einem zugeklappten Fächer. „Ich dummes Ding muss mich wohl vertan haben. Natürlich kann es nicht sein, dass jemand wie Ihr so einfach um den Finger gewickelt wird. Noch dazu von jemandem, der es nicht einmal absichtlich tut.“
Bitte was? Als ob wir sowas nicht merken würden. Aber kein Grund, ihr das auf die Nase zu binden.
Sie ist normalerweise aber ziemlich gut, wenn es um so etwas geht…
„Hast du in letzter Zeit vielleicht ein paar zuviel … Wesen um dich herum bemerkt, hm?“
Jetzt sah er ehrlich verwirrt drein. Bei mir? Nein. Was soll das denn jetzt heißen? Hatte es etwa im Dorf irgendwelche Vorfälle gegeben, die er nicht mitbekommen hatte? Das hätte ich doch wohl bemerkt.
„Nein?“ Erneut veränderte sich ihre Miene abrupt.
„Ah. Na, mach was du willst. Vielleicht ist es bei dir ja ganz gut aufgehoben. Aber wenn du das Kind nicht von meinem Haus – und dem Jungen…“ – sie sagte es milde, beinahe wie einen Nachgedanken; aber ihm wurde abrupt klar, dass der Zusatz alles andere als das war – „…fernhältst, dann werde ich tun, was immer nötig ist.“
Noch klarer konnte ein Warnung von Dankrun überhaupt nicht ausfallen.
Warum will sie die Geschwister so unbedingt voneinander getrennt halten? Um ihren Einfluss auf den Jungen kann es ihr jedenfalls nicht gelegen sein. Undenkbar, dass Dankrun sich darum Gedanken machen sollte.
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Er ging mit mehr Fragen als er gekommen war – und einem ziemlichen Ärger im Bauch.
Vielleicht hätte ich anders mit ihr reden sollen, flüsterte ein kleines Stimmchen. Gewillter zuhören. Jemandem wie ihr? Das war noch nie eine gute Idee. Bei aller Freundschaft. Dankrun war vielleicht noch die Beste unter den Schlechten und im Grunde ihres Herzens überhaupt keine schlechte Person, aber… Sie würde niemals die Last ihrer Jahre loswerden, genausowenig wie er selbst. Manche Reflexe verließen einen nicht mehr. Und einer von Dankrun war ständig irgendwelche neuen … Pläne zu köcheln. Sich immer neue Eisen im Feuer zu halten, selbst wenn sie diese notfalls auch hätte kalt schmieden können.
Was also war dieser neueste?
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Was immer es war, am Ende siegte wie immer seine Vernunft. Kein Grund zu riskieren…
Es hätte ganz gewiss nicht Alberich gebraucht, der schließlich auch noch seine Aufmerksamkeit gefordert hatte. Mit einem ähnlichen Ansinnen; weil sich die Kleine -Freundin auch von Runa, die sie war- wohl auch in der Nähe der Mühle herumgetrieben hatte während ihrer mehrwöchigen Winterpause hier. Die eigentlich mehrere Monate hätte dauern sollen, eine eher gemütliche Zeit wie für alle anderen auch. Das geht nun wirklich zu weit.
Er musste wohl dringend noch ein Wörtchen seinerseits mit Dankrun reden, was das Thema anging, seine Liebschaften gewohnheitsmäßig auf andere anzusetzen, sobald sich auch nur die geringste Gelegenheit dazu ergab. Aber für den Moment hatte er die Schnauze mal wieder gestrichen voll von ‚Gesellschaft‘. Menschen. Magi, meinst du wohl. Neeiin. Ich meine ganz genau, was ich sage.
Das hier hatte sehr viel weniger damit zu tun, was die beiden waren als was sie füreinander waren.
Und was war das, wenn nicht urmenschlich?
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„Pack deine Sachen.“
Die Kleine rieb sich, im frühen Morgengrauen offensichtlich noch müde, die Augen. Dann weiteten sich besagte Äuglein und starrten ihn an.
„Aber…“
„Kein Aber. Es wird Zeit.“ Er konnte sehen, wie hin- und hergerissen sie war. Wie ihr Blick kurz in eine ganz bestimmte Richtung schweifte und sich dann wieder auf ihn fokussierte.
„Wir müssen wieder hinaus.“ Wie sich ihr Gesicht verschloss, als sie ihre Entscheidung traf.
Der Protest wollte weiter hochquellen – aber die Angst vor seinem Unwillen war größer. Es lag in ihren kaum wahrnehmbar zitternden Gliedern, der Art wie ihre Lippe kurz bebte, die Augen zuckten. Sie drehte sich wortlos um, um seiner Aufforderung nachzukommen.
Für einige kurze Momente sah es aus, als ob sie nur wahllos Sachen in den Rucksack stopfte, den er für sie gemacht hatte. Dann schien sie sich darauf zu besinnen, was er ihr beigebracht hatte. Gut.
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Sintrams eigener Blick schweifte einen Moment in dieselbe bestimmte Richtung, während er die Kleine tiefer in den Schnee zwischen die Bäume trieb, die nun sehr dezidiert ihre Augen nicht mehr dorthin richtete. Er unterdrückte das Kopfschütteln ebenso wie das Seufzen, das in ihm selbst hochquellen wollte.
Dankrun. Ich hoffe du weißt, was du da tust.
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Explore the English Sneakpeeks
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Die deutsche Version ist schon weiter als die Übersetzung;
da es sich bei ihr um das Original handelt ;)
Wer mag, kann aber natürlich auch mal die (freie) englische Übersetzung testen
(die wiederum, da sie neuer ist, hier und da Updates erhalten hat, die wiederum in der deutschen noch eingefügt werden müssen - das klassische Work in Progress-Problem):
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