Kapitel 12: Lehrjahre
Von Lehrstunden, Gemeinheiten und den Unwägbarkeiten eines Herzes.
Die erste Zeit über lernte ich vor allem eines – still sein.
Und warten.
Es war ein bisschen wie Versteckspielen, nur dass mein Spielpartner mitunter gar kein Interesse daran zu haben schien, mich zu finden und ich nicht einfach herauskommen durfte, wenn mir das Warten zu langwierig wurde. Und natürlich, dass er nicht groß suchen musste, wenn er mich finden wollte… Wie er bei den Gelegenheiten bewies, wenn er mich tatsächlich in der Absicht losschickte, mich daraufhin zu prüfen.
Tiere bekam ich anfangs so gut wie gar keine zu Gesicht. Weil ich noch zu laut und auffällig sei, lautete die Begründung. Und es schien tatsächlich eine ziemlich sinnvolle Begründung, denn wenn ich einmal Waldtiere sah, dann wegspringend, weghuschend, wegwuselnd – oder fortfliegend, ziemlich am Rande meines Trecks. Richtige Waldtiere schienen ziemlich scheu und nervös zu sein. Deutlich scheuer als selbst die Eidechsen am Dorf – und erst recht im Vergleich zu den Vögeln, denen man gelegentlich mal einen Brocken hinwarf, um sie zu locken; oder gar den Hunden und Katzen. Der Jäger beharrte darauf, dass es an mir lag, dass die Viecher im Wald immer wegrannten – was ich erst ein wenig gemein fand, denn schließlich war er doch viel größer und bedrohlicher als ich...?!
Die ersten paar Male, in denen er fortging und mich warten hieß –und das hieß auf einem Fleck zu verharren ohne sich zu regen– oder mich fortschickte, dass ich mich verstecken solle, lieferten allerdings recht schnell die Erkenntnis, dass er mit seiner Behauptung Recht haben könnte: Denn wenn ich beim Herumschleichen auf der Suche nach einem geeigneten Versteck auf ein Tier stieß, rannte es ganz genauso davon als wäre er mit dabei. Und wenn eines vorbeikam, während ich wartete, und ich mich auch nur ein bisschen bewegte, dann war es auch ganz schnell wieder weg.
Später sollte ich mich noch einige Male fragen, ob ich früher wirklich dermaßen laut und auffällig gewesen war, wie er es mich gern glauben gemacht hatte. War ich tatsächlich so ein Trampel? Es war im Nachhinein, mit meinem bis zu dem Zeitpunkt gesammelten Wissen nicht mehr ganz so einfach vorstellbar. Womöglich hatte Sintram hier und da dann doch ein wenig nachgeholfen, damit ich mich etwas mehr hineinhängte als ich es sonst vielleicht getan hätte. Wenn ja, so konnte ich es durchaus verstehen. Es gibt Situationen in denen ‘gut’ einfach nicht ausreicht. Und er hatte von Anfang an darauf abgezielt mich zu mehr als nur einem durchschnittlich guten Jäger zu formen, erst recht nach normalmenschlichen Maßstäben.
Es gehörte einfach zu seiner Art. Wenn man schon etwas tat, dann richtig.
Hätte ich damals herausgefunden, dass er mich so an der Nase herumführte, wäre ich allerdings vermutlich ganz schön wütend geworden.
Aber als kleines Kind erschien mir die dargebotene Erklärung ganz und gar schlüssig.
***
Sintram wartete mit seinem Besuch im Dorf mehrere Wochen.
