Kapitel 1: Geschichten im Nebel (Pt.2)
Nebelfurth hatte so einige Ungereimtheiten...
Die Ungereimtheiten, die ich meine, lagen anderswo.
Beispielsweise war der Name irreführend – denn Nebelfurth lag beileibe nicht, wie man als Fremder hätte annehmen wollen, an einem Fluss und erstreckte sich zu den Seiten einer Furt über selbigen, wie es sonst bei Orten solchen Namens üblich war. Nein, das Dorf lag am Ufer eines großen Sees. Es gab zwar einen Zufluss auf unserer Seite, der den See ersichtlich speiste – aber dabei handelte es sich eigentlich schon eher um einen Bach denn um einen wirklichen Fluss; gerade so noch genug um die einzelne Mühle anzutreiben, die seit einer Weile dort stand, zum Stolz des ganzen Dorfes. Und so wie das Dorf gelegen war und seine Entstehung vermuten ließ, schien es eher von den Ufern des Sees aus diesem Bach zugewachsen denn umgekehrt. Die Nebelfurther jedenfalls leiteten den Namen ihres Wohnsitzes vom See her: Dem sogenannten Nebelsee.
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Der wenigstens verdiente seinen Namen. Denn von Frühjahr bis Winter, den ganzen Winter hindurch und über jeden Tag und jede Nacht hinweg wogten über seiner Oberfläche die Nebelschwaden. Die, die ihn so weithin bekannt gemacht und sogar einige ergreifende volkstümliche Balladen inspiriert hatten, die man schon seit Jahrzehnten, wenn nicht gar Jahrhunderten, in ganz Oril immer mal wieder zum Besten gab.
Dichter werdend und schließlich gleich einer undurchdringlichen Wand zog sich der Nebel dahin, je weiter es auf den See hinausging. Das ging so weit, dass keiner, der nicht den See umrundet hätte, je das andere Ende sehen konnte. Das allerdings hatte aus der Dorfbevölkerung wohl noch keiner getan. Und um ehrlich zu sein? Wusste man auch von keinem Fremden, der das getan hätte. Jedenfalls gab es keinerlei Berichte darüber, die den Einwohnern je zu Ohren gekommen wären. Und man sollte doch eigentlich davon ausgehen, dass sie das täten, oder?
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Nein, die Dorfbewohner hatten Besseres zu tun als tagelang am Ufer entlang zu laufen – und so groß wie der See war, hätte es gut und gerne Wochen dauern können, bis man ihn umrundet hätte. Stattdessen wollten Reusen ausgelegt und kontrolliert, eingeholt und gelegentlich ausgebessert werden. Desgleichen die Netze, deren Instandhaltung zusätzlich wertvolle Tageslichtstunden fraß. Und für den gelegentlichen richtig großen Brocken -wenn man einmal schon genug Tagesfang hatte- die gut gepflegte und gehegte Angelrute, die wahrscheinlich noch von Großvatern stammte.
Sodann musste irgendjemand die Fische ja auch putzen und ausnehmen und für die Lagerung oder den Transport zum nächsten Markt vorbereiten. Meist den der nächstgelegenen wirklichen Stadt – also Nebelwall, gleichen Namens wie das Gebirge, einige Tagesreisen Richtung Nordosten. Oder man versuchte direkter zu verkaufen, wenn das Gasthaus im Ort -neben der Mühle die zweite, alteingesessene und überdies höher gepriesene Großeinrichtung der Dorfgemeinschaft- gerade entsprechend offene Kapazitäten hatte. Oder, als letzte Möglichkeit: Wenn die Holzfäller oder Bauern aus den nächsten zwei Dörfern zum Tauschen kamen. Das war immer ein Juchee, sage ich Euch! Da wimmelte es im Dorf, als sei Festtag.
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„Und natürlich mussten wir Kinder die Unbekannten auch immer bestaunen.“
Ein rascher Wink an die Kleinsten.
„Die waren schließlich eine unerhörte Neuerung in unserem eintönigen Alltag.“
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Manche besonders Mutige machten sich auch einmal selbst auf den Weg dorthin, zum nächsten Dorf, wo die Holzfäller im Wald lebten. Oder was zumindest für die Fischer so ‚im Wald‘ hieß. Die Holzfäller hätten uns wahrscheinlich dafür herzlich ausgelacht.
Wollten man seinen Fang derart vor allen anderen loszuwerden, so hieß das freilich, sich auch noch die zusätzliche Mühe zu machen, den ganzen Fisch selbst haltbar zu machen. Und die wenigstens besaßen eine Räucherkate. Oder auch nur den Dachstuhl dazu – und das hieß Rauch in der Bude, überall und schrecklich dicke. Wenn man überhaupt so viel Holz hatte.