So lange, bis er sich sicher war, dass die Kleine blieb, wo sie war, wenn er sie entsprechend anwies und nicht davonrannte, ihm hinterherzukommen versuchte oder sonst irgendwelchen Unfug anstellte; selbst wenn man sie scheinbar einige Stunden alleine ließ, in denen sie sich vergessen fühlen mochte. Es gab keinen Grund, weshalb sie erfahren sollte, dass er mit ihren Ältern sprach, und je nachdem eventuell auch noch einigen anderen Leuten; jedoch so einige Gründe, weswegen es besser war, wenn sie davon nichts wusste. Und so sehr eilte die Sache dann doch wieder nicht, schließlich war sie schon bei ihm. Die Aussicht auf diese Gespräche bereitete ihm wenig Freude; und so war es kein Wunder, dass er wie so oft nicht gerade die freundlichste Miene zur Schau stellte, als er ins Dorf kam.
Nachdem er die bereits in ihren Angeln etwas eingerostete Tür zur Kate ihrer Eltern wieder hinter sich zugeknallt hatte, sodass sie nunmehr leicht schief in jenen Angeln hing, war diese Miene keinen Deut besser geworden. Eher noch grimmiger. Und sie nahm nochmals um einige Grade an Frostigkeit zu, während er den Rest hinter sich brachte; ganz besonders nachdem er an der Hütte am Waldrand vorbeigesehen hatte, die Dankrun und nunmehr offenbar auch der kleine Bruder seines neuen Lehrlings bewohnte. Ausgerechnet. Na, das konnte ja heiter werden…
Bis er wieder in die Nähe des Ortes zurückgekehrt war, wo er die Kleine zurückgelassen hatte, war seine Laune immer noch nicht bedeutend besser geworden. Er spürte, dass er große Lust gehabt hätte, sie an jemandem auszulassen – also hielt er sich zurück und drehte erst noch ein paar Runden. Sie konnte noch ein Weilchen länger warten. Schließlich kam ihm der Gedanke, ob sie es während seiner Abwesenheit wohl geschafft haben könnte, so leise und unauffällig zu sein, dass sie nicht alle Tiere im weiten Umkreis verscheuchte; gar so vorsichtig, dass vielleicht tatsächlich eines näherkam. Abrupt machte er kehrt. Er sollte lieber wissen, ob sich ein Ansporn abmildernd veränderte oder sie ihn gar schon ganz verloren hatte und er sich etwas Neues einfallen lassen musste. Also schlich er zurück und zirkelte um ihre Position herum.
Ihrer Miene nach zu schließen, war nichts weiter vorgefallen, keine großartigen Änderungen oder Neuerungen. Nun, sonderlich lange war er nun auch wieder nicht fort gewesen. Er blieb erst einmal, wo er war, und beobachtete sie weiter. Sich in diese kleine Aufgabe vertiefen zu können, tat sichtlich seiner Laune gut, so stellte er schließlich fest, während er die Kleine mit gelegentlichen winzigen Geräuschen mal hier und mal da/dort absichtlich narrte, die gespannt Ausschau nach den vermeintlichen Tieren hielt, aber keines entdecken konnte. Vielleicht hätte er gleich direkt hierherkommen sollen; die paar Runden zuvor hatten deutlich weniger gebracht. Aber er sollte sie auch nicht zu sehr zum Narren halten.
Also zog er sich wieder zurück und beobachtete sie still noch ein wenig weiter. Nachdem die nahen Geräusche wieder verstummt waren – nicht, dass ein Wald im Normalzustand je völlig leise war – nahm ihre gezielte Aufmerksamkeit nach einer Weile wieder ab und schließlich schloss sie sogar eine Weile lächelnd die Augen und reckte das Näschen den feinen Sonnenstrahlen entgegen, die sich den Weg durchs Dickicht der Baumkronen über ihr zu dem halb in einem Gebüsch verborgenen, moosüberwucherten kleinen Hügel suchten, den sie sich als Warte ausgesucht hatte.
Eigentlich ein perfekter Moment, sie aus ihren Träumereien zu reißen und überrascht hochschrecken zu lassen; aber noch hatte er keine Lust, sie zu stören. Es war ein wirklich schöner Spätsommertag und im Grunde hatte sie gar nicht so unrecht mit ihrem Tun.