Die allermeisten mussten also zwangsweise darauf warten, dass der Köhler das machte, der zu diesem Zweck immer mit den Holzfällern und Bauern mitkam. Oder den bezahlen, der eine Kate hatte, um sie nutzen zu dürfen. Bei uns hieß das: gegen einen Anteil – je nach Verhandlung entweder von den Käufern oder aber den Verkäufern besagten Fisches zu bezahlen; und in entsprechend anderer Währung.
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„Die Holzfäller zahlten natürlich nicht mit Fisch, sondern in Holz, eh?“
Hm. Da waren schon wieder verwirrte Blicke unter den Kleinsten.
Ein bisschen mehr hiervon und ich habe sie bettfertig, damit die Geschichte losgehen kann. Hoffentlich sind bis dahin nicht zuviele Ältere vergrault. Oder sie haben sich an meine Vorwarnung bezüglich der trockenen Fakten gehalten.
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Seltener kam auch einmal ein Händler extra den langen -und potentiell gefährlichen- Weg durch die tiefen Wälder nach Nebelfurth, um sich eine ganze Wagenladung Fisch zu holen — und vorher Güter an Dorfvorstand, Schmied und Wirtshaus auszuliefern, um besagten Wagen vollends leerzukriegen. Der meistens aber nicht mehr sooo voll war. Ich nehme an, wenn du schon so einen Weg auf dich nimmst, dann macht es nur Sinn, dass du auch unterwegs Geschäfte machst. Und da wir der nicht nur sprichwörtlich, sondern im wahrsten Sinne des Wortes letzte Herd auf dieser Strecke waren… waren besagte Händler meist schon ziemlich ausgeräubert, was nicht extra weit im Voraus schon bestellte Waren anging.
Auch wenn der Wagen auf den ersten Blick nie so wirkte. Denn eines hatte der Händler immer besonders viel auf dem Karren, der voll von Fässern war – Salzlake.
Für die Fische natürlich, nicht für uns. Die Fässer waren also in aller Regel leer, abgesehen von besagter Lake. Die Sachen, die Händler in Nebelfurth verkauften oder tauschten, gegen die Fische, die kamen eher in versteckten Kisten daher.
Dennoch, so ein Tag war erst recht ein besonderes Juchhei, fast schon ein Festtag; zumindest für uns Kinder. Denn die Händler kamen noch seltener als die Holzfäller. Selbst die meisten Älteren – Erwachsene, meint das Wort; Jugendliche hießen bei uns ‚Größere‘, auch wenn das natürlich nur für uns Kinder wirklich Sinn machte – waren an solchen Tagen mehr oder minder froher Laune.
Je nachdem, wieviel sie auszugeben und der Händler noch übrig hatte an Waren, die man so brauchte und sonst nirgends bekam. Außer natürlich, man nahm den langen und beschwerlichen Weg nach Nebelwall selbst auf sich.
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Ein Weg, von dem so mancher nicht wiederkam, der es alleine versuchte.
Manche behaupteten natürlich, die seien weggerannt. Hätten wohl keine Lust mehr auf das Fischerleben gehabt und anderswo ihr Glück versucht. Aber zu meiner Zeit wollte trotzdem niemand mehr alleine in den Wald.
Man musste sich also schon eine Gruppe zusammensuchen – und die Wenigsten konnten es sich leisten, zu lange von der Familie wegzubleiben, die schließlich tagtäglich versorgt werden musste. Selbst der Schulze und unser örtlicher Händler nahmen die Reise nach Nebelwall nur auf sich, wenn es unbedingt sein musste – und unser Dorfvorstand hatte Schwert und Rüstung, der Händler starke Leute mit Knüppeln, die er zu dem Zwecks als Wachen anstellte; Leute, die wir sonst als die mutigen Holzfäller aus dem nächsten Dorf kannten, die sich doch tatsächlich in diesem Wald niedergelassen hatten. Wenn auch nur am Rande. Da wo der Weg entlangging. Auch wenn ‚Weg‘ fast schon ein bisschen zuviel gesagt ist. Wenn nicht ab und zu die Karren durchgemusst hätten, wäre er wahrscheinlich längst nicht mehr als solcher zu erkennen gewesen.
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Explore the English Sneakpeeks
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Die deutsche Version ist schon weiter als die Übersetzung;
da es sich bei ihr um das Original handelt ;)
Wer mag, kann aber natürlich auch mal die (freie) englische Übersetzung testen
(die wiederum, da sie neuer ist, hier und da Updates erhalten hat, die wiederum in der deutschen noch eingefügt werden müssen - das klassische Work in Progress-Problem):
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