Außerdem hatte er sie nur angewiesen zu warten, da konnte man es schon einmal durchgehen lassen. Für einen kleinen Moment blinzelte er selbst in die Sonne hoch und machte es sich gemütlich, ehe er wieder hinunter auf die kleine Lichtung blickte, die er ausgesucht hatte.
Nach geraumer Zeit kam schließlich ein unvorsichtiges Blaukehlchen daher, wohl um sich an den nicht weit gelegenen Elsbeeren gütlich zu tun. Es dauerte ein kleines Weilchen, bis die Kleine den Vogel ebenso bemerkte und neugierig ihre Aufmerksamkeit dorthin ausrichtete. Er konnte förmlich sehen, wie sie ihn in Gedanken lockte näherzukommen oder wenigstens nicht gleich wieder abzuhauen, konzentriert wie ihr Gesichtsausdruck war. Bedächtig reckte sich der Jäger. Bis jetzt bemerkte der Vogel entweder nichts von seinem Beobachter oder es kümmerte ihn nicht, weil er Dörfler schon kannte – Blaukehlchen konnten ziemlich zutraulich sein.
Für einen Moment tauchte ungebeten ein Bild aus seiner Erinnerung auf, von einem teuer hergerichteten Zimmer, in dem ein ebensolcher Vogel in einem golden schimmernden Käfig gehalten worden war. Dann konzentrierte er sich wieder auf die Situation vor sich. Noch konnte er es längst nicht brauchen, dass sie diesen großteils natürlichen Ansporn wieder verlor, etwas gegen ihre eigene Tapsigkeit zu tun. Sein Blick fixierte sich auf den Vogel. Zeit ihn loszuwerden.
***
Ärgerlich beobachtete ich, wie der Vogel sich verschreckt in die Lüfte erhob und davonflatterte, ohne dass ich einen rechten Grund dafür ausmachen konnte. Verdammt. Ich hatte mich doch wirklich nur ein ganz kleines bisschen bewegt, nur ganz leicht mein Gewicht verlagert, weil mein linkes Bein dabei gewesen war, einzuschlafen. Und ich war mir so sicher gewesen, dass es diesmal nicht danach aussah, als würde es wieder geschehen. Ich seufzte. Jedes Mal ärgerte es mich aufs Neue, wenn mir so etwas passierte.
Ich nahm mir vor, noch besser aufzupassen; noch leiser zu sein, noch länger durchzuhalten… Ich war einfach noch nicht gut genug.
Noch längst nicht. Aber was erwartete ich auch nach nur wenigen Wochen der Übung... so einfach war fehlendes Training grundlegender Dinge eben doch nicht zu überwinden.
Und dabei hatte ich mich bis dahin immer für recht gut im Versteckspiel gehalten. Offensichtlich war ich längst nicht so gut wie ich angenommen hatte.
Aber deswegen lernte ich ja am Anfang erst einmal vor Allem das Warten und Verstecken…
***
Naja, deswegen... und weil ich es natürlich aus einem ganz bestimmten anderen Grund dringend nötig hatte, besser im Schleichen zu werden:
Feréll.Anfangs hatte ich Dämlack es nämlich tatsächlich damit versucht, brav bei der Alten zu klopfen.
Lieb nach ihm zu fragen.
Die Reaktion?
Sie fuhr mich barsch an, dass ich verschwinden sollte und knallte mir die Tür vor der Nase zu. Einfach so! Ohne jede Erklärung!
Oh, ich hasste diese Frau.
Nach ein paar Mal von diesem Spiel machte sie nicht einmal mehr auf. Als hätte sie gelernt, mich schon an meinen Schritten von potentiellen Kunden zu unterscheiden, die sie anfangs wohl stattdessen erwartet hatte. Jedes Mal danach, wenn ich auch nur in die Nähe kam, verschwand sie komischerweise genau dann mit ihm in der Hütte, wenn sie gerade draußen in ihrem Kräutergarten gewesen waren. Als hätte sie mich schon von Weitem bemerkt. Zumindest wüsste ich nicht, welche zwei Gestalten -eine groß, eine klein- es sonst gewesen sein sollten, die ich da aus der Ferne erahnen konnte, wie sie sich an der Heilerhütte herumtrieben und dann in ihr verschwanden, wenn ich mich dorthin abseilte, während Sintram mit dem Fang ins Dorf stiefelte, um ihn in der Wirtschaft abzuliefern.
Andere Gelegenheiten überhaupt nach Nebelfurth zu gelangen, bekam ich kaum. Entweder waren wir weit weg — oder ich war derart todmüde, wenn wir zurückkamen, dass ich trotz jeden Wollens meinen Körper nicht mehr wegbewegt bekam. Sondern am nächsten Morgen beschämt feststellen musste, dass ich schon wieder einfach eingeschlafen war, wo ich doch so verdammt nochmal hatte wachbleiben wollen, um eine Chance zu kriegen. Jedes Mal nahm ich mir hochheilig vor, mich zu der anderen Hütte hinüberzuschleichen, um einen Blick zu erhaschen, sobald der Jäger dachte, ich wäre eingeschlafen, und mir Gelegenheit dazu gab. Manchmal verschwand er nämlich nachts. Auch wenn ich mir nie wirklich sicher sein konnte, dass er tatsächlich weg war und mich nicht nur prüfte, angesichts der Erfahrungen beim Verstecken... Was wenn er mich nur prüfte? Wenn ich nur gewusst hätte, auf was. Was, wenn er mich rausschmiss, wenn ich sowas anfing?
Und trotzdem war der Drang dazu fast unüberwindbar.
Immerhin hatte er mir anfangs — als ich ihm natürlich auch dazu hinterhergestiefelt war, damals als er das allererste Mal seit meiner Ankunft bei ihm wieder Wild abliefern ging — als ich mich prompt dabei fand, sehnsüchtig hinüberzuschauen wo Feréll sein musste -und dann zum Dorfplatz, wo die anderen spielten- nur einen Wink gegeben, der ein eindeutiges Wegscheuchen war. War kurz stehengeblieben, hatte einen einzigen Blick auf mich geworfen und wohin mein Blick ging — und dann das: Ein kurzes, hartes Handwedeln mit so einem komischen Seitenblick. Kusch. Als sei ich ihm plötzlich gerade sehr lästig. Vielleicht weil er dadurch gerade wieder bemerkt hatte, dass ich noch da war. Ihm immer noch an den Fersen hing, wie ein besonders dummer Hund. Naja, wahrscheinlich war ich das sowieso. Lästig, meine ich. Jedenfalls wollte er mich bei Geschäften unter Erwachsenen offenbar nicht dabei haben.
Vielleicht war auch ein kurzes Nicken mit dem Kinn dabei. Dieses wegwerfende, eher freundliche wenn jemand meint ‚na, geh’? Ich weiß es nicht. Damals war ich noch zu ängstlich, um in sein Gesicht hochzusehen. Was ich wusste, war, dass ich mich schon wieder wie ein treudoofer Hund verhielt, bei ihm erst recht, und es ärgerte mich. Aber ich konnte es einfach nicht abstellen. Vielleicht wollte er auch nur einen falschen Eindruck bei den Erwachsenen vermeiden, dass er irgendwelche väterlichen Gefühle mir gegenüber entwickelt hätte? Ich hatte keine Ahnung. Damals verstand ich solche Feinheiten der Kommunikation noch nicht. Ich wusste nur, dass es mich beständig zu dieser verdammten Hütte hinüberzog. Zu Feréll.
Genauso wie ich schnell lernte, dass die Alte wie ein bissiger Wachhund mit faulem Atem darüber wachen würde, dass ich ihn auch ja nicht erreichen konnte. Ich verstand nicht wieso. Nur dass es so war. Davon, dass es meist, wie schon gesagt, viel zu spät am Tag war, ganz zu schweigen. In der Nacht konnte ich ja wohl kaum hinüber, um die Beiden aus dem Bett zu scheuchen. Wenn ich das getan hätte, hätte ich mich auch nicht gewundert, dass sie mir was hustete. Aber so wie sie schon reagierte als ich das erste Mal dort ankam? Mitten am Tag, und brav und anständig fragend?
Es war das erste und einzige Mal gewesen, dass ich ihn kurz aus der Nähe hatte sehen können. Dass er eindeutig noch lebte. Mit irgendetwas auf dem Fußboden spielend, halb hinter ihren Röcken verborgen. Ich hatte mich nicht davon abhalten können, mich zur Seite zu lehnen, um an ihren Beinen vorbeizugucken. Ihm zuzurufen. Feréll!
Er hatte nicht gleich hochgesehen, zu versunken in sein Spiel – erst nach dem zweiten Mal. Feréll, geht es dir gut? Ich bin’s Lili. Strahlend. Winkend.
Etwa in dem Moment, als sie die Tür zuknallte - und mir infolgedessen das Gesicht herunterfiel. Und sich dann in tiefe Falten legte.
Zugegeben, danach hab’ ich ihre Tür getreten... Nicht, dass es mehr gebracht hätte, als dass mir danach der Fuß wehtat. Aber mal ehrlich - was will man von einem Kind von nicht mal sieben Jahren erwarten? Wenn sowas ohne jede Erklärung passiert?
Okay, vielleicht habe ich auch geflucht. Auf sie. Aber... Aber das ist doch kein Grund.
Also hatte ich mich bald darauf verlegt, es verstohlen zu tun. Zu versuchen mich anzuschleichen, um so wenigstens ein paar Blicke auf mein Brüderlein erhaschen zu können. Oder ihn vielleicht doch mal ohne sie vorzufinden... Vielleicht wenn er grad im Garten hinter dem Haus war? Und wenn nicht dann... wenigstens mal kurz hineinlinsen?
Und sei es nachts, wenn beide schliefen...
Aber als ich begann, an den Fenstern hochzuklettern, um genau das zu tun – waren rasch die Fensterläden auch noch sämtlich geschlossen.
Und bald darauf erhaschte ich nicht einmal mehr von Weitem einen Blick auf ihn. Nicht einmal als den kleinen Schemen neben dem großen, der wahrscheinlich ihrer war, irgendwo weit dort vorne. Weil sie ja schließlich in der Gegend ihrer Hütte waren. Als Einzige.
Ich hatte keinen blassen Schimmer, wie sie das machte. Einfach so zu verschwinden, jedes Mal, wenn wir wieder zum Dorf kamen. Waren sie ausgezogen? Denn woher in aller Welt hätte sie wissen sollen, wann Sintram -und ergo auch ich- zurückkam? Das schien er ja selbst oft nicht zu wissen. Spontan aus irgendeiner Laune heraus zu entscheiden. Und es war wohl kaum so, als ob er ihr das ankündigte. Ich wüsste nicht mal, wie er das hätte tun sollen. Abgesehen davon, dass ich irgendwie den untrüglichen Eindruck hatte, dass er sie auch nicht sonderlich leiden konnte. Wie so ziemlich keiner. Jedenfalls machte er immer einen schön weiten Bogen um Dankruns Hütte. Nicht immer auffällig, aber manchmal... manchmal wusste selbst ich, dass eine andere Route zum Dorf schneller gewesen wäre. Jedenfalls später, als ich genug gelernt hatte, um den Wald dort ausreichend in- und auswendig zu kennen, um das zu merken.
Aber die anderen haben mir später gesagt, dass sie noch da waren. Alle beide. Als ich endlich so weit resigniert hatte, dass ich nicht mehr jeden freien Moment nur auf diese vergeblichen Versuche verschwendete, sondern auch wieder bei meinen Freunden vorbeizuschauen...
Ich hatte fürchterliche Angst, dass es ihm dort nicht gut ging. Wie könnte es? Bei Dankrun?! Aber ich wusste auch nicht, was ich sonst hätte tun sollen, abseits der beständigen Versuche zu ihm vorzudringen und verbissenem Training bei meinem neuen Ausbilder. Mir fiel einfach nichts ein. Jedenfalls nichts, was geholfen hätte. Ich war noch nicht mal sieben. Und sie war so… so… übermächtig.
Also… dauerte es eine ganze Weile, ehe ich wieder bei meinen Freunden anrückte. Um ehrlich zu sein, noch länger, weil ich nicht wusste, wie ich erklären sollte, dass ich mich so lange nicht hatte blicken lassen.
Bis der innere Druck größer wurde als die Angst und ich einfach hinging. Mit höchst schlechtem Gewissen und eingeknicktem Schwanz, wie Prinz, wenn er wusste, dass er was so richtig falsch gemacht hatte.
Und einer versteckten Gewissheit tief in meinem Hinterkopf: Ich war nicht gut genug.
Und jetzt war ich auch noch zum miesesten Freund der Welt mutiert. Wo ich doch schon vorher kein sonderlich guter gewesen war.
Ich musste, verdammt nochmal, mehr lernen und besser werden, wenn ich endlich an Dankrun vorbeikommen wollte. Aber das würde bedeuten, dass ich meine Freundschaften nur umso mehr vernachlässigte. Ich konnte nur eines von beidem haben. Aber ich war, verdammt nochmal, seine große Schwester. Wenn sich schon unsere Eltern nicht kümmerten, dann lag es bei mir, das zu tun. Ich musste stark genug werden, ihn endlich beschützen zu können.
Das Schlimmste daran? Auch wenn ich nicht benennen noch wirklich greifen konnte, was es war, was meine Seele dort, mitten im Wald, fand, als ob es ein riesiges Loch in mir füllte — aber irgendetwas ließ mich beide jedes Mal völlig vergessen. Meine Freunde ebenso wie meinen Bruder. Und die Zeit gleich mit.
Es war fast als ob mir mein Leben lang jemand ein Kissen aufs Gesicht gedrückt hätte, bis ich beinahe erstickte. Und dort, bei ihm? Als könnte ich zum ersten Mal frei atmen.
Trotz des Wartens, trotz der manchmal seltsamen und oft auch sehr anstrengenden Aufgaben, trotz seiner Prüfungen — sogar trotz meiner Angst, er könne mich einfach wieder wegschicken. Selbst die merkte ich nur in den Momenten, wenn ich plötzlich mit stolperndem Herzen wieder aus friedlicher Versunkenheit aufwachte und mich daran erinnerte, dass ich doch eigentlich Angst haben sollte. Vor allem hier — und ihm vor allem. Aber wenn ich in ihm nach ihr suchte, fand ich sie nicht. Es war das erste Mal, dass sich so etwas wie ein erstes zartes, vages Erkennen einschlich, dass die Angst nur in mir war. Bei ihm? Da fühlte ich sie immer noch nicht. Trotz all der Gruselgeschichten über ihn. Hatten sie etwa alle Angst vor ihm nur weil er stiller war als andere? Also ich fand das sehr angenehm. Genauso wie…
Warte… War es etwa, weil er nicht ständig grinste wie ein Clown? Aber das tat ich doch auch nicht…
Nein, ich begriff es einfach nicht. Aber auch wenn ich nicht verstand, was genau er damit bezweckte — was er mich tun hieß waren jedenfalls... Spiele. Einfach nur Spiele.
Ich hatte nicht erwartet, dass eine Ausbildung beim Jäger derart viel Spaß machen würde. Um genau zu sein… hatte ich das komplette Gegenteil erwartet. Aber er war der Jäger, also musste das schon seine Richtigkeit haben, auch wenn ich noch nicht genau erfassen konnte, was mir das bringen sollte, um Monster oder Hexen zu bezwingen. Wobei… Vielleicht ein bisschen. Zumindest was das unbemerkt bleiben anging. Ich konnte mir definitiv vorstellen, dass das seinen Nutzen hatte. Und es war nicht das geringste Schlimme dabei.
Manchmal vielleicht ein bisschen Langeweile. Aber was war Langeweile für mich Luftikus? Egal wo ich hinsah, ich fand überall etwas, das mich beschäftigte. Formen in den Wolken, im Schatten, im Licht zwischen den Baldachinen der Bäume. Sonderbare Gestalten und Fabelwesen im kreuchenden und fleuchenden Getier. Ich würde nie verstehen, wie mein Bruder Angst vor einem Eichhörnchen hatte haben können. Der musste wirklich einen Sonnenstich gehabt haben... Eichhörnchen? Puschelige kleine, extrem niedliche Wesen. Und scheu noch dazu. Egal wie sehr ich versuchte, sie anzulocken. Ich wäre froh gewesen, wenn eines mit mir geredet hätte. Abgesehen davon konnte mich allein schon das Rauschen des Winds in den Blättern, das sanfte Gluckern einer Quelle oder der Gesang versteckter Vögel, die ich versuchte mit den Augen zu finden und doch kaum je sah, stundenlang beschäftigen. Ich konnte mir nicht vorstellen, jemals müde zu werden, dem hinterherzujagen oder auch nur still zu lauschen. Und hinter jedem leisen Knacken konnte ein Fuchs oder anderes interessantes Tier stecken, mit ihren weichen Fellen und hellen Augen, lustig feuchten Nasen oder vielleicht auch puscheligen Ohren. Vielleicht sogar ein Kobold. Auch wenn ich noch nie einen gesehen hatte. Vielleicht würde ich ja mal einen sehen, wenn ich nur leise und still genug werden konnte?
Und Etwas in mir wurde zaghaft mit jedem Tag davon weiter, wo vorher nur Enge gewesen war; allen Schreckmomenten zum Trotze. Ich fühlte mich... merkwürdig sicher. Bei diesem merkwürdigen, stillen Mann, der für andere nur Gefahr auszustrahlen schien. Ich merkte immer noch nichts von ihr. Ich spürte nur Ruhe. Frieden. Auch wenn ich meine Freunde gern mit eingeladen hätte und sie mir fehlten — und ich mir sagte, mein kleiner Bruder müsse es natürlich noch viel mehr. Sorry, Tay.
Und Jannai... und alle anderen, weil man ja niemanden bevorzugen soll. Verdammt. Ich mache schon wieder alles falsch.
Aber die Wahrheit war: Ich merkte oft genug nicht einmal, wieviel Zeit verging, ohne dass ich auch nur ein einziges Mal an sie alle gedacht hätte, während wir unterwegs waren.
Ich war nicht nur der schlechteste Freund aller Zeiten — ich war auch noch die schlechteste Schwester in diesem ganzen, weiten Land.
Dessen war ich mir nur allzu bewusst sobald das Dorf wieder in Sicht kam und mich zu ihnen eilen ließ, voller Scham im Kopf und Schuld im Bauch.
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Explore the English Sneakpeeks
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Die deutsche Version ist schon weiter als die Übersetzung;
da es sich bei ihr um das Original handelt ;)
Wer mag, kann aber natürlich auch mal die (freie) englische Übersetzung testen
(die wiederum, da sie neuer ist, hier und da Updates erhalten hat, die wiederum in der deutschen noch eingefügt werden müssen - das klassische Work in Progress-Problem):
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